Posts by Panaray

    Ich würde dir empfehlen mal die Leipziger Buchmesse zu besuchen. Die Atmosphäre und der Umgang ist in der Regel viel familiärer, einfach umgänglicher. Gerade als Comic-Fan dürfte dein Herz dort wahrscheinlich viel höher schlagen. Das Messegelände ist kleiner, dafür moderner und schöner. Samstags wird es in der Regel ziemlich voll und somit auch eng, da dann eine Meute von mangaesken Menschen über die Messe herfällt. Ein optisches Spektakel. Ich war im Frühjahr von Freitag bis Sonntag in Leipzig. War eine tolle Zeit und Leipzig ist nebenbei auch eine sehr schöne Stadt, die an für sich schon einen Besuch wert ist.

    Gerüchteweise hörte man, dass am ersten Messetag zwar der neue Dan Brown-Roman „Das verlorene Symbol“ sehr werbewirksam mit LKWs angeliefert wurde, die Hörbuchfassung am Stand von Lübbe sehr zum Ärger von einigen Hörbuchfans aber vergessen wurde. Typisch möchte man sagen, denn werden Hörbücher im Buchhandel seit eh und je stiefmütterlich behandelt.

    Dem möchte ich gerne widersprechen. Hörbücher von neuem Werk von Dan Brown waren vorhanden (zumindest noch zahlreich am Donnerstag, als ich eines mitnehmen durfte). Hörbücher haben mittlerweile ihren Stellenwert im Buchhandel, was auch die teilweise sehr guten und umfangreichen Hörbuchprogramme einiger Verlage unterstreichen. Sicherlich könnten diese weitaus besser präsentiert und auch als Alternative bzw. Zusatz zum Buch angeboten werden, aber eine moderne Buchhandlung kommt am Hörbuch nicht vorbei. Leider sind auch viele Kunden ein wenig pikiert, wenn ihnen ein Hörbuch angeboten wird (O-Ton "Ich kann schon lesen..."). Es existieren immer noch Berührungsängste, die wir noch nehmen müssen (vor allem beim Hörspiel!)

    Die von dir angesprochene "stiefmütterliche" Behandlung findet sicherlich noch im Buchhandel statt, keine Frage, aber die Gemeinsschaftsstände der Hörbuchverlage tragen leider nicht zu einer besseren Basis zwischen Verlag und Buchhandlung bei. Schon im letzten Jahr war mir der Bereich ein kleines Greuel. Trotz der Enge wirkten die Stände verloren, die Regale irgendwie leer. Dieses Jahr bestätigte meinen Eindruck abermals, mit dem Unterschied (den du auch schon beschrieben hattest), dass sogar fachkundiges Personal schwer zu finden war. Es mangelt an einer klaren Linie, eventuell das Geld um eine wirklich gute Präsentation auf die Beine zu stellen. Das einige Hörbuch-Verlage dieses Jahr nicht anzutreffen waren ist zudem ein Indiz, dass sich der Aufwand für die Messe in deren Augen nicht lohnt oder schlichtweg zu kostspielig ist. Immer mehr Verlage müssen Kosten senken, effizienter werden. Das gilt für große, renommierte, etablierte Publikumsverlage, als auch für kleinere in wahrscheinlich noch größerem Maße. Zudem gönnen sich nur wenige Verlage die Möglichkeit (indes auch den Luxus) Hörbücher in Eigenregie zu produzieren und zu vertreiben. Vieles läuft ja auch über Autragsarbeiten.

    Da ich nur am Donnerstag auf der Messe war, kann ich kein großes Fazit ziehen. Ich habe mich auf die großen Publikumsverlage konzentriert. Daher war es recht entspannt, habe viele nette Gespräche geführt. Insofern ein schöner Tag, der keiner Hetze oder Stress unterlag. Als Buchhändler freue ich micht natürlich über die zahlreichen starken Neuerscheinungen und das Frühjahr 2010 wird auch ein paar Perlen mit sich bringen.

