Perry Rhodan: Sternenozean – 14. Terraner als Faustpfand
Nach Vhalaum ist auf Hayok keine Ruhe eingekehrt. Während Kantiran mit Gucky daran arbeitet, seine Instinkt-Telepathie besser zu kontrollieren, gerät Spezialagent 707 alias Corg Sonderbon in eine Situation, die für den terranischen Geheimdienst katastrophale Folgen hat. Als Positronik-Ingenieur wird Sonderbon im unterirdischen SPEICHER gebraucht, dessen Tarnung durch die veränderten hyperphysikalischen Bedingungen nicht mehr zuverlässig funktioniert. Gleichzeitig ist er abhängig von Eyemalin, einer leistungssteigernden Droge, und verlässt deshalb heimlich die Basis, um Nachschub zu besorgen. Dabei fällt er den Arkoniden in die Hände. Auf dem Bett von Ganberaan wird er gefoltert, bis er die Koordinaten des SPEICHERS preisgibt. Mehr braucht Shallowain nicht. Er lässt die Umgebung abriegeln, setzt PIEPER ein, um Guckys Parafähigkeiten zu stören, und fordert Dario da Eshmale zur Aufgabe auf. Als dieser sich weigert, lässt Shallowain Sonderbon erschießen und tausend terranische Zivilisten zusammentreiben. Vor den Augen der Eingeschlossenen werden Geiseln getötet. Dario steht vor einer Entscheidung, bei der jede Möglichkeit falsch ist: den Schutzschirm öffnen und die Geheimdienstzentrale preisgeben oder weiter zusehen, wie Unschuldige sterben. Schließlich fällt der Schirm – doch Shallowain hält sich nicht an sein Wort.
„Terraner als Faustpfand“ ist eine der härtesten Folgen der Reihe, weil sie ihren Konflikt nicht über ein kosmisches Rätsel oder eine exotische Technologie aufbaut, sondern über eine ausgesprochen einfache Form von Terror. Shallowain weiß, dass er den SPEICHER militärisch nicht ohne Weiteres knacken kann, also verlagert er den Druck auf Menschen, die mit dem Geheimdienst überhaupt nichts zu tun haben. Dadurch bekommt die Episode eine unangenehme Schärfe. Dario kann eigentlich nur verlieren. Hält er den Schirm geschlossen, sterben die Geiseln; öffnet er ihn, gefährdet er seine Leute und möglicherweise das gesamte terranische Agentennetz auf Hayok. Gut finde ich, dass daraus kein künstlicher Heldenmoment konstruiert wird. Dario braucht Zeit, wägt ab und entscheidet sich schließlich für das Leben der Zivilisten, obwohl er weiß, dass Shallowain keineswegs vertrauenswürdig ist. Dass er die Geiseln danach nicht freilässt, überrascht nicht, macht aber endgültig klar, mit wem man es zu tun hat. Shallowain war schon vorher brutal, hier wird aus persönlicher Jagd auf Kantiran ein regelrechter Krieg gegen jeden, den er als Druckmittel gebrauchen kann. Damit wird aus der Agenten- und Verfolgungsgeschichte auf Hayok eine offene militärische Eskalation.
Interessant ist auch, wie die Folge Corg Sonderbon zeichnet, bevor sie ihn opfert. Agent 707 ist kein makelloser Geheimdienstprofi. Seine Karriere, seine technische Begabung und sein riskanter Dienst stehen neben einer Abhängigkeit, die ihn am Ende genau dort verwundbar macht, wo er eigentlich am vorsichtigsten sein müsste. Dass er den SPEICHER erst unter Folter verrät, nimmt ihm für mich nichts von seiner Tragik. Im Gegenteil: Gerade weil seine Schwäche so menschlich und unheroisch ist, wirkt sein Ende stärker als der Tod einer reinen Nebenfigur. Daneben läuft Kantirans Training mit Gucky beinahe friedlich weiter. Mit den Zwerg-Dwarmaris, ameisenähnlichen Insekten mit giftigem Stachel, übt er, viele Tiere gleichzeitig zu lenken. Dieser ruhige Strang bildet einen guten Gegenpol zur Eskalation am SPEICHER. Gleichzeitig bereitet er Kantirans Fähigkeiten für spätere Einsätze weiter vor. Hinzu kommt die merkwürdige Geschichte um Mayk Molinas: Sein Körper stirbt nach einem rätselhaften Unfall, doch Filana Karonadse vermutet, dass sein Bewusstsein in der Biopositronik des SPEICHERS weiterexistiert. Damit bekommt ausgerechnet eine Folge, die ansonsten sehr unmittelbar und brutal erzählt ist, noch einen fast metaphysischen Unterton.
Manfred Lehmann ist in dieser Episode das stimmliche Zentrum. Sein Shallowain muss nicht schreien, um grausam zu wirken. Gerade die Ruhe, mit der er Ultimaten stellt, einen Gefangenen hinrichten lässt und anschließend weitere Menschen als Druckmittel einsetzt, macht ihn so unangenehm. Shallowain behandelt Gewalt wie eine Methode, und genau das ist wesentlich bedrohlicher. Kaspar Eichel bekommt als Dario da Eshmale endlich mehr Raum und macht die Entscheidung um den Schutzschirm glaubwürdig. Man hört ihm an, dass er als Kommandant funktionieren muss, obwohl jede weitere Sekunde Menschenleben kostet. Dietmar Wunder verleiht Corg Sonderbon eine Mischung aus Selbstbewusstsein, Nervosität und Verletzlichkeit, die seine kurze, aber wichtige Geschichte trägt. Christian Stark und Stefan Krause bilden als Kantiran und Gucky den leichteren Gegenpol. Krause kann den Mausbiber humorvoll spielen, ohne das Drama der Parallelhandlung zu unterlaufen, und Stark zeigt Kantiran konzentrierter als noch in seinen frühen Folgen. Tilo Schmitz setzt Icho Tolot mit wenigen Auftritten wieder als akustische Naturgewalt in Szene, Jürgen Kluckert gibt Mal Detair seine vertraute Ruhe und Ranja Bonalana macht Filanas Reaktion auf Molinas’ vermeintlichen Tod glaubwürdig. Christian Schult wirkt bereits selbstverständlicher als Erzähler und führt sauber durch die vielen Schauplätze.
