Shadow Chasers – 6 – Das Geheimnis des Schriftstellers. Tja, da ist sie nun. Eine Folge mit einer sehr bewegten Geschichte (ähnlich Folge 8).
Fangen wir am Anfang an. Also: Es war einmal vor langer, langer Zeit, da schrieb ich eine erste Fassung (damals noch mit anderem Titel) des Dialogbuchs – so mit 17 – und fand die Auflösung völlig überraschend, unerwartet und nie dagewesen. Mit dem Täter rechnet ja wohl niemand?! Was für ein Plottwist. Von all dem, was ich geschrieben habe, war das auf jeden Fall meine Lieblingsgeschichte.
Und dann habe ich kurze Zeit später ein paar Sachen gelesen und gehört (z. B. lustigerweise Die Ferienbande) und dachte so: „Oh … vielleicht ist das alles doch nicht soooo überraschend.“ Trotzdem fand ich das Dialogbuch immer noch wirklich gut, atmosphärisch und spannend, und dachte mir: Ich mache aus dem Dialogbuch einfach einen Roman. Gesagt, getan. Ich habe die ganze Geschichte in einen Roman umgeschrieben, habe mich dann aber – mal wieder - nicht getraut, diesen zu veröffentlichen oder irgendwo bei Verlagen einzureichen. Hier aber mal ein kurzer exklusiver Ausschnitt der ersten Seite (unverändert):
Es war ein warmer Sommerabend – die Sonne stand tief am dunkelblauen, wolkenlosen Himmel. Deutlich war das Rauschen des Meeres zu hören. In der Oceanhill Street, im Abschnitt zwischen der Steilküste und dem Badestrand, am Rande einer kleinen Stadt nahe San Francisco, war nicht mehr viel los. Nur noch vereinzelt liefen Kinder mit Fußbällen vom Strand herauf nach Hause. Die Häuser in dieser Gegend waren fast alle recht klein und heruntergekommen. An nicht wenigen Fassaden bröckelte der Putz von den Mauern. Die Vorgärten waren von dem langen, heißen Sommer vertrocknet, und die Menschen hier, wie in ganz Kalifornien, waren froh, dass dieser sich allmählich dem Ende zuneigte.
Drei Gestalten, die sich unauffällig hinter einem Gebüsch versteckt hielten, spürten, dass es allmählich kälter wurde. Ruby Temple, Gregory Grant und Matt Reeves starrten schon den ganzen Tag auf einen Bungalow auf der anderen Straßenseite, als würden sie auf etwas warten, doch nichts regte sich dort. Nur einmal kurz war ein Schatten hinter dem Vorhang des Wohnzimmerfensters, das zur Straße lag, erschienen. Eventuell eine Katze. Das Auto, ein alter Opel Corsa, stand unbewegt in der Einfahrt. Im Garten war niemand.
Und dann dachte ich … mmmhhh … vielleicht würde sich die Geschichte auch gut als Drei-Fragezeichen-Folge eignen. Also habe ich mich hingesetzt und das Ganze umgeschrieben, auf Justus, Peter und Bob zugeschnitten und die Geschichte dann tatsächlich auch eingereicht. Der Kosmos-Verlag war wenig interessiert. Und das ist auch völlig okay 😉.
Wenn man das weiß, hört man der Folge meiner Meinung nach übrigens an, warum ich ausgerechnet diese als mögliche Drei-Fragezeichen-Folge ausgesucht habe.
Ich habe das ganze Buch dann noch mehrere Male umgeschrieben, den Charakteren neue Namen verpasst, den Titel geändert und neue Szenen hinzugefügt.
Nun, wir spulen viele, viele Jahre vor: Dank Carsten Hermann, dem ich dafür eeeewig dankbar sein werde, erblickten Ruby, Matt und Gregory doch noch das Licht der Hörspielwelt. Ich wusste natürlich: Irgendwann werde ich auch „Das Geheimnis des Schriftstellers“ (Arbeitstitel: „Der Wahrheit auf der Spur“) veröffentlichen. Nur wann? Als erste Folge? Das war ursprünglich meine Idee, denn die Auflösung wäre dann tatsächlich doch überraschender gewesen. Aber dafür hätten wir den „Schriftsteller“ noch nicht richtig kennengelernt.
Als letzte Folge? Als großes Finale? Falls es mal eine große letzte Folge geben sollte, habe ich dafür schon etwas anderes im Kopf. Also habe ich mich entschieden: Die Geschichte wird einfach Folge 6 – ohne großes Brimborium.
Was habe ich dann gemacht? Ich habe mein Buch genommen (mit den neuen Szenen, die gar nicht im ursprünglichen Dialogbuch vorhanden waren) und es wieder in ein Dialogbuch umgeschrieben … und das war ziemlich schrecklich! Ich wollte auf etwa 10.000 Wörter kommen – und das hat so gaaaaar nicht geklappt. Am Ende waren es 16.000 Wörter. Ich konnte mich einfach von keiner einzigen Szene trennen, die ich extra für das Buch geschrieben hatte – „Kill your Darlings“ ging einfach nicht. Also habe ich meine wunderbare Frau gebeten, einmal drüber zugehen und den Rotstift anzusetzen. Und sie hat dann ganz radikal 5.000 Wörter gestrichen – zum Glück. Trotzdem ist das Hörspiel die bisher längste Shadow-Chasers-Folge geworden, mit ca. 81 Minuten.
