Perry Rhodan: Sternenozean – 16. Der Todbringer

  • Perry Rhodan – Sternenozean – 16. Der Todbringer

    Nach dem Terra-Abstecher kehrt „Sternenozean“ zu Perry Rhodan, Atlan, Zephyda und Rorkhete zurück – allerdings mit einem deutlichen Sprung. Inzwischen haben die Motana auf Shoz einen der legendären Bionischen Kreuzer entdeckt. Das mantaähnliche Schiff nennt sich SCHWERT, besitzt keinen herkömmlichen Antrieb und wird von der Biotronik Echophage gesteuert beziehungsweise begleitet. Die eigentliche Energie für Flug und Waffen liefern besondere Motana mit ihren mentalen Fähigkeiten. Zephyda übernimmt als Epha-Motana das Kommando, doch Echophage sorgt schon vor dem ersten großen Einsatz für Unruhe: Unter der Besatzung befindet sich ein Todbringer. Nur dieser kann die paramagnetischen Waffen des Kreuzers vollständig bedienen, doch in der Überlieferung der Motana gelten Todbringer als verfemt und gefürchtet. Selboo weiß, dass er gemeint ist, weigert sich aber, seine Bestimmung anzunehmen. Viel Zeit für innere Konflikte bleibt nicht. Perry besteht darauf, nach Baikhal Cain zurückzukehren, wo Lotho Keraete seit dem Absturz der Silberkugel unter dem ewigen Eis eingeschlossen liegt. Während Atlan und die anderen mit der Bergung beginnen, werden Kybb-Cranar auf die SCHWERT aufmerksam. Zwölf gegnerische Schiffe greifen an, und plötzlich hängt das Überleben aller an genau dem Mann, der nicht zum Todbringer werden will.

    Der Beginn irritiert mich zunächst, weil zwischen Folge 13 und dieser Episode offenbar ein gutes Stück Handlung fehlt. In „Der Flug der Epha-Motana“ war zwar klar geworden, dass die Motana wieder in den Weltraum vorstoßen können, von Shoz, der SCHWERT und Echophage hatten wir im Hörspiel aber noch nichts erlebt. Die fehlenden Ereignisse werden rückblickend erklärt, und nach einigen Minuten ist man wieder im Geschehen, elegant ist dieser Sprung trotzdem nicht. Danach entwickelt sich „Der Todbringer“ allerdings zu einer der stärkeren Jamondi-Folgen. Allein die Idee des Bionischen Kreuzers gefällt mir ausgesprochen gut. Das Schiff ist weder bloß Maschine noch Lebewesen, sondern eine Verbindung aus Technik, Biotronik und den mentalen Kräften seiner Besatzung. Damit bekommt die Motana-Raumfahrt endlich eine eigene Identität. Sie fliegen nicht einfach mit erbeuteter Kybb-Technik weiter, sondern beginnen, etwas aus ihrer eigenen Vergangenheit zurückzugewinnen. Auch Echophage ist mehr als ein Bordcomputer mit lustigem Namen. Die Biotronik besitzt Charakter, Neugier und ein eigenes Verhältnis zu den Menschen an Bord. Gerade diese Mischung aus archaischem Mythos und sehr konkreter Science-Fiction-Technik macht für mich einen großen Reiz der Folge aus. Der Handlungssprung zwischen den Hörspielen wurde auch in zeitgenössischen Besprechungen ausdrücklich als auffällig beschrieben.

    Noch besser funktioniert der Konflikt um Selboo. Der Titel „Todbringer“ klingt zunächst nach einer düsteren Prophezeiung, bezeichnet innerhalb der alten Motana-Raumfahrt aber letztlich eine militärische Funktion: Nur ein entsprechend begabter Motana kann die Waffen eines Bionischen Kreuzers einsetzen. Das Problem ist, dass aus dieser Aufgabe über Generationen ein gesellschaftliches Tabu geworden ist. Selboo fürchtet deshalb nicht nur die Verantwortung, andere zu töten, sondern auch den Blick seines eigenen Volkes. Genau hier wird die Folge interessanter als ein gewöhnliches „Held entdeckt seine Superkraft“-Abenteuer. Selboo möchte diese Begabung nicht haben. Er leugnet sie sogar dann noch, als alle längst ahnen, wer der Todbringer ist. Atlan reagiert darauf wenig feinfühlig und zwingt ihn schließlich sehr handfest dazu, seinen Platz einzunehmen, als die Kybb angreifen. Das ist moralisch alles andere als sauber, dramaturgisch aber wirkungsvoll. Selboo rettet die SCHWERT und vernichtet die Angreifer beinahe im Rausch. Sein Erfolg fühlt sich deshalb nicht triumphal an. Man hört einen Mann, der genau das kann, wovor er sich gefürchtet hat – und der dabei erlebt, wie leicht diese Macht in Vernichtungswut umschlagen kann. Für mich ist das der stärkste Teil der Episode.

    Simon Jäger macht Selboo dann auch zur auffälligsten Stimme dieser Folge. Er beginnt zurückhaltend, fast gehemmt, steigert Verzweiflung und Abwehr aber so, dass der spätere Ausbruch am Waffenstand tatsächlich erschreckt. Seine Wut kommt nicht aus dem Nichts, sondern wirkt wie etwas, das sich lange aufgestaut hat. Volker Brandt spielt Atlan diesmal deutlich kantiger als zuletzt. Seine Ungeduld mit Selboo ist nachvollziehbar, gleichzeitig hört man, dass er bereit ist, eine Grenze zu überschreiten, wenn das Leben der Besatzung davon abhängt. Volker Lechtenbrink hält Perry dagegen stärker auf der beobachtenden, planenden Seite und gibt der Bergung Lotho Keraetes das notwendige Gewicht. Claudia Urbschat-Mingues wirkt als Zephyda inzwischen vollkommen selbstverständlich in ihrer neuen Rolle als Kommandantin. Charles Rettinghaus bleibt als Rorkhete angenehm schwer lesbar. Eine kleine akustische Entdeckung ist Peter Schiff als Echophage: Seine freundliche, leicht verschrobene Art gibt der Biotronik Persönlichkeit, ohne sie zur Comedyfigur zu machen. Katrein Frenzel und Andreas Bisowski ergänzen als Nerine und Hekhet die Motana-Besatzung, während Yara Blümel der Medialen Schildwache in Perrys Traum eine beinahe körperlose Fremdheit gibt. Christian Schult führt auch hier inzwischen sehr sicher durch die komplexeren technischen Erklärungen.