    Eine ältere Rezension von mir, jedoch nochmals eine Hommage an ein verteufeltes Hörspiel...ideal für die einsamen, kalten und dunklen Nächte, die nun anbrechen... :D


    Inhaltsangabe

    London im Herbst 1888: Fünf Prostituierte werden auf bestialische Weise ermordet. Der Täter nennt sich ''Jack the Ripper'' und kann immer wieder unerkannt entkommen. Die Beamten von Scotland Yard ermitteln in die falsche Richtung; sie ahnen nicht, daß der Mörder dreihundert Bahn-Kilometer weit weg, in der Stadt Liverpool zu finden ist: Der arsen- und stychninabhängige, von Eifersucht zerfressene Baumwollhändler James Maybrick...


    Story

    Gleichmäßig und einem Schicksal verbunden läutet das kalte Dröhnen der Glocken das Hörspiel Jack The Ripper ein. Tödliche Ruhe, ein Abschied heißt uns willkommen. Eine Kutsche fährt vorüber, rollt klackernd über Kopfsteinpflaster und verliert sich in einer traurigen Nacht. Es war sein erster Mord. Eher ein Zufall, Spuren eines Missgeschicks sind zu entdecken. Jack The Ripper wird beiläufig geboren. Ein lang anhaltender, kräftiger Druck. Gleich einer Wehe, schält sich James Maybrick aus seiner bürgerlichen Fassade. Er entledigt sich seiner Grenzen, seines Gewissens. Unter seinen kräftigen Händen zuckt mit dem letzten Atemzug der Leib einer Prostituierten. Was sich vorher so plastisch, so unnachgiebig in sein Fleisch presste, liegt nun schal und abgestorben vor ihm. Was bleibt im Arsenrausch, was heftet sich in Erinnerungen nach solch einem Augenblick?! James Maybrick hat den Tod gesehen, seine Macht ein Leben auszuquetschen und seinem Hass auf seine Ehefrau eine Möglichkeit zur Entfaltung geboten. Hass, eine brennende Motivation, ein Abbild seiner Ehe mit Florie, die ihn, nach seiner Ansicht, bereits über Jahre betrügt. Ein Nährboden, der über einen langen Zeitraum seine Seele mit kranken Gedanken fütterte. Doch seine erste Begegnung mit seiner dunklen Seite, war nur ein abklingender Geschmack auf der Zunge. Ein flüchtiger Eindruck, der mehr offenbart, als hinterlässt.

    Das Werk von Ripperrecords arbeitet mit Rückblenden, wälzt sich in Kontrasten und vermischt jene zu einer verstörenden, ja schonungslosen Analyse einer der faszinierendsten Gestalten der Geschichte. Doch beschreitet Jack The Ripper nicht den Pfad des rein Fiktionalen. Historische Fakten und Indizien schnüren ein tragendes Korsett, das in der Gestalt von James Maybrick gesprengt wird. So darf jede Person in dem Hörspiel von sich behaupten, wirklich auf der Welt verweilt zu haben. Wohl gemerkt, der Ripper ist kein Produkt eines Literaten, keine Ausgeburt übler Gerüchte. Er lebte, er wirkte. So soll das Hörspiel verstanden werden. Es ist sein Hörspiel, es ist seine Bühne. Er will sich präsentieren, in opulenten Blutkaskaden waden, in den Adern des Hörenden pulsieren, verstanden werden. Läßt sich jedoch solch ein Treiben, solch eine menschliche Kreatur verstehen?!

    Jack The Ripper wirkt durch seine Taten abstoßend, schonungslos, kalt. Hinter dieser bedrückenden Einsicht in eine Seele, wartet derweil ein schwacher Kern, der hilflos nach Halt sucht. Arsen und seine suchtfördernde Wirkung spielt eine zentrale Rolle für die Erklärung des Rippers. Es ist seine Motivation, sein Mittel um moralische Grenzen niederzureißen. Es ist sein Abgrund, der Kreuzgang der eigenen Schwäche, das Eingeständnis eines degenerierten Geistes. Die andere Säule bildet Maybricks Hass auf Frauen, insbesondere der auf seine Ehefrau Florie, welcher im Laufe der Geschichte, zu einem Ventil anwachsen und vorbehaltlos dem weiblichen Geschlechte zur Tragödie wird. James Maybrick will die Welt von dem Schmutz, dem lüsternen Aspekt in Form der Prostitution entgegentreten.

