Perry Rhodan: Sternenozean – 12. Die Femesängerin
Auf Curhafe stehen die Zeichen endgültig auf Aufstand. Perry Rhodan, Atlan und Rorkhete wollen herausfinden, wie verwundbar das Crythumo wirklich ist, während Zephyda bei den Motana bleibt und tiefer in deren verborgene Traditionen hineingezogen wird. Die sogenannte Quote hat bereits gezeigt, wie brutal die Kybb-Cranar herrschen: Jahr für Jahr müssen tausende schwangere Motana ausgeliefert werden, damit man ihnen im Crythumo die Föten entnimmt. Nun führen sie Zephyda zu den Femesängern, einer verborgenen Gemeinschaft von Motana, die jene alten Choräle bewahrt, deren Gebrauch von den Besatzern unterdrückt wurde. Zephyda stellt rasch fest, dass diese Gesänge weit mehr als Tradition sind. Mit ihnen lassen sich Gegenstände bewegen und Kräfte bündeln, die selbst sie zunächst kaum kontrollieren kann. Parallel dringen Perry, Atlan und Rorkhete in das Crythumo ein und entdecken, dass nach dem Verlust eines Schiffes nur noch wenige Kybb-Cranar die Festung halten und ihre Technik unter der erhöhten Hyperimpedanz massiv leidet. Als Perry und Atlan beim Belauschen einer Besprechung entdeckt und gefangen genommen werden, muss Zephyda entscheiden, ob die Zeit der Heimlichkeit vorbei ist. Der Angriff der Motana beginnt – nicht mit Strahlern, sondern mit Gesang.
Die Motana wurden zunächst als unterdrücktes Volk eingeführt, dann als Gemeinschaft mit eigenen Traditionen und schließlich als mögliche Verbündete. Hier finden sie erstmals ein Mittel, mit dem sie selbst handeln können. Das ist wichtig, weil Perry und Atlan andernfalls leicht zu klassischen Rettern geworden wären, die den Einheimischen ihre Freiheit bringen. Stattdessen geraten ausgerechnet die beiden Unsterblichen in Gefangenschaft und müssen am Ende von den Motana befreit werden. Gleichzeitig wirkt die Waffe der Femesänger nicht wie eine beliebige neue Superkraft, die zufällig im richtigen Moment auftaucht. Schon die vorherigen Folgen haben Gesang, besondere Wahrnehmung und die ungewöhnlichen mentalen Fähigkeiten Zephydas vorbereitet. Jetzt fügt sich daraus langsam ein größeres Bild zusammen. Ihre technische Überlegenheit ist ohnehin angeschlagen, und plötzlich treffen sie auf eine Form von Macht, die sich nicht in ihren üblichen Kategorien bewegt. Das macht den Sieg glaubwürdiger, als wenn Perry einfach eine versteckte Kanone gefunden hätte. Es ist der erste Erfolg, der wirklich aus der Kultur der Motana selbst kommt.
Noch stärker als der eigentliche Angriff interessiert mich Zephydas Entwicklung. Seit „Der Gesang der Motana“ ist klar, dass sie innerhalb ihres Volkes eine besondere Stellung einnehmen könnte, doch bisher war sie vor allem Wegweiserin, Kämpferin und Atlans Gefährtin. In dieser Folge wird aus ihr Schritt für Schritt eine Führungspersönlichkeit. Sie wehrt sich zunächst gegen die Vorstellung, etwas Besonderes zu sein, und genau das macht ihren Aufstieg glaubwürdiger. Anthloza und Garombe erkennen in ihr etwas, das sie bereits aus ihren Träumen kennen; Zephyda selbst muss diese Erwartung erst einmal aushalten. Ihre Begabung für die verfemten Gesänge entwickelt sich dabei nicht wie ein sauber beherrschtes Talent. Sie kostet Kraft, verlangt Konzentration und überfordert sie stellenweise. Das gefällt mir wesentlich besser als eine plötzliche Meisterschaft. Gleichzeitig bekommt die Geschichte der beiden Schwestern Gewicht. Garombe und Anthloza haben als Jägerinnen andere Motana verfolgt und damit ein System unterstützt, das sie selbst verabscheuten. Dass sie nun ausgerechnet den Widerstand mittragen, ist keine einfache Läuterung, sondern wirkt wie der Versuch, etwas wiedergutzumachen, das sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Wenn Zephyda am Ende zur Stellaren Majestät erhoben wird, fühlt sich das deshalb nicht wie ein dekorativer Titel an, sondern wie die logische Folge einer Entwicklung, die mehrere Episoden vorbereitet haben.
Claudia Urbschat-Mingues steht stimmlich so deutlich im Zentrum wie bisher kaum einmal. Ihre Zephyda beginnt mit dieser vertrauten Mischung aus Entschlossenheit und Skepsis, klingt während der Ausbildung aber zunehmend verletzlicher. Man hört, dass die Gesänge etwas in ihr öffnen, das sie selbst noch nicht vollständig versteht. In den Angriffsszenen gewinnt ihre Stimme dann eine ganz andere Präsenz, ohne in pathetisches Heldentum zu kippen. Luise Lunow bringt als Anthloza eine rauere, erfahrenere Energie mit und bildet einen starken Kontrast zu Carmen-Maja Antonis Garombe, die ruhiger und überlegter wirkt. Volker Lechtenbrink und Volker Brandt haben diesmal bewusst weniger emotionale Entwicklung zu tragen. Perry und Atlan sind die erfahrenen Eindringlinge, die ihre Lage zunächst kontrollieren und dann feststellen müssen, dass sie sich verschätzt haben. Charles Rettinghaus hält Rorkhete weiterhin schwer durchschaubar und lässt ihn selbst dann, wenn er Informationen weitergibt, nie völlig offen wirken. Markus Krane und Thomas Schmuckert geben den Kybb-Cranar die nötige Härte, ohne sie zu reinen Brüllmonstern zu machen. Besonders bemerkenswert ist erneut Joachim Höppner: Mit dieser Folge endet seine Zeit als Erzähler der Reihe. Seine ruhige, warme Autorität hat die ersten zwölf CDs entscheidend geprägt, und gerade deshalb fällt der Gedanke schwer, dass ab Folge 13 eine andere Stimme durch den Sternenozean führen wird.
