Die Playmos - 100. Der magische Ring
Ben kennt es nur zu gut: Emil, Liv und Sam verschwinden aus seinem Kinderzimmer in eine der zahlreichen Playmobil-Welten und kehren nach bestandenem Abenteuer wieder zurück. Ausgerechnet bei der hundertsten Folge wird dieses vertraute Prinzip auf den Kopf gestellt, denn diesmal darf Ben selbst mit. Seine Freude darüber hält allerdings nicht lange an. Ein magischer Ring verwandelt ihn in einen kleinen Tiger, und sämtliche Versuche, diesen Zauber rückgängig zu machen, scheitern. Damit beginnt eine ausgedehnte Reise durch vollkommen unterschiedliche Welten. Die Freunde begegnen Rittern und Fußballern, tauchen zu Meerjungfrauen hinab, gelangen mit Pegasos zum Olymp, geraten in einen Feuerwehreinsatz, treffen Wikinger und Odin, suchen einen verborgenen Dschungeltempel, nehmen an einer Vulkanrallye teil und landen schließlich in einer SWAT-Zentrale. Überall scheint sich eine neue Möglichkeit zu ergeben, Ben zu helfen, doch weder magische Pflanzen noch Götter oder geheimnisvolle Artefakte bringen den erhofften Erfolg. Erst ganz am Ende gelingt die Rückverwandlung – allerdings mit einer unerwarteten Folge: Ben hat sämtliche Erinnerungen an die gemeinsame Reise und an das Geheimnis seiner lebendigen Playmos verloren.
Die Idee hinter „Der magische Ring“ halte ich für eine hundertste Folge für ausgesprochen passend. Statt lediglich alles größer, lauter und spektakulärer zu gestalten, verändern David Bredel und Florian Fickel einen wesentlichen Bestandteil des Serienkonzepts. Ben überschreitet erstmals selbst jene Grenze, die Emil, Liv und Sam seit Ewigkeiten ganz selbstverständlich passieren. Damit erfüllt sich etwas, das im Grunde seit Beginn der Reihe in der Luft lag. Besonders clever ist allerdings, ihn nicht einfach als vierten Abenteurer neben die Playmos zu stellen. Durch seine Verwandlung wird aus dem ersehnten Ausflug sofort eine Rettungsmission und Ben muss feststellen, dass die Spielwelten wesentlich weniger bequem sind, wenn man plötzlich selbst in ihnen steckt. Gleichzeitig nutzt die Geschichte ihr Jubiläum für eine regelrechte Rundreise durch die Möglichkeiten von Playmobil. Fantasy, Sport, Mythologie, Feuerwehr, Wikinger, Schatzsuche, Motorsport und Polizeieinsatz stehen nebeneinander, ohne dass ein einzelnes Thema die beinahe drei Stunden allein tragen müsste. Dadurch besitzt die Folge tatsächlich etwas von einem großen Streifzug durch all jene Abenteuerwelten, aus denen die Serie seit jeher ihre Geschichten entwickelt.
Ganz ohne Wiederholungen kommt dieses Konzept allerdings nicht aus. Irgendwann kennt man den Ablauf: Eine neue Welt wartet, dort gibt es ein Problem zu lösen und nebenbei entdecken die Freunde etwas, das Ben möglicherweise zurückverwandeln könnte. Nach mehreren Fehlschlägen glaubt man kaum noch ernsthaft daran, dass ausgerechnet das nächste Seegras, die nächste Gottheit oder der nächste magische Gegenstand die endgültige Rettung bringen wird. Trotzdem hält sich die Geschichte erstaunlich gut, weil die einzelnen Stationen dramaturgisch unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Mal steht ein Rätsel im Vordergrund, mal eine Rettungsaktion, ein Wettkampf oder eine Verfolgungsjagd. Sehr schön ist auch, dass einzelne Figuren immer wieder stärker hervortreten dürfen und nicht sämtliche Probleme nach demselben Schema gelöst werden. Spätestens das Finale fügt die scheinbar episodische Reise dann wesentlich enger zusammen, indem frühere Ereignisse und Figuren zurückkehren. Und ausgerechnet nachdem die große Aufgabe endlich geschafft ist, folgt die beste Wendung der gesamten Geschichte: Ben ist wieder Ben, kann sich aber an nichts erinnern. Aus dem erwarteten Happy End wird damit ein überraschend nachdenklicher Abschluss, der die vorherige Reise rückwirkend noch einmal anders wirken lässt.
