Die Playmos - 100/4. Der magische Ring: Sturzflug beim Olymp
Emil, Liv und Sam sind mit Ben noch immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Verwandlung ihres Freundes rückgängig zu machen. Ihre nächste Reise verschlägt sie ins antike Griechenland, wo sie auf Bauern treffen, denen eine schwere Trockenheit zu schaffen macht. Wasser ist knapp, die Tiere leiden und Hilfe scheint zunächst weit entfernt. Eine Hoffnung bietet das geflügelte Pferd Pegasos, dessen Vertrauen allerdings erst einmal gewonnen werden muss. Nachdem die Playmos den Menschen helfen können, eröffnet sich für Ben plötzlich eine viel größere Chance: Wenn Pegasos sie zum Olymp bringen kann, könnte vielleicht Zeus selbst mächtig genug sein, den kleinen Tiger wieder in einen Jungen zu verwandeln. Also wagen die Freunde den Flug zum Sitz der Götter. Doch ausgerechnet auf dem Weg zu ihrer bislang vielleicht größten Hoffnung gerät Pegasos außer Kontrolle. Das geflügelte Pferd stürzt in die Tiefe und aus der verheißungsvollen Reise wird binnen Sekunden eine ziemlich gefährliche Angelegenheit.
Das antike Griechenland ist eine sehr schöne Wahl für die vierte Station, weil sich hier Abenteuer, Geschichte und Mythologie ganz selbstverständlich miteinander verbinden lassen. Nach Ritterburg, Fußballstadion und Unterwasserwelt bekommt „Der magische Ring“ dadurch erneut ein völlig anderes Gesicht. Besonders gelungen finde ich, dass Pegasos nicht einfach auftaucht, damit die Playmos möglichst schnell zum Olymp gelangen können. Zunächst stehen die unter der Trockenheit leidenden Menschen im Mittelpunkt und die Freunde haben ein Problem zu lösen, das mit Bens Verwandlung überhaupt nichts zu tun hat. Erst daraus entwickelt sich die Idee, Pegasos für die Reise zu Zeus zu nutzen. Das lässt die Handlung wesentlich natürlicher wirken, als wenn in jeder Spielwelt lediglich das nächste potenzielle Heilmittel auf die Gruppe warten würde. Gleichzeitig steigt die Hoffnung diesmal merklich an. Ein magisches Kraut oder ein verzauberter Gegenstand sind eine Sache, aber wenn selbst Zeus Ben nicht helfen kann, stellt sich langsam die Frage, wer es überhaupt noch können soll.
Die knapp 21 Minuten sind mit mehreren unterschiedlichen Situationen gefüllt, ohne dass die Episode dadurch gehetzt wirkt. Trockenheit, Pegasos, die Hilfe für die Bauern und schließlich der Flug zum Olymp ergeben einen kleinen Abenteuerbogen, der sich angenehm entwickelt. Der titelgebende Sturzflug setzt dann genau im richtigen Moment einen kräftigen Akzent. Gerade weil zuvor die Aussicht besteht, mit Zeus möglicherweise endlich die Lösung für Bens Problem gefunden zu haben, bekommt die Gefahr während des Fluges zusätzliches Gewicht. Nach vier Episoden ist natürlich längst erkennbar, nach welchem Grundprinzip die Miniserie aufgebaut ist: Eine neue Welt bringt ein neues Problem und zugleich eine neue Hoffnung für Ben. Bislang stört mich diese Wiederholung allerdings kaum, weil die einzelnen Schauplätze genügend eigene Ideen mitbringen. Das antike Griechenland gehört dabei zu den fantasievolleren Stationen. Lediglich die kurze Laufzeit verhindert, dass aus den mythologischen Möglichkeiten noch mehr herausgeholt werden kann. Gerade am Olymp hätte ich durchaus gerne noch etwas länger verweilt.
