Perry Rhodan: Sternenozean – 11. Entscheidung in Vhalaum
Der Angriff auf Shallowains Gefangenentransport ist gründlich schiefgegangen. Kantiran und Mal Detair sitzen zwar nicht mehr in ihren Zellen, aber frei sind sie deshalb noch lange nicht. Der Hypersturm Qa’pesh tobt über Hayok, die beteiligten Gleiter sind abgestürzt und eine durch die Störungen entstandene Raum-Zeit-Verfaltung hat einen Teil des Geländes von der Außenwelt abgeschnitten. Kantiran und Mal kommen durch den Absturz los, doch Shallowain und seine Kralasenen sind ebenfalls in diesem abgeschlossenen Bereich gelandet und nehmen sofort die Verfolgung auf. Gucky und Icho Tolot suchen unter erschwerten Bedingungen nach den beiden Flüchtigen; Guckys Parafähigkeiten funktionieren nur eingeschränkt und Tolot kann seine enorme Körperkraft zwar einsetzen, löst damit aber nicht jedes Problem. Maykie „Mole“ Molinas hängt nach dem Absturz zunächst buchstäblich in einem Baum und trifft anschließend auf den eigensinnigen Roboter Eiklpalin, der für den Zoo zuständig ist. Während draußen die Technik unter dem Hypersturm zusammenbricht, versucht Mole ausgerechnet über die Anlagen des Tierparks, die Verfaltung wieder mit dem normalen Raum zu verbinden. Für Kantiran bietet das ungewöhnliche Gelände ebenfalls eine Chance: Seine Fähigkeit, Tiere mental zu beeinflussen, wird plötzlich zum wichtigsten Vorteil gegenüber Shallowain.
Was in „Sonderkommando Kantiran“ als große Befreiungsaktion begonnen hat, verwandelt sich hier in eine erstaunlich verspielte Mischung aus Überlebenskampf, Verfolgungsjagd und Science-Fiction-Zooabenteuer. Im Hörspiel funktioniert diese Kombination für mich aber überraschend gut, weil die Folge ihren eigenen Wahnsinn ernst genug nimmt, ohne den Humor komplett auszuschalten. Vor allem Kantiran profitiert davon. Seine Tierbegabung war bislang ein auffälliges Merkmal, das immer wieder erwähnt wurde; hier wird sie endlich zu einem echten dramaturgischen Werkzeug. Dadurch erhält die Flucht eine andere Dynamik als die üblichen Feuergefechte. Gleichzeitig bleibt Shallowain gefährlich. Gerade weil das Gelände so ungewöhnlich ist, wirkt sein beharrliches Weiterjagen umso unangenehmer. Er lässt sich weder vom Absturz noch vom Hypersturm oder den fremden Kreaturen dauerhaft aufhalten. Die Folge macht aus ihm damit endgültig einen Gegner, dessen größte Stärke nicht Technik, sondern Zähigkeit ist.
Am meisten Spaß macht mir allerdings der Parallelstrang um Mole, Gucky und Tolot. Oliver Rohrbecks Figur ist schon in Folge 8 durch ihre etwas verschrobene Art aufgefallen, bekommt hier aber deutlich mehr Profil. Mole denkt selbst dann in Systemen, Schnittstellen und Manipulationsmöglichkeiten, wenn ringsum alles auseinanderfällt. Die Begegnung mit Eiklpalin ist deshalb mehr als eine Humoreinlage. Gleichzeitig wird ausgerechnet Mole zum entscheidenden Faktor der Rettung. Während die körperlich mächtigen Figuren kämpfen, muss jemand verstehen, was mit dem Raum selbst passiert ist. Guckys Zeitschleife setzt einen zusätzlichen Akzent, weil ausgerechnet der Teleporter plötzlich an einem Ort festhängt, an dem normale Bewegung kaum noch verlässlich ist. Und Tolot darf endlich das tun, wofür ein Haluter in einer Actionszene nun einmal wie geschaffen ist: auftauchen, wenn rohe Kraft tatsächlich gebraucht wird. Dass der finale Zugriff auf Shallowain trotzdem nicht sauber gelingt, gefällt mir besonders. Er wird zwar überwältigt, muss beim Auftauchen der LEOTARD aber zurückgelassen werden. Die Rettung ist damit ein Erfolg, ohne dass die Serie ihren wichtigsten Verfolger bequem aus dem Spiel nimmt.
Christian Stark und Jürgen Kluckert funktionieren als gehetztes Duo inzwischen so selbstverständlich, dass man gar nicht mehr viel Exposition braucht. Stark lässt Kantiran weniger impulsiv wirken als zu Beginn der Reihe; er reagiert schneller, denkt praktischer und vertraut Mal inzwischen vollkommen. Kluckert gibt Mal weiterhin diese ruhige, bodenständige Wärme, die selbst in hektischen Situationen nie naiv klingt. Manfred Lehmann ist als Shallowain erneut hervorragend, weil er die Figur nicht zum brüllenden Schurken macht. Seine Stimme hat etwas Trockenes, Unerbittliches, wodurch jede neue Begegnung mit Kantiran sofort Druck bekommt. Oliver Rohrbeck spielt Mole mit viel Tempo, leichtem Spott und einer Nervosität, die hervorragend zu einem Menschen passt, der in technischen Systemen wesentlich sicherer ist als in normalen sozialen Situationen. Stefan Krause kann Gucky diesmal stärker humoristisch anlegen, ohne den Mausbiber zur Karikatur zu machen, während Tilo Schmitz Icho Tolot mit seinem tiefen Bass fast körperlich in den Raum stellt. Stefan Fredrich ist als Eiklpalin eine kleine Überraschung: Der Roboter könnte leicht nur ein Gag sein, bekommt durch seine pedantische Freundlichkeit aber eine eigene Persönlichkeit. Kaspar Eichel hält Dario da Eshmale im Hintergrund als sachlichen Gegenpol zusammen. Joachim Höppner hält auch diese hektische Folge mit seiner ruhigen Erzählerstimme zusammen; erst nach dem anschließenden Staffelfinale übernimmt ab Folge 13 Christian Schult.
