Perry Rhodan; Sternenozean – 18. Die mediale Schildwache
Baikhal Cain ist befreit, aber niemand glaubt ernsthaft daran, dass dieser Sieg lange halten wird. Zephyda verfügt inzwischen über eine Flotte Bionischer Kreuzer und lässt so viele Motana wie möglich evakuieren, bevor die Kybb-Cranar mit Verstärkung zurückkehren. Gleichzeitig kämpft die junge Raumfahrt des Volkes mit einem eigenen Problem: Die Todbringer reagieren zunehmend aggressiv und stürzen anschließend in tiefe Depressionen. Selboo sucht nach einer Erklärung und entdeckt gemeinsam mit Corestaar, dass der Karthog von Roedergorm selbst ein Todbringer ist und über die sogenannte Sanftwoge verfügt, mit der sich die zerstörerischen Impulse seiner Kameraden dämpfen lassen. Erst danach kann die Flotte nach Baikhal Cain aufbrechen und die dortigen Kybb-Streitkräfte vernichten. Perry Rhodan verfolgt währenddessen ein anderes Ziel. Seit seinen Träumen von einer geheimnisvollen Frau ist er überzeugt, dass sich im vereisten Land Keyzing eine Mediale Schildwache verbirgt. Wochenlang sucht er allein im Eis, erhält in seinen Träumen Hinweise und findet schließlich eine verborgene Station. Darin liegt eine goldhäutige Frau in Stasis. In genau diesem Moment kehren die Kybb unter Iant Letoxx mit mehr als tausend Schiffen zurück. Während Perry versucht, die Schildwache zu bergen, muss Zephyda ihre erste wirklich große Raumschlacht schlagen.
„Die Mediale Schildwache“ ist für mich eine dieser Folgen, in denen man deutlich merkt, wie groß der Sternenozean inzwischen geworden ist. Auf der einen Seite läuft ein militärischer Handlungsstrang mit dutzenden Bionischen Kreuzern, Todbringern und einem ganzen Volk auf der Flucht, auf der anderen Seite stapft Perry fast allein durch eine Eiswüste und folgt einer Gestalt, von der er nicht einmal sicher weiß, ob sie real ist. Der erste Teil um die Todbringer greift Selboos Konflikt aus Folge 16 noch einmal auf, verschiebt ihn aber vom Individuum auf eine ganze Gruppe. Was passiert, wenn Menschen mit einer extrem zerstörerischen Fähigkeit plötzlich in großer Zahl gebraucht werden? Die Antwort ist erfreulich unbequem: Man kann sie nicht einfach zu Waffen ausbilden und anschließend erwarten, dass ihre Psyche unberührt bleibt. Aggression und Selbstmordgedanken machen deutlich, dass die alte Motana-Raumfahrt für dieses Problem einmal eine soziale und mentale Gegenstruktur besaß. Mit der Sanftwoge wird diese nun wiederentdeckt. Die Motana lernen nicht nur wieder zu fliegen und zu kämpfen, sie müssen auch das Wissen zurückgewinnen, das diese Fähigkeiten überhaupt beherrschbar machte. Das gibt ihrer wiederentdeckten Raumfahrt wesentlich mehr Tiefe als eine bloße neue Superwaffe.
Wesentlich düsterer finde ich, was parallel mit Zephyda geschieht. Die Frau, die wir als Wegweiserin kennengelernt haben, tritt inzwischen tatsächlich als Kriegsherrin auf und lässt gegenüber den Kybb kaum noch Zurückhaltung erkennen. Nach Jahren der Unterdrückung ist ihr Zorn nachvollziehbar, doch Perry beginnt zu Recht, sich über die Richtung Sorgen zu machen. Zephyda will keine Gefangenen, der Heilige Berg wird gesprengt und damit das bekannte Schaumopal-Vorkommen vernichtet, damit es dem Gegner nicht erneut in die Hände fällt. Solche Entscheidungen machen den Befreiungskampf wesentlich interessanter, weil die Motana eben nicht automatisch die moralisch makellose Seite bleiben. Gleichzeitig besitzt die Episode mit Perrys Suche einen fast meditativen Gegenpol. Wochenlang bewegt er sich durch Keyzing, wartet auf Träume und muss sich schließlich einer Art Prüfung stellen. Die Mediale Schildwache fragt nach seiner Haltung zu Kosmokraten und Chaotarchen, und Perrys Antwort passt wunderbar zu der Figur: Er verweigert sich der simplen Einordnung in eine der beiden kosmischen Parteien und beruft sich stattdessen auf die moralischen Grundsätze der Ritter der Tiefe. Die Schildwache gehört offenbar zu einer viel älteren Ordnung, von der Jamondi nur noch Bruchstücke bewahrt hat. Plötzlich wirkt der Krieg gegen die Kybb wie lediglich die sichtbare Oberfläche eines sehr viel älteren Konflikts.