Technisch arbeitet die Produktion diesmal stark mit Gegensätzen. Kantirans Training findet in einer fast idyllischen Umgebung statt, in der Naturgeräusche, kleine Bewegungen und Guckys trockene Kommentare dominieren. Im SPEICHER herrschen dagegen gedämpfte Technik, Alarmsignale, Funkverkehr und eine zunehmende Beklemmung. Sobald Shallowains Truppen aufmarschieren, wächst daraus ein wesentlich härteres Klangbild aus Gleitern, Waffen, Schutzfeldern und den schweren Bewegungen Icho Tolots. Besonders die Geiselszenen werden nicht mit übertriebener Musik emotionalisiert. Die kurzen Schüsse und die Reaktionen danach reichen vollkommen aus. Das wirkt stärker als maximale musikalische Dramatik. Christian Hagitte und Simon Bertling lassen den Score erst dann größer werden, wenn aus dem Ultimatum eine offene Konfrontation wird. Sonja Harths Schnitt hält die Wechsel zwischen Kantiran, Sonderbon, Dario und Shallowain sehr präzise zusammen, sodass die Spannung nicht zerfällt. Auch die PIEPER, die Guckys Fähigkeiten stören, bekommen einen unangenehm elektronischen Charakter. Der Staffel-Song „The World Is Growing Loud“ von Covenant wirkt nach dem abrupten Ende fast ironisch passend: Genau das ist auf Hayok geschehen – die leise Geheimdienstoperation ist endgültig zu einem lauten Krieg geworden.
Das Cover gehört zu den deutlich figurenbetonteren Motiven der bisherigen Reihe. Im Vordergrund rennt ein Mann in dunkler Einsatzkleidung direkt aus dem Bild heraus, in einer Hand ein technisches Gerät oder einen Behälter, während hinter ihm zwei bewaffnete Gestalten auftauchen. Von links schneidet ein heller Energiestrahl durch die Szene. Alles wirkt eng, hektisch und unmittelbar, als würde man mitten in eine misslungene Agentenoperation geraten. Genau deshalb passt das Bild für mich so gut zu dieser Folge. Nach den großen, fast majestätischen Raumfahrtmotiven von „Der Flug der Epha-Motana“ geht es hier nicht um das Schicksal eines Volkes, sondern um Geheimdienstler, Gefangene, Verhöre und einen Angriff auf eine unterirdische Basis. Die blau-schwarze Farbgebung bleibt vertraut, doch die Figur im Zentrum macht das Motiv wesentlich körperlicher. Gut gefällt mir, dass das Bild weder Geiseln noch eine große Schlacht zeigt. Es konzentriert sich auf Flucht, Gefahr und Verfolgung – genau jene Atmosphäre, aus der Sonderbons Geschichte entsteht. Das silberne Logo sitzt darüber fast wie ein klassischer Serienstempel, während der Titel „Terraner als Faustpfand“ die eigentliche Dimension des Konflikts erst hinzufügt. So funktioniert das Cover zugleich als Agententhriller und als Vorbote einer größeren Eskalation.
Für mich ist „Terraner als Faustpfand“ eine der wirkungsvollsten Hayok-Folgen bis hierhin, weil sie Shallowain endgültig aus der Rolle des hartnäckigen Verfolgers herausführt. Er ist nicht mehr nur der Mann, der Kantiran zurückholen soll, sondern ein Gegner, der bereit ist, eine ganze Zivilbevölkerung in seinen Krieg hineinzuziehen. Gleichzeitig verhindert die Geschichte, dass daraus eine reine Gewaltorgie wird. Sonderbons persönlicher Absturz, Kantirans Psi-Training und die rätselhafte Spur von Mayk Molinas geben der Episode mehrere Ebenen, die sich erstaunlich gut ergänzen. Besonders stark ist für mich Darios Situation, weil es keine saubere richtige Entscheidung gibt. Solche Momente tun einer Space Opera gut, in der sonst oft spektakuläre Fähigkeiten und Technik dominieren. Hier entscheidet am Ende keine Wunderwaffe, sondern die Frage, wie weit jemand bereit ist zu gehen, um andere Menschen zu retten. Dass die Folge den Konflikt nicht abschließt, sondern den eigentlichen Kampf um den SPEICHER für Folge 17 zurückhält, ist deutlich spürbar. Bis zur direkten Fortsetzung stehen allerdings erst zwei andere Handlungsstränge an. Als einzelnes Kapitel bleibt Folge 14 trotzdem erstaunlich geschlossen, weil sie einen klaren Bogen vom Verrat der Koordinaten bis zum Fall des Schutzschirms besitzt. Und nach diesem Ende ist endgültig klar: Auf Hayok gibt es keinen verdeckten Konflikt mehr. Shallowain hat den Krieg eröffnet.