Perry Rhodan: Sternenozean – 15. Die Sekte erwacht
Auf Terra zeigt sich inzwischen eine ganz andere Folge des Hyperimpedanz-Schocks als im Sternenozean. Die hoch technisierte Gesellschaft musste lernen, mit ausgefallenen Syntrons, knapp gewordener Energie und einer Infrastruktur zu leben, die plötzlich auf ältere Technik zurückgebaut werden muss. Genau in diese Unsicherheit stößt Carlosch Imberlock mit seiner Lehre vom Gott Gon-Orbhon. Seine Anhänger behaupten, die technische Zivilisation stehe vor dem Ende, und immer mehr Menschen berichten von demselben verstörenden Traum: einem See, einem darin steckenden Schwert und einer gewaltigen Gestalt, deren Augen sich irgendwann öffnen sollen. Aus religiöser Begeisterung ist längst Fanatismus geworden. In Terrania rast ein Gleiter auf einen Fusionsreaktor zu, Anschläge häufen sich und Mondra Diamond vermutet hinter der Sekte mehr als bloß eine Gruppe orientierungsloser Gläubiger. Besonders persönlich wird die Sache durch Bré Tsinga. Die frühere Kosmopsychologin ist Gon-Orbhon verfallen und selbst ihr Sohn Gauer erreicht sie kaum noch. Als Bré untertaucht, führt die Spur schließlich nach Irland, wo Homer G. Adams an einer Wirtschaftskonferenz teilnimmt. Mondra erkennt, dass der geplante Angriff auf den Reaktor nur Teil einer größeren Eskalation sein könnte und beginnt einen Wettlauf gegen eine Frau, die sie eigentlich retten möchte.
Nach vierzehn Folgen ist „Die Sekte erwacht“ ein beinahe radikaler Szenenwechsel. Perry Rhodan, Atlan, Kantiran, Zephyda und Shallowain fehlen komplett, und für eine knappe Stunde befinden wir uns weder auf Hayok noch im Sternenozean, sondern auf der Erde. Das kann zunächst irritieren, weil die Serie gerade mehrere sehr konkrete Konflikte aufgebaut hat und nun scheinbar alles liegen lässt. Für mich funktioniert dieser Bruch aber besser, als ich erwartet hatte. Zum ersten Mal bekommt man ausführlicher mit, was die erhöhte Hyperimpedanz für die normale terranische Gesellschaft bedeutet. Die Krise besteht eben nicht nur darin, dass Raumschiffe langsamer werden und Transmitter ausfallen. Eine Zivilisation, die über Jahrhunderte gelernt hat, sich auf nahezu allgegenwärtige Hochtechnologie zu verlassen, verliert innerhalb kurzer Zeit einen Teil ihrer gewohnten Sicherheit. Genau in solchen Situationen können einfache Erklärungen und Heilsversprechen enorm attraktiv werden. Imberlock verspricht seinen Anhängern Ordnung, Bedeutung und einen Schuldigen: die Technik selbst. Dass die Folge daraus keinen simplen Konflikt zwischen vernünftigen Wissenschaftlern und verrückten Sektierern macht, gefällt mir. Viele Anhänger suchen zunächst nur Halt. Gefährlich wird es dort, wo der gemeinsame Traum Menschen zu Handlungen treibt, die sie vorher niemals begangen hätten.