Volker Lechtenbrink trägt die ruhigen Passagen im Eis fast allein und zeigt dabei eine Seite Perrys, die in der Hörspielserie bisher nur selten so viel Platz bekommen hat. Sein Rhodan klingt geduldig, konzentriert und zugleich fasziniert von etwas, das selbst er noch nicht einordnen kann. Claudia Urbschat-Mingues setzt dazu einen harten Kontrast. Ihre Zephyda ist hörbar entschlossener und kälter geworden; die frühere Unsicherheit gegenüber ihrer Rolle als Stellare Majestät ist beinahe verschwunden. Gerade deshalb fällt ihre wachsende Härte so deutlich auf. Simon Jäger bekommt als Selboo noch einmal einen starken Bogen. Nach der Angst vor seiner eigenen Funktion in „Der Todbringer“ muss er nun anderen Todbringern helfen und wird damit vom Problemfall zum wichtigen Träger des alten Wissens. Volker Brandt bleibt als Atlan der erfahrene Partner an Zephydas Seite, ohne ihre Entscheidungen einfach abzunicken. Peter Schiff gibt Echophage erneut diese leicht eigenwillige, fast freundliche Qualität, die den Bionischen Kreuzer mehr nach Persönlichkeit als nach Bordcomputer klingen lässt. Yara Blümel-Meyers spricht die Mediale Schildwache mit einer entrückten Ruhe, die sehr gut zu den Traumszenen passt. Christian Schult führt inzwischen selbstverständlich durch die Wechsel zwischen Eisexpedition und Flottenhandlung.
Inszenatorisch ist Folge 18 fast das Gegenstück zu „Kampf um den Speicher“. Dort drängte alles in enge Korridore und auf kurze Distanzen, hier öffnet STIL die akustische Bühne wieder vollständig. Perrys Weg durch Keyzing lebt von Wind, knirschendem Eis, Einsamkeit und langen Pausen, in denen gerade das Fehlen anderer Stimmen wirkt. Die Traumszenen werden mit Hall, Chorflächen und elektronischen Verschiebungen so gestaltet, dass sie sich deutlich von der Realität unterscheiden, ohne kitschig zu werden. Auf der anderen Seite steht die Motana-Flotte. Die Bionischen Kreuzer haben inzwischen ein klar wiedererkennbares Klangbild, und wenn die Todbringer ihre Paramag-Werfer einsetzen, entsteht eine Wucht, die sich trotzdem von konventionellen Strahlern unterscheidet. Der Neue Chor Berlin ist besonders bei der Sanftwoge und den Epha-Sequenzen sinnvoll in die Handlung eingebunden. Im Finale prallen beide Klangwelten aufeinander: Perry versucht die Schildwache aus ihrer Station zu holen, während draußen eine riesige Schlacht beginnt. Die K/Neutros der Kybb stören schließlich die Psi-Verbindung der Epha-Motana, und plötzlich brechen die bis dahin überlegenen Bionischen Kreuzer akustisch regelrecht weg. Mehrere Schiffe gehen verloren, die Motana müssen fliehen. Nach 69:29 Minuten eigentlichem Hörspiel schließt Covenants „The World Is Growing Loud“ die dritte Staffel ab.
Das Cover ist eines der deutlich futuristischeren Motive der bisherigen Reihe. Im Zentrum steht eine humanoide Gestalt, die weniger wie ein gewöhnlicher Mensch als wie eine Verbindung aus Körper und Technik wirkt. Kabel und technische Strukturen ziehen sich um die Figur, die regelrecht an ein größeres System angeschlossen scheint. Die überwiegend kühle Science-Fiction-Anmutung passt hervorragend zur verborgenen technischen Station der Schildwache und zugleich zu ihrer körperlichen Entrücktheit. Mir gefällt besonders, dass sie nicht einfach als hübsches Porträt präsentiert wird. Das Motiv besitzt etwas Unnahbares, beinahe Klinisches, und genau das entspricht der Situation, in der Perry sie entdeckt: Sie liegt seit unvorstellbar langer Zeit in einer technischen Anlage, kommuniziert aber gleichzeitig über Träume und eine Sprache, die weit über normale Verständigung hinausgeht. Diesmal funktioniert ein großes Figurenmotiv für mich deutlich besser als bei manchen früheren Covern, weil die Mediale Schildwache tatsächlich das Geheimnis der Episode verkörpert. Die Vorlage ist die computergenerierte Grafik „Tech Gen“ von Konstantinos Kokkinis, die Alfred Kelsner für die Hörspielgestaltung überarbeitete; die Grundidee beschreibt einen futuristischen Charakter, der mit Kabeln verbunden ist.
Als Abschluss der dritten Staffel ist „Die Mediale Schildwache“ für mich ausgesprochen stark, weil sie nicht einfach mit einem Sieg endet. Die Motana haben gelernt, ihre Bionischen Kreuzer in großer Zahl einzusetzen, sie haben Baikhal Cain zurückerobert und besitzen erstmals etwas, das wie eine wirkliche Streitmacht aussieht. Genau in dem Moment zeigt die Folge aber, wie gefährlich diese neue Sicherheit ist. Zephyda wird immer kompromissloser, die Todbringer müssen psychisch stabilisiert werden, und die Kybb präsentieren mit den K/Neutros eine Waffe, die den entscheidenden Vorteil der Motana praktisch auf Knopfdruck ausschalten kann. Der Angriff Iant Letoxx’ endet deshalb nicht in einem weiteren Triumph, sondern in schweren Verlusten und Flucht. Gleichzeitig findet Perry die Mediale Schildwache und öffnet damit eine Tür in die Vergangenheit des Sternenozeans, die wahrscheinlich wichtiger ist als jede einzelne Schlacht. Mit 74:26 Minuten ist die Folge die längste der bisherigen Serie und braucht anfangs etwas Zeit, um Todbringer, Evakuierung und Suche zusammenzuführen. Danach zahlt sich die Länge aus. Folge 18 schließt die Staffel nicht ab, indem sie Ordnung schafft, sondern indem sie den Horizont erweitert. Die Motana können kämpfen, aber sie sind noch längst nicht bereit für diesen Krieg – und Perry hat endlich jemanden gefunden, der erklären könnte, warum dieser Sternenozean überhaupt zu dem geworden ist, was er heute ist.