Perry Rhodan: Sternenozean – 19. Operation Kristallsturm

  • Perry Rhodan – Sternenozean – 19. Operation Kristallsturm

    Die vierte Staffel setzt nicht bei Perry Rhodan an, sondern auf Terra, wo mehrere bislang getrennte Entwicklungen plötzlich ineinandergreifen. Aus dem Sternenozean ist Ash Irthumo in den Normalraum zurückgestürzt, und Reginald Bull entdeckt dort nicht nur überlebende Motana, sondern auch deutliche Spuren davon, dass Perry und Atlan hier gewesen sind. Gleichzeitig macht Myles Kantor im Solsystem eine wesentlich beunruhigendere Entdeckung: Aus der in der Sonne ruhenden toten Superintelligenz ARCHETIM führt ein sechsdimensionaler Energiestrom bis in die Große Magellansche Wolke. Der Verdacht liegt nahe, dass dort eine unbekannte Macht Energie abzapft – und angesichts des wachsenden Gon-Orbhon-Kults fällt der Name des selbsternannten Gottes sehr schnell. Während die eigentliche Operation Kristallsturm als Expedition nach Magellan vorbereitet wird, soll ein zweites Projekt klären, ob sich die Energie ARCHETIMS überhaupt speichern und technisch nutzen lässt. Mondra Diamond begleitet dafür ein Experiment mit einem speziell ausgerüsteten Forschungsschiff und dem schwer verletzten Wissenschaftler Malcolm Scott Daellian, dessen Körper weitgehend zerstört ist und dessen Gehirn in einem lebenserhaltenden Behälter weiterexistiert. Dann entdeckt Mondra an Bord einen Saboteur mit Sprengladungen – und der scheinbar wissenschaftliche Test wird innerhalb weniger Sekunden zum Überlebenskampf.

    Nach dem sehr geschlossenen Finale von „Die Mediale Schildwache“ verlangt „Operation Kristallsturm“ zunächst eine gewisse Neuorientierung. Die Folge springt von Jamondi nach Terra, Hayok, Ash Irthumo und in die Nähe der Sonne und eröffnet dabei mehrere Baustellen gleichzeitig. Darin liegen für mich Reiz und größte Schwäche zugleich: Die Terraner finden erstmals eine konkrete Spur von Perry und Atlan, Gon-Orbhon wird mit dem Energieabfluss aus Sol in Verbindung gebracht, die Auswirkungen der Hyperimpedanz werden weiter untersucht und die Expedition nach Magellan nimmt Gestalt an. Das alles ist wichtig, wirkt aber eher wie der Aufbau eines großen neuen Abschnitts als wie eine für sich stehende Geschichte. Gerade im ersten Drittel muss man sehr aufmerksam zuhören, weil Namen, technische Begriffe und politische Entscheidungen dicht aufeinanderfolgen. Wer noch genau weiß, was auf Terra in „Die Sekte erwacht“ geschah und wie Hayok nach „Kampf um den Speicher“ zurückgelassen wurde, kommt deutlich leichter hinein. Dafür gefällt mir, dass die Serie erneut den Mut hat, Perry selbst fast vollständig aus dem Zentrum zu nehmen. Sein Verschwinden ist hier sogar spannender, weil andere Figuren aus den Spuren seiner Reise Rückschlüsse ziehen müssen. So zeigt die Geschichte schön, wie groß dieses Universum inzwischen geworden ist: Rhodan ist wichtig, aber die Welt hört ohne ihn nicht auf. Auch zeitgenössische Besprechungen sahen gerade die Stofffülle und die Einordnung der vielen Handlungsfäden als größte Herausforderung dieser Folge.

    Am stärksten finde ich den Handlungsstrang um Mondra und Daellian. Das Experiment mit der RAINBOW besitzt zunächst etwas angenehm Technisches: Energie wird gemessen, gespeichert, umgeleitet, Sicherheitsabläufe werden diskutiert und niemand weiß genau, wie sich die veränderten Naturgesetze auf das Ganze auswirken. Dann sitzt plötzlich ein Attentäter an Bord, und aus dieser wissenschaftlichen Versuchsanordnung wird ein ziemlich klassischer Sabotagethriller. Mondra funktioniert darin hervorragend, weil sie nicht auf eine rettende Eingebung wartet, sondern ermittelt, reagiert und den Gegner schließlich selbst stellt. Noch interessanter ist Daellian. Seine körperliche Existenz als „Container-Gehirn“ könnte leicht nur als grotesker Science-Fiction-Effekt dienen, bekommt aber durch seine trockene Art und seine fast schon demonstrative Arbeitsbesessenheit Persönlichkeit. Gleichzeitig bleibt offen, ob der Gon-Orbhon-Kult tatsächlich hinter jedem Anschlag steckt. Dramaturgisch ist das letzte Drittel klar das stärkste: Schüsse, Sprengladungen und das überlastete Energiesystem treiben die Handlung plötzlich sehr direkt voran. Bis dahin braucht die Folge Geduld. Dafür zahlt sie mit einem deutlichen Versprechen aus: Die Große Magellansche Wolke ist nicht länger nur ein Punkt auf einer Karte, sondern das Ziel einer Expedition, die den zweiten großen Handlungsraum des Zyklus eröffnen wird.