Gerade Bré Tsinga macht diesen Handlungsstrang interessant. Sie ist keine leichtgläubige Nebenfigur, die zufällig einem charismatischen Prediger verfällt, sondern eine hochintelligente Frau, die psychologische Mechanismen besser kennen müsste als fast jeder andere. Wenn ausgerechnet sie dem Einfluss Gon-Orbhons erliegt, bekommt die Bedrohung eine andere Qualität. Ihr Sohn Gauer versucht sie zu erreichen, Mondra hält an der Erinnerung an ihre frühere Freundin fest, doch Bré deutet jede Gegenrede nur noch als Beweis dafür, dass die anderen nicht verstehen wollen. Das Hörspiel beschreibt Radikalisierung damit erstaunlich konsequent als schrittweise Verengung der Wahrnehmung. Besonders unangenehm finde ich, dass Carlosch Imberlock selbst nicht permanent wie ein klassischer Terrorführer auftritt. Er predigt, erzeugt eine Atmosphäre und kann sich gleichzeitig davon distanzieren, was einzelne fanatische Jünger daraus machen. Dadurch bleibt lange offen, wie viel Kontrolle er tatsächlich besitzt. Die Attentatsgeschichte um Homer G. Adams bringt im letzten Drittel das nötige Tempo hinein. Trotzdem liegt die eigentliche Spannung für mich weniger in der Frage, ob Mondra rechtzeitig in Irland eintrifft, sondern darin, ob Bré irgendwo noch einen Rest ihrer alten Persönlichkeit bewahrt. Dass sie beim ersten Angriff auf ein Kraftwerk selbst abbricht, macht die Figur tragischer, nicht harmloser: Sie kann noch zweifeln, entscheidet sich danach aber trotzdem für ein noch größeres Ziel.
Heide Domanowski trägt als Mondra Diamond einen großen Teil der Folge und gibt ihr genau die Mischung aus Entschlossenheit und persönlicher Betroffenheit, die dieser Geschichte guttut. Mondra ermittelt nicht gegen irgendeine Sekte, sondern versucht gleichzeitig, eine Freundin zurückzugewinnen. Katja Riemann spielt Bré Tsinga ausgesprochen kontrolliert. Gerade weil sie nicht permanent fanatisch klingt, wirken die Momente stärker, in denen die Überzeugung von Gon-Orbhon jede andere Bindung verdrängt. David Turba macht Gauer zu einem glaubwürdigen Sohn, der zwischen Wut, Hilflosigkeit und Hoffnung schwankt. Udo Schenk ist als Carlosch Imberlock fast zwangsläufig ein akustisches Ereignis: Seine dunkle, präzise Stimme verleiht den Predigten Autorität, ohne dass er in billiges Schurkenpathos fällt. Friedhelm Ptok bringt Julian Tifflor die nötige Ruhe und politische Erfahrung, Friedrich Georg Beckhaus klingt als Noviel Residor angenehm nüchtern und Hasso Zorn gibt Homer G. Adams eine unaufgeregte Souveränität. Christian Schult passt als Erzähler gerade zu dieser Terra-Handlung ausgesprochen gut. Seine etwas sachlichere Art gegenüber Joachim Höppner lässt die Folge stellenweise fast wie einen politischen Science-Fiction-Thriller wirken und unterstützt damit den bewusst anderen Ton. Die Besetzung dieser Folge ist entsprechend deutlich anders zusammengesetzt als in den vorherigen Jamondi- und Hayok-Episoden.
Auch akustisch unterscheidet sich „Die Sekte erwacht“ wohltuend von den unmittelbar vorherigen Folgen. Es gibt kaum fremdartige Planetenlandschaften, Psi-Gesänge oder große Weltraumschlachten. Stattdessen hört man Terrania als riesige Stadt im Ausnahmezustand: Verkehr, öffentliche Veranstaltungen, Sicherheitskräfte, technische Anlagen und immer wieder jene kurzen Momente, in denen die noch nicht vollständig stabilisierte Infrastruktur Probleme macht. STIL setzt die Anschläge mit genügend Wucht um, ohne daraus eine permanente Actionkulisse zu bauen. Besonders gut gefallen mir die Sektenversammlungen. Stimmen, Raumhall und Musik erzeugen dort eine beinahe liturgische Stimmung, in der Imberlocks Worte tatsächlich eine Wirkung auf die Menge entwickeln können. Der Neue Chor Berlin fügt sich dadurch wesentlich organischer in die Handlung ein als in einer gewöhnlichen musikalischen Begleitung. Christian Hagitte und Simon Bertling wechseln zwischen bedrohlichen elektronischen Flächen und den orchestralen Passagen des Berliner Filmorchesters, während Sonja Harth die vielen Ortswechsel sehr sauber zusammenhält. Mit rund 64 Minuten inklusive Covenants „The World Is Growing Loud“ ist die Folge kompakt, aber erstaunlich dicht. Gerade beim Finale in Irland wird das Tempo deutlich angezogen, ohne dass die vorher aufgebaute Atmosphäre verloren geht.