    Wie ausgeprägt der Charakter von Jack The Ripper erscheinen soll, bestimmt die Regie durch die Wahl eines Ich-Erzählers, der seine Taten vorträgt, in sie eintaucht, aber nur stellenweise reflektiert. Die fehlende Einschätzung der Verbrechen ist nur konsequent. Paranoid von Arsen, gefangen in seinen Wahnvorstellungen und angetrieben von einer perversen Lust am Leid, verliert sich James Maybrick in seiner blutigen Welt voller Selbstgerechtigkeit. Gerechtigkeit erfährt der Ripper nach seinem ersten Mord zudem nicht. Niemand hat die Tat beobachtet. Das vermittelt ein Gefühl der Sicherheit und schürt die Sehnsucht nach mehr, nach bleibenden Eindrücken.

    Jack The Rippers Schaffen entwickelt sich vom Affekt hin zum geplanten Mord. Erwürgte er sein erstes Opfer nur, so geht er nun mit einem speziellen Messer zu Werke. Sein Auftreten wird bestimmter und fordernder. Seine seelische Qual und die immense Wut lassen ihn sein Opfer aussuchen, treffender, selektieren. Das Messer wird zur kommunikativen Basis seines Wahnsinns, in dem es sich tief in den Körper der nächsten Prostituierten und des Hörers bohrt. Wenn Jack arbeitet, wie er es zu nennen pflegt, blendet das Hörspiel detaillierte Beschreibungen aus. An diese Stelle tritt die krächzende, keuchende und eifernde Stimme des Sprechers, welche das Greuel, dieses abartige Schlachten viel intensiver zur Wirkung bringen kann. Es bedarf guter Nerven, dem Ripper beim Morden über die Schulter zu blicken.

    Wie bereits erwähnt, durchziehen den Plot klar angesetzte und gut durchdachte Kontraste. Zweierlei sind besonders erwähnenswert. Zum einen die Rückblenden, die Jack The Ripper krank ans Bett fesseln und mit schrecklichen Träumen von seinen Streifzügen durch Whitechapel plagen. In diesen Momenten liegt er gebrochen und dem Tode nahe danieder. Seine Frau, dieses verhasste Subjekt, pflegt ihn. Nicht ahnend wenn sie da eigentlich betreut. Den anderen Kontrast stellen die Ermittlungen der Polizei dar. Sie symbolisieren den Verstand, der die Taten verstehen will und ihnen ein Ende setzen möchte. Im Gegensatz zu den rasenden Ausbrüchen von Jack The Ripper, welche seinen Morden zu Grunde liegen, und nur akustisch ausgekleidet werden, gehen die Untersuchungen der Polizei ins Detail. Obduktionen beschreiben ruhig und schematisch das ausufernde Gemetzel. Es klingt ratlos und schafft Distanz. Schilderungen von durchgetrennten Kehlen, abgeschnittenen Nasenspitzen, Gedärmen neben dem Torso und fehlenden Nieren sind zu vernehmen. Es ist nun der Schrecken der Worte und nicht der Laute. Der Hörer erhält die Gelegenheit das Unvorstellbare zu verarbeiten. Ripperrecords schafft durch diese Art und Weise Emotion und Ratio zu verbinden. Ein sehr spannender und ungemein effektiver Schachzug.