Durch die Kürzungen der einzelnen Szenen hat die Folge trotz der Länge eine gewisse Kurzweiligkeit. Es geht schnell los, und wir springen in der ersten Hälfte des Hörspiels von Szene zu Szene. Es gibt, wie ich finde, kaum Längen. Die Dialoge sind kürzer als sonst und fühlen sich irgendwie anders an … ich kann es gar nicht genau benennen. Die Folge hat auf jeden Fall eine andere Atmosphäre als die ersten fünf Folgen: weniger verspielt, ernster – für lustige Kommentare ist etwas weniger Zeit. Es fühlt sich auch ein bisschen so an, als wäre die Erzählperspektive leicht verschoben – als hätte die Rolle des Schriftstellers in der Shadow-Chasers-Welt hier und da etwas dazu gedichtet, was so nicht passiert ist (klingt etwas kompliziert, aber vielleicht versteht man es beim Hören) oder Dinge weggelassen, die ihm unangenehm sind.
Die Folge bietet auf jeden Fall weniger Nostalgie als die Folgen 1 bis 5 und auch weniger Abenteuer-Feeling. Eher in Teilen ein kindgerechter Thriller mit ebenso kindgerechtem Gruselfaktor. Nach der rasanten ersten Hälfte der Folgen, spielt die zweite Hälfte dann nämlich größtenteils in einer unheimlichen Villa, und hier nimmt sich die Geschichte dann auch Zeit: Die Villa als Handlungsort wird schön lange bespielt und bekommt Raum zu atmen. Und wie immer mit tollen Geräuschen von Eric Onder de Linden unterlegt.
Und was die ursprünglich mal so überraschende Auflösung angeht: Das Ganze habe ich einfach umgedreht. Der Täter ist von Anfang an bekannt, und wir, die Hörerinnen und Hörer, haben einen Wissensvorsprung gegenüber den Shadows. Auch bei der ein oder anderen neu eingeführten Figur ist von Beginn an klar: Die hat etwas mit dem Fall zu tun. Die Folge tut gar nicht erst so, als wäre es nicht so. Und das mag ich sehr, denn die Folge nimmt die Zuhörerinnen und Zuhörer (jung und alt) ernst. Dadurch, dass relativ früh klar ist, wer gut ist und wer nicht, entwickelt sich die Spannung unter anderem daraus, dass wir die Zusammenhänge nicht kennen, die dann mit einem Knall enthüllt werden … bevor der Täter seinen Plan komplett ausführen konnte. Die Shadows sind halt eine clevere Truppe, und auch das zeigt die Folge sehr gut.
Was ich an der Folge auch wirklich mag, ist, dass Ruby, Matt und Gregory jeweils ihre Momente haben. Klar, es ist Michael Gugel als Matt, der mit seinen Solo-Szenen im Gruselhaus besonders heraussticht. Aber auch Nicole Silbermann als Ruby und Heinrich Benke als Gregory verleihen ihren Figuren hier eine gewisse Tiefe. Gregory zwischen Verliebtheit und Genervtheit. Und Ruby darf als eine Art Sherlock zeigen, wie überlegen sie ist.
Und natürlich Mark Bremer als der Schriftsteller, der hier seinen ersten großen Auftritt hinlegen darf – und das wirklich großartig spielt. Die Rolle des Schriftstellers, die in den ersten Folgen ja noch ein großes Fragezeichen war, wird durch ihn auf jeden Fall greifbarer. Der Schriftsteller wird zu einer Art Anti-Hitchcock – was mir beim Schreiben gar nicht so bewusst war, was ich aber sehr gerne mag und auch in späteren Dialogbüchern immer mal wieder aufgegriffen habe.
Genug geschwärmt: Wie sich hier wohl herauslesen lässt, mag ich die Folge wirklich sehr. Ob es immer noch meine Lieblingsfolge ist? Das kann ich allerdings nur schwer beantworten. Ich könnte auf jeden Fall noch ganz viel dazu schreiben.
Eine Sache vielleicht noch: Es ist die erste Folge, bei der ich sage, dass man die ersten fünf Folgen der Shadows gehört haben sollte – zumindest eine oder zwei davon. Es wäre auf jeden Fall hilfreich. Man wird hier sofort ins Geschehen hineingezogen. Die Interviews des Schriftstellers mit Ruby, Matt und Gregory (zum ersten Mal in einer Folge werden alle drei einzeln interviewt) finden einfach statt und werden nicht groß erklärt.
Also: Viel Spaß beim Hören. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen.
Liebe Grüße
Tobi