Stimmlich hat ein solches Mammutprojekt einen entscheidenden Vorteil: Gerrit Schmidt-Foß, Santiago Ziesmer, Ricardo Richter, Nicolas Artajo und Giuliana Jakobeit bilden über alle Wechsel hinweg einen vertrauten Kern. Das ist bei einer Geschichte mit ständig neuen Orten und zahlreichen Gastfiguren enorm hilfreich. Besonders Ben bekommt diesmal natürlich wesentlich mehr zu tun als gewöhnlich. Seine Entwicklung vom begeisterten Mitreisenden über den verwandelten Tiger bis hin zu einem Jungen, der sich schließlich nicht einmal mehr an seine Freunde erinnern kann, verleiht der Figur eine ganz andere Bedeutung. Gleichzeitig verteilt das Skript die Aufgaben erfreulich. Liv darf sich beispielsweise beim Autorennen beweisen, Sam bringt beim Wikingerschach seine Ideen ein und auch Emil erhält immer wieder eigene Momente. Die vielen Nebenrollen können bei den kurzen Aufenthalten naturgemäß nicht alle große Tiefe entwickeln, müssen das aber auch nicht. Sie geben Ritterwelt, Meerjungfrauenreich, Asgard, Dschungel oder SWAT-Zentrale jeweils einen eigenen stimmlichen Charakter. Dadurch entsteht trotz der Vielzahl an Figuren nie der Eindruck, drei Stunden lang dieselbe Besetzung lediglich vor wechselnde Kulissen zu stellen.
Die akustische Vielfalt ist ohnehin eine der größten Stärken der kompletten Jubiläumsfolge. Kaum hat man sich an eine Ritterburg gewöhnt, steht man auf einem Fußballplatz, taucht anschließend unter Wasser oder fliegt mit Pegasos durch die Lüfte. Später knistert ein brennender Dachstuhl, winterlicher Wind begleitet die Wikinger, im Dschungel verändert sich die räumliche Wirkung beim Betreten des Tempels, Motoren bestimmen die Vulkanrallye und Funkverkehr sowie Einsatzgeräusche prägen schließlich die SWAT-Zentrale. Gerade am Stück gehört macht sich diese Bandbreite bemerkbar. Die Geräusche dienen dabei häufig nicht nur der Dekoration, sondern erzählen mit: Sams Rallyeansagen vermitteln das Zusammenspiel zwischen Fahrer und Co-Pilot, Feuer und Einsatzfahrzeuge treiben die Rettungsgeschichte voran und die Unterwasser- oder Tempelszenen erhalten durch ihre räumliche Gestaltung eine eigene Atmosphäre. Die Musik muss entsprechend viele Stimmungen miteinander verbinden, ohne dass die neun Teile wie völlig unterschiedliche Produktionen klingen. Trotz der ständigen Stilwechsel bleibt die typische leichte, farbenfrohe Playmos-Grundstimmung erhalten, und genau das hält dieses ungewöhnlich lange Abenteuer klanglich zusammen.
Das Gesamtcover versucht folgerichtig gar nicht erst, alle neun Welten auf einmal abzubilden. Stattdessen werden mehrere besonders typische Motive zu einer kleinen Jubiläumscollage zusammengeführt. Ritter, SWAT-Einsatzkraft, antiker Krieger und Feuerwehrfigur stehen nebeneinander, während über ihnen ein Drache durch die nächtliche Szenerie fliegt. Feuer und Suchscheinwerfer im Hintergrund sorgen für deutlich mehr Dramatik als bei einem gewöhnlichen Playmos-Cover. Gleichzeitig bleibt die Gestaltung durch das vertraute Blau, das Serienlogo und die Playmobil-Figuren sofort als Teil der Reihe erkennbar. Der gelbe Hinweis „Extra lang“ macht zudem deutlich, dass hier keine normale Episode wartet. Mir gefällt, dass das Motiv nicht versucht, die Handlung wörtlich nachzuerzählen. Stattdessen vermittelt es eher die enorme Bandbreite des Jubiläums: Mittelalter, Fantasy, Antike, Feuerwehr und moderne Einsatzwelt treffen innerhalb eines einzigen Bildes aufeinander. Genau dieses Nebeneinander völlig unterschiedlicher Spielwelten ist schließlich auch das zentrale Merkmal von „Der magische Ring“.
Als hundertste Folge ist „Der magische Ring“ für mich ein gelungenes Serienereignis, gerade weil das Jubiläum nicht nur durch seine Länge auffallen möchte. Die fast drei Stunden haben durchaus Passagen, in denen sich das Prinzip der nächsten vermeintlichen Rückverwandlung etwas abnutzt, und nicht jede der neun Stationen ist gleichermaßen stark. Als Gesamtgeschichte funktioniert die Reise trotzdem erstaunlich gut. Die ständig wechselnden Playmobil-Welten sorgen für Abwechslung, Ben wird endlich selbst zum Bestandteil jener Abenteuer, die bislang immer ohne ihn stattgefunden haben, und das Finale greift genügend frühere Elemente auf, um dem Ganzen einen richtigen Abschluss zu geben. Am meisten bleibt bei mir aber der letzte Schritt hängen. Ben erhält seinen Körper zurück und verliert dafür die Erinnerung an Emil, Liv und Sam. Dass er seine Figuren anschließend wegpackt, weil er sich plötzlich zu alt dafür fühlt, ist für diese Serie ein ungewöhnlich melancholischer Schlusspunkt. Gerade deshalb passt er zu einem Jubiläum, das sich mit der Bedeutung des Spielens beschäftigt. Nach hundert Folgen beantwortet „Der magische Ring“ die Frage, ob man irgendwann zu alt für Fantasie wird, nicht endgültig – aber dass Emil, Liv und Sam weiterhin lebendig sind, dürfte bereits eine ziemlich deutliche Antwort sein.