    Technisch kann STIL mit dem Bionischen Kreuzer aus dem Vollen schöpfen. Die SCHWERT klingt nicht wie ein gewöhnliches Raumschiff mit anderem Namen. Organisch wirkende Geräusche, tiefes Vibrieren, die Stimme Echophages und die mental erzeugten Steuerungs- und Waffenmomente geben dem Schiff eine eigene akustische Identität. Besonders gelungen finde ich, dass der Start und die Beschleunigung nicht nur durch lauter werdende Triebwerksgeräusche vermittelt werden – schließlich besitzt die SCHWERT gerade keinen klassischen Antrieb. Stattdessen bauen Chor, elektronische Flächen und räumliche Effekte eine Bewegung auf, die eher wie das Erwachen eines riesigen Wesens wirkt. Beim Angriff der Kybb wird das Klangbild härter. Die Paramag-Werfer setzen sich deutlich von gewöhnlichen Strahlern ab, und Selboos zunehmender Kontrollverlust wird nicht allein über seine Stimme, sondern auch über Musik und Schnitt spürbar. Der Ausflug ins Eis von Baikhal Cain bringt wiederum Wind, Kälte und offene Räume zurück, die man aus den frühen Jamondi-Folgen kennt. Christian Hagitte und Simon Bertling verbinden das Berliner Filmorchester, den Neuen Chor Berlin und elektronische Klänge hier besonders überzeugend. Lediglich einzelne Waffen- und Explosionseffekte wirken etwas generischer als die ungewöhnliche Technik eigentlich verdient hätte. Mit gut 66 Minuten inklusive Covenants „The World Is Growing Loud“ bekommt die Handlung trotzdem genügend Raum.

    Das Cover fällt aus der bisherigen Jamondi-Bildsprache etwas heraus. Im Vordergrund dominiert eine weibliche Gestalt, hinter ihr zeichnet sich eine zweite, männliche Figur ab; beide werden von kaltem Licht und einer dunkelblauen, kosmisch wirkenden Umgebung eingefasst. Für den eigentlichen Inhalt ist das erstaunlich indirekt, denn weder die SCHWERT noch Selboo als Todbringer werden zum offensichtlichen Mittelpunkt des Motivs. Gerade dadurch wirkt die Gestaltung zunächst fast wie ein Fremdkörper. Andererseits passt diese leicht entrückte, beinahe mythische Bildsprache zum Grundthema der Folge: alte Rollen, Legenden und Fähigkeiten kehren zurück und bekommen in der Gegenwart eine neue Bedeutung. Die Gesichter wirken weniger wie konkrete Handlungspersonen als wie Figuren aus einer Überlieferung. Das silberne Serienlogo und der breite Titel halten das Motiv in der bekannten Gestaltung zusammen. Mir persönlich hätte ein Bild der SCHWERT wahrscheinlich noch besser gefallen, weil dieses ungewöhnliche Schiff die Episode so stark prägt. Trotzdem besitzt das Cover eine schöne Fremdartigkeit und unterscheidet sich deutlich von den vielen Raumschiff- und Landschaftsmotiven der bisherigen Folgen. Perrypedia führt Dirk Schulz als Titelbildzeichner der Hörspielausgabe.

    „Der Todbringer“ ist für mich vor allem deshalb gelungen, weil die Folge ihren großen Science-Fiction-Einfällen immer eine persönliche Ebene gegenüberstellt. Die SCHWERT ist technisch faszinierend, aber interessant wird sie erst durch die Menschen, die sie überhaupt fliegen können. Der Paramag-Werfer ist eine mächtige Waffe, aber entscheidend ist, was diese Macht mit Selboo macht. Und die Bergung Lotho Keraetes ist für den weiteren Zyklus enorm wichtig, wird aber nicht als bequemer Erfolg erzählt, sondern findet mitten unter feindlichem Druck statt. Der etwas holprige Einstieg bleibt ein echter Schwachpunkt. Dass zentrale Ereignisse zwischen zwei Hörspielen nur nacherzählt werden, ist gerade bei einer fortlaufenden Serie unnötig verwirrend. Sobald die SCHWERT jedoch Kurs auf Baikhal Cain nimmt, hat mich die Folge vollständig. Selboos Weigerung, Atlans brutaler Pragmatismus und der anschließende Einsatz der Waffen gehören zu den stärksten Szenen der dritten Staffel. Gleichzeitig öffnet die SCHWERT den Motana eine neue Möglichkeit, den Krieg gegen die Kybb-Cranar überhaupt auf Augenhöhe zu führen. Was bisher nach einzelnen Aufständen und Fluchten aussah, kann nun zu einem wirklichen Befreiungskampf werden. Folge 16 bringt den Sternenozean damit nicht nur voran – sie gibt ihm mit dem Bionischen Kreuzer und dem Todbringer zwei Elemente, die sich sofort so anfühlen, als hätten sie schon immer zu dieser Welt gehört.

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