Die Playmos - 100/6. Der magische Ring: Das finale Wikingerspiel
Emil, Liv, Sam und der weiterhin in einen Tiger verwandelte Ben landen in einer verschneiten Wikingerwelt, in der gerade über die Zukunft des Dorfes gestritten wird. Einer und Leif wollen beide die Nachfolge des bisherigen Anführers antreten und die Entscheidung durch einen Holmgang herbeiführen. Sam schlägt eine weniger handgreifliche Alternative vor: Wikingerschach soll zeigen, wer von beiden das Zeug zum Anführer hat. Doch während des Spiels häufen sich merkwürdige Zwischenfälle, bis sich herausstellt, dass Guntilda gezielt versucht, die beiden Männer gegeneinander aufzubringen. Nachdem ihre Einmischung auffliegt, einigen sich Einer und Leif schließlich darauf, die Verantwortung aufzuteilen. Damit wäre der Streit eigentlich beendet, doch Guntilda hat noch eine Überraschung parat. Sie ist eine Walküre und bringt die Playmos nach Asgard, wo sie Odin begegnen. Für Ben scheint damit endlich jemand gefunden zu sein, der mächtig genug sein müsste, seine Verwandlung rückgängig zu machen. Odins Versuch geht jedoch gründlich daneben und macht aus dem Tiger vorübergehend eine bewegungslose Statue. Viel Zeit zum Grübeln bleibt nicht, denn schon öffnet sich das nächste Portal und zieht die Freunde weiter in Richtung Dschungel.
Mir gefällt an dieser sechsten Episode, dass Bens Problem über weite Strecken einmal nicht das beherrschende Thema ist. Zunächst bekommen wir ein richtiges Wikingerabenteuer mit einem eigenen Konflikt, dessen Ausgang auch dann interessant wäre, wenn „Das finale Wikingerspiel“ nicht Teil einer größeren Geschichte wäre. Der Streit zwischen Einer und Leif dreht sich letztlich um die Frage, welche Eigenschaften einen Anführer ausmachen. Sam bringt mit dem Wikingerschach eine Lösung ins Spiel, bei der nicht bloß körperliche Stärke entscheidet, sondern Überlegung und Geschick gefragt sind. Noch besser finde ich, dass am Ende keiner der beiden zum alleinigen Sieger erklärt werden muss. Einer übernimmt Verantwortung im Dorf, während Leif seine Fähigkeiten auf See einsetzt. Das ist eine angenehm vernünftige Auflösung, die sehr gut zum Grundton der Playmos passt. Ganz nebenbei wird das Wikingerschach so eingebaut, dass man dessen Prinzip versteht, ohne das Gefühl zu bekommen, gerade eine Unterrichtsstunde zu hören.
Auch dramaturgisch hat dieser Abschnitt einiges zu bieten. Erst entwickelt sich ein Wettbewerb, dann sorgen die Manipulationen Guntildas für zusätzliche Unruhe und schließlich stellt ihre wahre Identität die Geschichte noch einmal komplett auf den Kopf. Der Wechsel nach Asgard kommt dadurch nicht aus dem Nichts, sondern ergibt sich aus einer Figur, die bereits zuvor Teil der Handlung war. Das macht die zweite Hälfte wesentlich reizvoller. Nach Zeus begegnet Ben nun schon dem nächsten mächtigen Gott, und eigentlich müsste Odin genau die richtige Adresse für ein derart hartnäckiges magisches Problem sein. Dass sein Eingreifen die Lage stattdessen zunächst noch schlimmer macht, ist eine schöne Pointe. Inzwischen lebt die Miniserie auch ein wenig davon, immer größere Lösungen für Ben in Aussicht zu stellen und diese anschließend auf möglichst unerwartete Weise scheitern zu lassen. Hier nutzt sich das noch nicht ab, weil um diesen Versuch herum genügend eigene Handlung vorhanden ist. Das unmittelbar auftauchende Portal zum Dschungel setzt anschließend einen kleinen Cliffhanger und verhindert jede längere Verschnaufpause.