    Jack entdeckt sich weiterhin mit jedem Mord neu. Es keimen Wünsche nach Beachtung, Anerkennung, gar Bewunderung auf. Mittlerweile fühlt er sich als Werkzeug Gottes. Genüsslich schlürft er in Phasen der Ruhe eine kräftige Rinderbrühe mit Arsen, brütet über seine nächste Arbeit und blättert in der bunten Londoner Presse. Häme wächst angesichts der frevelhaften Artikel über rätselhafte und brutale Morde an Prostituierten. Ein Ende ist nicht in Sicht…

    Letztlich bleibt die Frage, ob die aufgegriffenen Fäden zur Erklärung der Person Jack The Ripper ausreichen. Reicht eine CD aus, um den psychologischen Abgründen dieses Menschen gerecht zu werden, vielmehr um sein Handeln nachvollziehbar zu gestalten?! Spannend ist es geworden. Die Geschichte berührt, gibt logische Anreize und wirft ein Zusammenspiel einer eitlen Persönlichkeit und ihrer Auswüchse in die Runde. Es ist keine kritische Auseinandersetzung, sondern eine hypothetische Reise in die Gedankenwelt des Bösen. Bisweilen entdeckte ich in diesem Sinne eine leichte Spur der Euphorisierung, eine ungefilterte Sichtweise. Doch liegt darin auch nicht der Reiz, zu entdecken wo das Gute in einer fremden Gestalt und in einem selbst aufhört?! Diese Gratwanderung des Humanen und des Moralischen. Der Ripper spielt auch hier nach seinen eigenen Regeln. Wem diese Akzentuierung zusagt, welche durchaus auch eine tiefere Sichtweise zuläßt, darf sich über ein Meisterwerk freuen.


    Sprecher

    Ein Monster. Dieser Dietmar Mues spricht Jack The Ripper und presst den letzten Funken Menschlichkeit aus ihm heraus. Diabolisch und anspruchsvoll, charmant und pervers. Mues spricht den Tod aus, das Leid und die Lust dieses zuzufügen. Hass, diese Wut, selbst die Schneide des Messers des Rippers hat eine Stimme. Die Leistung von Mues ist unbeschreiblich. Es sprechen noch viele andere Menschen in diesem Hörspiel mit, doch der Ripper stellt eines deutlich klar: Das ist meine Geschichte, mein Kunstwerk. So gilt es auch für diesen Part. Alle anderen sind nur Statisten, obgleich sehr fähige und vorzügliche. Herr Mues gleitet über die Haut, verursacht Angst. Pompös, elegant, aus allen Fasern strömt das Böse.


    Musik

    Wunderbar düstere Klavierstücke schmücken die Handlung dezent aus. Sie sind nicht stets präsent, spielen keine vordergründige Rolle, zumal sie sich vor dem dominanten Ton von Herrn Mues eh nur verkriechen könnten. Ja, die Musik selber flieht vor dem blutigen Machwerk von Jack The Ripper. Sie vermittelt Angst und Bedrohlichkeit und scheint gleichzeitig diesen Aspekten zu erliegen. Sorgfältig arrangiert und gezielt in Szenen implementiert.


    Effekte

    Deftig und ekelerregend, würde wohl die Kulisse passend beschreiben. Schweiß ist zu hören, die existenzielle Furcht der Opfer, die Macht der Gewalt und des Wahnsinns. Dazu ruhige Klänge von Kirchenglocken und Menschengruppen. Ein Portfolio des Grauens.


    Cover

    Das Debüt von Ripperrecords besticht durch einen eleganten und sehr individuellen Stil. Ein unheimliches Bild. Ein kleiner, zerbrechlicher Mensch wirft einen überdimensionalen und bedrohlichen Schatten voraus. Ein Einblick in das Wesen von Jack The Ripper und ein klares Exempel, für ein Meisterwerk, das nur darauf wartet gehört zu werden. Das stilvolle Booklet offeriert wunderschöne Zeichnungen der Sprecher und grundlegende Hintergrund-Informationen zum Hörspiel und zur Person Jack The Ripper.


    Fazit

    Jack The Ripper verschiebt Grenzen und zeigt Wege auf, was Hörspiel an sich bedeuten kann. Ein absolutes Monstrum, aber ist es der Wahrheit letzter Schluß? Was meinen sie, Herr Maybrick...