Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert – Zehn Kassetten auf großer Fahrt mit der Enterprise
Wenn Star Trek zum Hörspiel wurde – Serienhintergrund
Anfang der neunziger Jahre war „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“ in Deutschland noch etwas vollkommen Neues. Captain Jean-Luc Picard, Commander William Riker, Data, Geordi La Forge, Deanna Troi und die übrige Besatzung der Enterprise-D waren noch weit davon entfernt, jene selbstverständlichen Bestandteile des Star-Trek-Universums zu sein, die sie heute darstellen. Das ZDF begann am 7. September 1990 mit der Ausstrahlung der Serie – und praktisch gleichzeitig brachte Karussell die ersten Abenteuer auch als Hörspiele auf Musikkassette heraus.
Die amerikanische Fernsehserie „Star Trek: The Next Generation“ war bereits am 28. September 1987 gestartet. Gene Roddenberry hatte sich dabei für einen echten Neuanfang entschieden. Rund ein Jahrhundert nach Kirk und seiner Mannschaft sollte eine neue Enterprise mit einer neuen Besatzung in unbekannte Regionen des Weltraums vorstoßen. Patrick Stewart übernahm als Jean-Luc Picard das Kommando über die gewaltige USS Enterprise NCC-1701-D. An seiner Seite standen Jonathan Frakes als William T. Riker, Brent Spiner als Android Data, LeVar Burton als Geordi La Forge, Marina Sirtis als Deanna Troi, Gates McFadden als Dr. Beverly Crusher, Denise Crosby als Tasha Yar, Michael Dorn als Klingone Worf und Wil Wheaton als Wesley Crusher.
Karussell entschied sich 1990 für eine damals naheliegende Form der Auswertung: Die deutsche Fernsehtonspur wurde zu einem O-Ton-Hörspiel umgearbeitet. Anders als bei einer vollständig neu produzierten Hörspielfassung mussten die Rollen also nicht noch einmal aufgenommen werden. Die bekannten deutschen Stimmen der ZDF-Synchronisation blieben erhalten. Weil jedoch zahlreiche Vorgänge einer Fernsehserie ausschließlich im Bild stattfinden, wurde das Material um einen Erzähler ergänzt. Diese Aufgabe übernahm Henry König, der durch sämtliche zehn Kassetten führt und die fehlenden Bilder dort ersetzt, wo Dialoge und Geräusche allein nicht ausreichen.
Damit ähnelte das Konzept den ebenfalls bei Karussell veröffentlichten Hörspielfassungen von Fernsehserien wie „Die echten Ghostbusters“. Allerdings eignet sich „Star Trek“ erstaunlich gut für diese Form. Computerstimmen, Brückendialoge, Logbucheinträge, Kommunikation über den Interkom, technische Geräusche und die Musik sind ohnehin akustisch stark präsent. Die Enterprise entsteht deshalb auch ohne Bildschirm erstaunlich schnell im Kopf.
Die Reihe blieb überschaubar. Zehn Kassetten erschienen 1990, und danach war bereits Schluss. Karussell arbeitete sich dabei durch den Anfang der ersten Staffel, allerdings nicht streng entsprechend der amerikanischen Produktions- oder Ausstrahlungsreihenfolge. Die Hörspiele bilden deshalb eine kleine Momentaufnahme aus jener Phase, in der Picard und seine Mannschaft selbst im Fernsehen noch dabei waren, sich zu finden.
Zehn Reisen mit der Enterprise – Die komplette Hörspielserie
Die Karussell-Reihe umfasst zehn reguläre Hörspielkassetten. Die ersten beiden teilen den Pilotfilm „Mission Farpoint“ auf zwei Veröffentlichungen auf; Folge 1 trägt auf der Kassette den Titel „Der Mächtige – Teil 1“, während verschiedene spätere Übersichten sie auch als „Mission Farpoint – Teil 1“ führen. Alle zehn MCs erschienen 1990.
1. Der Mächtige – Teil 1
2. Mission Farpoint – Teil 2
3. Gedankengift
4. Der Ehrenkodex
5. Die Frau seiner Träume
6. Der Reisende
7. Der Wächter
8. Die geheimnisvolle Kraft
9. Das Gesetz der Edo
10. Die Schlacht von Maxia
Schon die Katalognummern zeigen, dass die Reihe in mehreren Blöcken erschien. Die ersten fünf Folgen laufen unmittelbar von 841 539-4 bis 841 543-4, „Der Reisende“ trägt 843 573-4, und die letzten vier MCs bilden mit 847 464-4 bis 847 467-4 erneut einen geschlossenen Block.
Zehn Folgen klingen zunächst nicht nach besonders viel. Tatsächlich bekommt man aber einen ausgesprochen interessanten Querschnitt durch die Frühphase von „The Next Generation“: Q, die Ferengi, die ersten großen moralischen Konflikte, Datas Suche nach Menschlichkeit, Wesleys Entwicklung, die Beziehung zwischen Riker und Troi und sogar einen Blick in Picards Vergangenheit. Vieles, was später zum festen Inventar der Serie gehören sollte, ist auf diesen zehn Kassetten bereits vorhanden.