Das vertraute Kernensemble mit Gerrit Schmidt-Foß, Santiago Ziesmer, Ricardo Richter, Nicolas Artajo und Giuliana Jakobeit sorgt weiterhin für den notwendigen Zusammenhalt zwischen den völlig unterschiedlichen Schauplätzen des Jubiläums. Nach sechs Episoden hat sich gerade Bens ungewohnte Rolle als Tiger zu einer schönen Erweiterung der bekannten Gruppendynamik entwickelt. Die anderen müssen auf ihn aufpassen, er kann aber trotzdem mitten im Abenteuer dabei sein und wird regelmäßig zum Ausgangspunkt komischer Situationen. Einer, Leif und Guntilda benötigen diesmal ebenfalls genügend Persönlichkeit, weil der Konflikt der Wikinger einen großen Teil der Episode trägt. Vor allem Guntilda kann sich dabei vom zunächst störenden Faktor zu einer wesentlich interessanteren Figur entwickeln, sobald ihre Identität als Walküre bekannt wird. Odin hat naturgemäß weniger Zeit, muss aber sofort eine gewisse Größe ausstrahlen, damit die Hoffnung der Freunde auf seine Hilfe nachvollziehbar bleibt. Das Zusammenspiel aus vertrauten Hauptstimmen und markanten Gastfiguren funktioniert dadurch erneut sehr ordentlich.
Klanglich besitzt die Episode zwei recht unterschiedliche Gesichter. Zu Beginn dominieren das verschneite Wikingerdorf und der Wettkampf zwischen Einer und Leif. Wind, Bewegung und die Geräusche rund um das Spiel geben diesem Teil eine bodenständigere Atmosphäre. Mit Guntildas Enthüllung und dem Wechsel nach Asgard darf die Inszenierung anschließend größer und fantastischer werden. Genau dieser Kontrast sorgt dafür, dass man den Ortswechsel nicht nur durch die Dialoge wahrnimmt. Auch Odins missglückter Versuch an Ben lässt sich akustisch schön ausspielen, ohne den humorvollen Charakter der Szene zu verlieren. Die Musik unterstützt den nordischen Abenteuercharakter und kann beim Übergang in die Götterwelt etwas mehr Größe entwickeln. Trotz der verschiedenen Elemente bleibt das Klangbild übersichtlich. Wikingerabenteuer, Wikingerschach und Götterwelt wirken nicht wie drei voneinander getrennte Bestandteile, sondern gehen erstaunlich flüssig ineinander über.
Das Cover entscheidet sich klar für die spektakulärste Seite der Wikingerwelt. Unter einem dunklen, von Blitzen durchzogenen Himmel erhebt sich eine riesige grün-blaue Seeschlange aus aufgewühltem Wasser. Rechts kämpfen zwei Wikinger in einem kleinen Boot gegen die Wellen, während links eine schwer bewaffnete Figur mit Schwert, Helm und auffälligem roten Bart das Motiv zusätzlich prägt. Dadurch vermittelt das Bild zunächst eher ein großes Seeabenteuer als den Wettstreit um die Führung eines Dorfes. Gerade das macht es aber ausgesprochen wirkungsvoll. Das dunkle Meer und der Gewitterhimmel bilden einen starken Gegensatz zum leuchtenden Grün des Monsters, während die kleinen Wikingerfiguren dessen enorme Größe noch deutlicher erscheinen lassen. Nach Feuerwehrfahrzeug, Olymp und Unterwasserwelt besitzt auch diese Episode damit sofort ihre eigene optische Identität. Der vertraute blaue Rahmen hält die unterschiedlichen Motive der Miniserie dennoch zusammen.
„Das finale Wikingerspiel“ gehört für mich zu den runderen Stationen der bisherigen Jubiläumsreise. Einer und Leif bekommen einen richtigen eigenen Konflikt, das Wikingerschach wird sinnvoll in die Handlung integriert und Guntilda sorgt dafür, dass sich die Geschichte nach der vermeintlichen Lösung noch einmal in eine ganz andere Richtung bewegt. Besonders die Verbindung aus Wikingerwelt und nordischer Mythologie gefällt mir, weil dadurch aus dem zunächst recht bodenständigen Wettstreit schließlich doch noch ein fantastisches Abenteuer wird. Dass selbst Odin Ben nicht zurückverwandeln kann und die Situation vorübergehend sogar verschlimmert, hält die übergeordnete Geschichte am Laufen, ohne den eigentlichen Wikingerplot zu verdrängen. Mit dem Portal in den Dschungel wartet am Schluss bereits die nächste völlig andere Welt. Nach sechs Teilen funktioniert „Der magische Ring“ für mich weiterhin am besten, wenn diese Stationen genügend eigene Substanz besitzen – und genau davon hat das Wikingerspiel erfreulich viel.