Das Cover ist diesmal sofort deutlich figurenbezogener. Im Vordergrund steht eine dunkelhaarige Frau mit ernstem, beinahe abweisendem Blick, während hinter ihr ein gewaltiger dunkler Flugkörper oder eine technische Konstruktion den größten Teil des Bildes beherrscht. Die Form erinnert mit ihren Ausläufern fast an eine Krone oder einen riesigen mechanischen Heiligenschein und passt damit erstaunlich gut zu einer Geschichte, in der Religion und Technik ständig gegeneinander ausgespielt werden. Gleichzeitig bleibt die für „Sternenozean“ typische blau-schwarze Farbwelt erhalten. Das Motiv wirkt dadurch kühl und bedrohlich, aber nicht wie ein klassisches Sektenbild. Es gibt keine Kapuzen, keinen Altar und kein direktes Symbol Gon-Orbhons. Für mich ist das die richtige Entscheidung. Die Gefahr in dieser Folge entsteht schließlich gerade daraus, dass sich der Fanatismus mitten in einer hochmodernen Gesellschaft ausbreitet. Der technische Hintergrund und das menschliche Gesicht davor bringen diesen Widerspruch wesentlich besser auf den Punkt als ein plakatives religiöses Motiv. Der Titel „Die Sekte erwacht“ steht breit über dem Bild und lässt offen, ob damit nur Imberlocks Bewegung gemeint ist oder etwas Größeres, das durch die Träume bereits auf die Menschen zugreift.
„Die Sekte erwacht“ ist sicherlich die bisher ungewöhnlichste Folge des Hörspielzyklus, und genau deshalb möchte ich sie nicht als bloßen Fremdkörper abtun. Ja, sie unterbricht sämtliche vertrauten Handlungsstränge und lässt den eigentlichen Sternenozean komplett außen vor. Wer nach Folge 14 sofort wissen will, wie es auf Hayok weitergeht, muss sich gedulden; wer auf Perry und Atlan wartet, bekommt sie erst in Folge 16 zurück. Gleichzeitig erweitert diese Episode das Gesamtbild entscheidend. Der Hyperimpedanz-Schock hat nicht nur neue kosmische Bedingungen geschaffen, sondern auch auf Terra eine gesellschaftliche Verwundbarkeit hinterlassen, in die Gon-Orbhon hineinstößt. Dass ausgerechnet Bré Tsinga zum Gesicht dieser Radikalisierung wird, gibt dem Stoff emotionale Substanz. Für sich genommen funktioniert die Folge fast wie ein eigenständiger Polit- und Sekten-Thriller, der erst später seine Bedeutung für den großen Zyklus vollständig zeigen wird. Nicht jede Passage ist gleich stark, und die Vielzahl neuer Namen verlangt nach vierzehn Folgen mit anderem Personal erneut Aufmerksamkeit. Trotzdem gefällt mir der Mut, an dieser Stelle so deutlich die Perspektive zu wechseln. „Sternenozean“ wird dadurch größer: Nicht alles dreht sich um Kantiran oder die Motana, und während weit draußen um Freiheit und Raumfahrt gekämpft wird, beginnt auf der Erde eine Bedrohung zu wachsen, die vorerst nur wie religiöser Fanatismus aussieht.