Ein neuer Captain, eine neue Enterprise und ein allmächtiger Gegner – Der Mächtige und Mission Farpoint
Die Reihe beginnt dort, wo auch „The Next Generation“ beginnt. Die neue Enterprise befindet sich auf dem Weg zur Farpoint-Station, wo Jean-Luc Picard seine noch nicht vollständig versammelte Mannschaft übernehmen soll. Doch bevor die eigentliche Mission überhaupt richtig beginnen kann, erscheint Q.
Damit begegnen die Hörer gleich auf der ersten Kassette einer Figur, die die Fernsehserie bis zu ihrem Finale begleiten sollte. Q stellt nicht einfach nur die Enterprise auf die Probe. Er klagt die gesamte Menschheit an. In seinen Augen ist sie eine barbarische, gefährliche Spezies, die es nicht verdient hat, weiter in den Weltraum vorzudringen. Picard soll beweisen, dass die Menschheit sich verändert hat.
Der Pilotfilm war für eine einzelne gewöhnliche Hörspielkassette zu umfangreich. Karussell teilte ihn deshalb auf zwei Folgen auf. „Der Mächtige – Teil 1“ führt Q, Picard und einen großen Teil der neuen Mannschaft ein, während „Mission Farpoint – Teil 2“ die eigentliche Geschichte um die rätselhafte Farpoint-Station fortsetzt. Damit bilden Folge 1 und 2 als einzige Veröffentlichungen der Reihe einen unmittelbaren Zweiteiler.
Für das Hörspiel ist gerade diese Geschichte eine Herausforderung. Der Pilotfilm lebt stark von der neuen Enterprise, den fremdartigen Erscheinungen Qs und der visuellen Auflösung des Geheimnisses von Farpoint. Henry Königs Erzähler erhält deshalb eine wesentlich wichtigere Funktion als bei einer dialogorientierten Fernsehfolge. Er muss das beschreiben, was das Fernsehbild ursprünglich selbstverständlich vermittelt hat.
Gleichzeitig besitzt der Stoff bereits vieles, was Star Trek auch akustisch hervorragend funktionieren lässt. Picards Auseinandersetzungen mit Q, Rikers erstes Zusammentreffen mit seinem Captain, Datas Begegnung mit Leonard „Pille“ McCoy und die zahlreichen Brückenszenen brauchen kaum Bilder. Sprache und Figuren tragen einen großen Teil der Geschichte.
Wenn sich Vernunft in Wahnsinn verwandelt – Gedankengift
„Gedankengift“ führt die Enterprise zur SS Tsiolkovsky. Die Besatzung des Forschungsschiffs ist tot, und schon bald zeigt sich, dass eine geheimnisvolle Infektion dafür verantwortlich ist. Als die Krankheit auf die Enterprise überspringt, verlieren auch Picards Leute zunehmend ihre Hemmungen und ihre Selbstkontrolle.
Die Episode greift bewusst auf eine Geschichte der klassischen Enterprise zurück. Bereits Kirk und Spock hatten in „Implosion in der Spirale“ mit einer sehr ähnlichen Infektion zu kämpfen. „The Next Generation“ stellt damit schon sehr früh eine direkte Verbindung zur alten Serie her.
Für das Hörspiel funktioniert der Stoff hervorragend. Die zunehmende Veränderung der Besatzung wird vor allem durch Sprache und Schauspiel vermittelt. Data beginnt sich ungewöhnlich menschlich zu verhalten, Tasha Yar verliert ihre sonstige Disziplin und selbst Wesley bringt die Enterprise schließlich in ernsthafte Gefahr.
Neben dem Stammpersonal ist unter anderem Jürgen Kluckert als stellvertretender Chefingenieur Jim Shimoda zu hören. Die Folge zeigt sehr schön einen Vorteil dieser Karussell-Reihe: Man hört keine nachträglich zusammengestellte Ersatzbesetzung, sondern tatsächlich die Schauspieler der deutschen TV-Synchronisation.
Ein Impfstoff und ein tödlicher Ehrenkodex – Der Ehrenkodex
In „Der Ehrenkodex“ benötigt die Föderation dringend einen Impfstoff vom Planeten Ligon II. Zunächst scheint die diplomatische Mission erfolgreich zu verlaufen, doch dann entführt Lutan Sicherheitschefin Tasha Yar. Aus einer medizinischen Mission entwickelt sich ein Konflikt um Traditionen, Macht und einen ritualisierten Kampf.
Aus heutiger Sicht gehört „Code of Honor“ zu den umstrittensten Episoden der gesamten Serie. Besetzung und Inszenierung der Ligonier wurden schon früh kritisiert; auch Beteiligte an „The Next Generation“ distanzierten sich später von verschiedenen Entscheidungen während der Produktion. Die Schwierigkeiten liegen dabei weniger in der Grundidee eines Konflikts zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Vorstellungen als in der konkreten stereotypen Umsetzung der Fernsehfolge.
Für die Karussell-Kassette wurde wiederum weitgehend die deutsche Fernsehsynchronisation verwendet und durch zusätzliche beschreibende Passagen ergänzt. Jürgen Kluckert ist diesmal als Lutan zu hören.
Gerade im Kontext der zehn Hörspiele ist „Der Ehrenkodex“ interessant, weil sich hier zeigt, wie unterschiedlich die frühe erste Staffel noch nach ihrer eigenen Identität suchte. Zwischen Science-Fiction, Abenteuer, Diplomatie und teilweise sehr konventionellen Fernsehplots war vieles möglich.