Bei der technischen Umsetzung kann STIL aus dem ungewöhnlichen Schauplatz enorm viel herausholen. Der Zoo klingt weder nach Tierpark auf der Erde noch nach einer beliebigen futuristischen Anlage. Fremdartige Tierlaute, Energiezäune, beschädigte Technik, Wind und das permanente Grollen des Hypersturms liegen übereinander, ohne dass daraus akustisches Chaos wird. Besonders stark ist die Raum-Zeit-Verfaltung umgesetzt. Stimmen und Geräusche scheinen stellenweise nicht dort zu liegen, wo man sie erwartet, Bewegungen brechen ab oder wiederholen sich, und Guckys Zeitschleife bekommt dadurch eine hörbare Irritation, ohne mit einem simplen Echoeffekt abgespeist zu werden. Sonja Harths Schnitt ist hier fast genauso wichtig wie die Musik, weil mehrere Gruppen gleichzeitig unterwegs sind und trotzdem jederzeit klar bleibt, bei wem man sich gerade befindet. Christian Hagitte und Simon Bertling setzen den orchestralen Score diesmal rhythmischer ein als in den Motana-Folgen. Die Musik treibt, zieht sich bei Moles technischen Passagen aber wieder zurück und überlässt den Geräuschen das Feld. Gerade die Konfrontation zwischen Tolot und Shallowain gewinnt durch diese Zurückhaltung. Die CD kommt auf rund 64½ Minuten; etwa eine Stunde entfällt auf das Hörspiel, anschließend folgt wieder Camouflages „How Do You Feel?“ im Perry-Rhodan-Mix.
Auch das Cover geht einen anderen Weg als die eher symbolischen Motive der letzten Folgen. Im Vordergrund rast ein flaches, dunkles Fluggerät über eine blauweiße, zerklüftete Landschaft, dahinter steigen schwarze Berge auf, während ein heller Himmelskörper und Sterne die Szene fast unwirklich erscheinen lassen. Durch die starke Bewegung des Fahrzeugs wirkt das Bild, als sei man mitten in die Verfolgung geraten. Gleichzeitig ist die Landschaft so kalt und fremd gehalten, dass sie weniger wie ein Zoo als wie ein vollständig aus der normalen Welt herausgerissener Ort erscheint. Genau das passt zur Raum-Zeit-Verfaltung: Vhalaum ist zwar der Ausgangspunkt, aber die Figuren bewegen sich zeitweise in einem abgeschlossenen Stück Wirklichkeit, dessen Grenzen niemand genau versteht. Mir gefällt besonders, dass kein großes Charakterporträt verwendet wird. Weder Kantiran noch Shallowain noch Gucky müssen auf dem Bild stehen, weil die Geschwindigkeit und Unsicherheit der Episode bereits über die Perspektive vermittelt werden. Das blau-schwarze Grundschema der Serie bleibt erhalten, doch die hellen Flächen und der Lichtschweif geben dem Motiv mehr Dynamik als vielen Vorgängern. „Entscheidung in Vhalaum“ klingt als Titel sehr endgültig; das Cover verspricht dagegen eher Flucht und Bewegung – und damit trifft es den tatsächlichen Charakter der Folge ziemlich gut.
Für mich schließt Folge 11 den Kantiran-Abschnitt dieser zweiten Staffel deutlich stärker ab, als es „Sonderkommando Kantiran“ allein gekonnt hätte. Die Rettungsmission bekommt hier nicht einfach ihr fehlendes Ende, sondern nutzt den Absturz, um Figuren zusammenzubringen, die vorher nur nebeneinander agiert haben. Mole wird vom schrulligen Techniker zum eigentlichen Problemlöser, Gucky und Tolot dürfen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten zeigen, Kantiran setzt seine besondere Beziehung zu Tieren sinnvoll ein und Shallowain bleibt trotz seiner Niederlage im Spiel. Dass Mole bei der Rettung schwer verletzt wird, nimmt dem ganzen Abenteuer zudem den reinen Spaßfaktor und erinnert daran, dass der Einsatz einen Preis hat. Etwas konstruiert ist die Zoo-Idee zweifellos, und wer mit Guckys Humor oder den exotischen Tieren wenig anfangen kann, wird diese Folge vermutlich weniger ernst nehmen als die düsteren Motana-Episoden. Mich stört das kaum. Nach mehreren schweren Kapiteln tut diese fast pulpige Abenteuerenergie der Reihe gut. Gleichzeitig hinterlässt Ascari mit der angekündigten arkonidischen Aktion bereits den nächsten Schatten über Hayok. „Entscheidung in Vhalaum“ beendet also einen unmittelbaren Konflikt, ohne wirklich Ruhe herzustellen. Genau deshalb funktioniert die Folge als vorletzter Baustein der Staffel: Kantiran und Mal sind endlich aus Shallowains Händen, aber die größere Auseinandersetzung zwischen Arkon und Terranern steht erst noch bevor.