Technisch lebt „Die Femesängerin“ von einem Problem, das für ein Hörspiel zugleich ein Geschenk ist: Die entscheidende Macht dieser Folge ist Klang. STIL muss die verfemten Gesänge nicht umständlich erklären, sondern kann sie unmittelbar hörbar machen. Der Neue Chor Berlin bekommt dadurch eine andere Funktion als bloße musikalische Begleitung. Stimmen werden geschichtet, rhythmisch gegeneinandergesetzt und mit elektronischen Flächen verbunden, bis tatsächlich der Eindruck entsteht, dass der Gesang auf seine Umgebung wirkt. Wenn Steine bewegt werden oder die Kybb-Cranar im Crythumo die Orientierung verlieren, entsteht der Effekt nicht allein aus Geräuschen, sondern aus dem Zusammenspiel von Chor, Raum und Reaktion der Figuren. Daneben bleibt die Infiltration der Festung nüchterner: Schritte, technische Räume, gedämpfter Funk und die mechanische Umgebung schaffen einen harten Gegensatz zur organischen Kraft der Motana. Christian Hagitte und Simon Bertling können damit zwei Klangwelten gegeneinanderstellen, ohne dass eine davon künstlich wirkt. Sonja Harths Schnitt hält Zephydas Ausbildung und Perrys Eindringen lange parallel, bis beide Handlungen im Angriff auf das Crythumo zusammenlaufen. Die CD dauert knapp 65 Minuten; zum Abschluss der zweiten Staffel folgt erneut Camouflages „How Do You Feel?“ im speziellen Perry-Rhodan-Mix.
Das Cover wirkt im Vergleich zum dramatischen Inhalt beinahe verträumt. Im Zentrum steht ein Segelmotiv, das noch einmal an die Reise über den Ozean und an die scheinbar archaische Lebenswelt der Motana erinnert. Dunkle Formen heben sich gegen die kühle blauviolette Umgebung ab, darüber öffnet sich der vertraute Sternenhimmel der Reihe. Gerade weil der Titel „Die Femesängerin“ zunächst an eine Figur oder an Musik denken lässt, ist diese eher landschaftliche, ruhige Gestaltung interessant. Sie zeigt nicht den Angriff auf das Crythumo und auch nicht Zephyda als überhöhte Heldin. Stattdessen hält sie an jener Welt fest, aus der der Widerstand überhaupt entsteht: eine Gesellschaft, die äußerlich mit einfachen Mitteln lebt und dennoch Kräfte bewahrt hat, gegen die hochentwickelte Besatzer kaum vorbereitet sind. Mir gefällt diese Zurückhaltung. Ein großes Porträt Zephydas oder eine spektakuläre Psi-Darstellung wäre naheliegender gewesen, hätte aber vermutlich schon zu viel von ihrer neuen Rolle vorweggenommen. So bleibt das Bild eher Stimmung als Inhaltsangabe. Die typische blau-schwarze Gestaltung verbindet es klar mit den übrigen CDs, während die weichere Komposition gut zum Choralen und fast Mythischen der Folge passt.
Als Staffelfinale funktioniert „Die Femesängerin“ für mich deutlich besser als ein bloßer Zwischenabschluss. Seit „Planet der Mythen“ haben Perry und Atlan auf Ash Irthumo vor allem reagiert: Sie strandeten, wurden versklavt, flohen, lernten die Motana kennen und versuchten herauszufinden, wie die Herrschaft der Kybb funktioniert. Jetzt kippt dieses Verhältnis erstmals. Das Crythumo fällt, die grausame Quote kann beendet werden und die Motana entdecken eine Macht wieder, die ihnen eine eigene Zukunft eröffnet. Gleichzeitig bleibt der größere Sternenozean weiterhin voller Fragezeichen. Perry und Atlan versuchen nach dem Sieg, ein Beiboot mit Hilfe der Femesänger in die Luft zu bringen, doch der Versuch scheitert und endet mit einem Absturz. Sie sitzen also weiterhin fest. Das verhindert, dass der Erfolg zu bequem wirkt. Viel entscheidender ist ohnehin Zephyda. Mit ihrer Ernennung zur Stellaren Majestät verschiebt sich die Serie endgültig von der Geschichte zweier gestrandeter Unsterblicher hin zu einem entstehenden Befreiungskampf. Genau das macht Folge 12 für mich zu einem echten Wendepunkt. Sie zahlt Motive aus, die seit Folge 6 vorbereitet wurden, gibt den Motana Handlungsmacht und lässt ihre vermeintlich rückständige Kultur plötzlich zum Schlüssel für etwas viel Größeres werden. Dazu kommt der Abschied von Joachim Höppner, der dieser zweiten Staffel im Nachhinein noch etwas Besonderes gibt. Nach zwölf Folgen ist der Sternenozean nicht mehr nur ein fremder Ort. Er hat eigene Stimmen bekommen – im wahrsten Sinne des Wortes.