    Heide Domanowski bekommt als Mondra Diamond endlich wieder einen großen Auftritt und trägt weite Teile des Hörspiels beinahe allein. Mir gefällt, dass sie Mondra weder als übercoolen Geheimdienstprofi noch als bloße Vertreterin Perrys spielt. Ihre Stimme besitzt Entschlossenheit und zugleich genügend Wärme. Romanus Fuhrmann macht Malcolm Scott Daellian zu einer echten Überraschung. Er gibt dem körperlich extrem eingeschränkten Wissenschaftler trockenen, fast schwarzen Humor und verhindert, dass dessen Schicksal nur tragisch ausgespielt wird. Friedhelm Ptok verleiht Julian Tifflor jene ruhige politische Autorität, die man bei den vielen strategischen Entscheidungen braucht, Hasso Zorn bringt Homer G. Adams die vertraute abgeklärte Sicherheit, und Klaus-Peter Grap lässt Myles Kantor glaubhaft zwischen wissenschaftlicher Faszination und Alarmbereitschaft wechseln. Lutz Riedel setzt Reginald Bull mit vergleichsweise wenigen Szenen sofort markant daneben. Sabine Arnhold als Marla Sarasi, Thomas Nicolai als Biopositronik und Bodo Wolf als Schiffsführer runden die Besetzung ab. Auffällig ist, wie wenig Christian Schult diesmal erklären muss, sobald Mondra an Bord ist. Der Erzähler gibt Orientierung, zieht sich aber häufiger zurück und lässt die Figuren selbst tragen – das tut der Folge gut.

    Akustisch gehört „Operation Kristallsturm“ wieder zu den Produktionen, bei denen man versteht, warum diese Reihe einen solchen Ruf besitzt. Das Experiment nahe der Sonne bekommt eine enorme räumliche Größe: tiefe technische Grundgeräusche, Energieimpulse, Warnsysteme und die ständig präsente Belastung des Schiffes erzeugen das Gefühl, dass hier mit Kräften gearbeitet wird, die eigentlich weit über das hinausgehen, wofür die Technik gebaut wurde. Besonders im Sabotagefinale zahlt sich das aus. Wenn die Systeme überlasten, Schüsse fallen und das Schiff auseinanderzubrechen droht, ist jederzeit nachvollziehbar, wo Mondra sich befindet und was gerade ausfällt. Auch Ash Irthumo und die terranischen Kommandozentralen bekommen eigene Klangräume, wodurch die vielen Schauplätze nicht ineinander verschwimmen. Christian Hagitte und Simon Bertling setzen erneut auf die Mischung aus Berliner Filmorchester und elektronischer Gestaltung, lassen den Score diesmal aber stärker nach technischem Thriller klingen als nach mythischer Space Opera. Neu ist der Abspannsong: Covenants „The World Is Growing Loud“ wird von Radiopilots „Post #1“ abgelöst. Der deutschsprachige Elektropop wirkt deutlich anders als die bisherigen Staffelstücke. Für mich ist das zunächst gewöhnungsbedürftig, als hörbares Signal für den Beginn einer neuen Staffel aber durchaus passend.

    Das Cover macht genau das Gegenteil der handlungsreichen Folge und wirkt beinahe wie eine eingefrorene Vision. Mehrere gewaltige futuristische Türme oder Maschinenkörper ragen aus einem nebligen, blauweißen Gelände, darüber öffnet sich ein tiefschwarzer Sternenhimmel mit angeschnittenen Planeten. Die Formen im Vordergrund erinnern gleichzeitig an Industrieanlagen, gigantische Energiespeicher und fremdartige Architektur. Menschen sind überhaupt nicht zu sehen. Das gefällt mir hier, weil „Operation Kristallsturm“ ohnehin weniger von einer einzelnen Figur als von großen technischen und strategischen Zusammenhängen handelt. Durch die diffuse helle Energie im Hintergrund scheint die gesamte Szenerie unter Spannung zu stehen, ohne dass das Bild eine konkrete Explosion oder Schlacht zeigt. Der Titel sitzt breit unter dem silbernen Serienlogo und hat fast etwas Militärisches, während die Illustration selbst viel abstrakter bleibt. Der direkte Bezug zur Mondra-Handlung ist zwar gering, aber das stört mich diesmal kaum. Für eine Episode über Energiezapfung und eine Expedition in unbekannte Größenordnungen trifft diese kalte Monumentalität die Stimmung gut. Für die Hörspielausgabe wird Kai Hoffmann als Titelbildgestalter geführt.

    „Operation Kristallsturm“ ist für mich weniger ein Höhepunkt als ein sehr wichtiges Scharnier. Die Episode muss nach dem Abschluss der dritten Staffel gleich mehrere Fäden neu aufnehmen und gleichzeitig vorbereiten, wohin der Zyklus als Nächstes will. Dadurch fehlt ihr stellenweise die Geschlossenheit von „Der Todbringer“ oder „Die Mediale Schildwache“. Gerade der lange Auftakt besteht stark aus Lagebildern, wissenschaftlichen Erklärungen und strategischen Entscheidungen. Wer dabei nicht aufmerksam ist, kann schnell den Zusammenhang zwischen ARCHETIM, Gon-Orbhon, Ash Irthumo und der Magellan-Expedition verlieren. Trotzdem mag ich die Folge, weil sie das Universum glaubwürdig weiterdreht. Die Terraner warten nicht einfach auf Perry, sondern forschen, improvisieren und bereiten Gegenmaßnahmen vor. Mondra bekommt endlich wieder eine Handlung, in der sie wirklich etwas zu tun hat, Daellian ist sofort eine spannende neue Figur und die Spur nach Magellan gibt dem ganzen Terra-Strang erstmals ein klares Ziel. Dass der eigentliche „Kristallsturm“ hier eher vorbereitet als ausgeführt wird, ist vielleicht etwas irreführend, aber als Auftakt zur vierten Staffel funktioniert die Folge für mich gut: weniger emotional als die letzten Jamondi-Episoden, dafür voller neuer Richtungspfeile. Man spürt sehr deutlich, dass sich zwei große Wege entwickeln – Perry tief im Sternenozean und die Terraner auf dem Weg dorthin, wo Gon-Orbhons Macht offenbar ihren Ursprung hat.

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