Stimmlich bleibt das vertraute Ensemble der feste Anker innerhalb der ständig wechselnden Welten. Gerrit Schmidt-Foß, Santiago Ziesmer, Ricardo Richter, Nicolas Artajo und Giuliana Jakobeit sorgen dafür, dass sich die Jubiläumsgeschichte trotz ihrer vielen Schauplatzwechsel wie ein zusammenhängendes Abenteuer anhört. Die eingespielte Dynamik zwischen den Figuren kommt gerade bei einer solchen Miniserie zum Tragen, weil für lange Einführungen schlicht keine Zeit vorhanden ist. Ben befindet sich weiterhin in der reizvollsten neuen Position: Er darf endlich selbst an den Abenteuern teilnehmen, ist als Tiger aber gleichzeitig in einer Situation, die ihn immer wieder von Emil, Liv und Sam abhängig macht. Dadurch bleibt seine Verwandlung mehr als nur ein Vorwand für die Reise. Die zusätzlichen Figuren dieser griechischen Spielwelt bringen genügend eigene Akzente mit, um Bauern, mythologische Gestalten und die Welt des Olymp voneinander abzugrenzen. So entsteht auch sprachlich wieder ein deutlicher Unterschied zur vorherigen Meerjungfrauenepisode.
Bei der akustischen Umsetzung kann diese Geschichte mit einigen schönen Gegensätzen spielen. Zunächst herrscht die eher bodenständige Atmosphäre einer von Trockenheit geplagten Landschaft vor, ehe mit Pegasos der fantastische Teil zunehmend die Oberhand gewinnt. Vor allem der Flug eignet sich natürlich hervorragend, um über Wind, Bewegung und räumliche Wirkung ein Gefühl von Höhe zu erzeugen. Beim Kontrollverlust verändert sich diese Atmosphäre schlagartig und aus dem befreienden Flug wird eine hektische, gefährliche Situation. Die Geräusche tragen diesen Wechsel überzeugend, ohne dass aus dem Kinderabenteuer plötzlich ein übermäßig dramatisches Spektakel gemacht wird. Auch musikalisch lässt sich die mythologische Kulisse schön aufgreifen. Insgesamt bekommt diese vierte Spielwelt dadurch erneut einen eigenen Klang. Das ist innerhalb des neunteiligen Abenteuers fast genauso wichtig wie die unterschiedlichen Geschichten, denn erst durch solche akustischen Wechsel entsteht tatsächlich der Eindruck, mit den Playmos von einer Welt in die nächste zu springen.
Auch das Cover setzt den Szenenwechsel ausgesprochen wirkungsvoll um. Vor einer gewaltigen verschneiten Berglandschaft erhebt sich eine weiß-goldene Tempelanlage über den Wolken, die den Olymp sofort als märchenhaften Göttersitz erkennen lässt. Pegasos schwebt über der Szenerie, während verschiedene Figuren zwischen Säulen, Treppen, Thron und reich verzierten Möbeln verteilt sind. Besonders ins Auge fällt die große antike Kriegerfigur im Vordergrund mit Speer, goldenem Helm und Schild. Die Mischung aus strahlendem Weiß, Gold und kräftigem Blau gibt dem Motiv eine vollkommen andere Wirkung als der farbenfrohe Meeresgrund der vorherigen Episode. Gleichzeitig bleibt die Gestaltung durch den blauen Rahmen, das Miniserienfeld und die Kennzeichnung als Folge 100 sofort als Teil desselben Jubiläums erkennbar. Mir gefällt besonders, dass das Bild nicht einfach nur Pegasos zeigt, sondern gleich eine ganze kleine Spielwelt präsentiert. Dadurch bekommt man bereits beim Ansehen Lust, diese Station gemeinsam mit den Playmos zu erkunden.
„Sturzflug beim Olymp“ setzt den bislang erfreulich abwechslungsreichen Weg von „Der magische Ring“ fort und gehört für mich zu den stärkeren Abschnitten der ersten Hälfte. Das antike Griechenland bietet eine attraktive Kulisse, Pegasos fügt sich sinnvoll in die Geschichte ein und die mögliche Hilfe durch Zeus lässt Bens Suche diesmal tatsächlich einen entscheidenden Schritt weiter zu sein scheinen. Gleichzeitig besitzt die Episode mit den unter der Trockenheit leidenden Bauern eine eigene Aufgabe, sodass nicht alles ausschließlich um die Rückverwandlung kreist. Der Sturzflug liefert schließlich den nötigen dramatischen Höhepunkt und verhindert, dass der Ausflug zum Olymp allzu problemlos verläuft. Nach vier Teilen macht sich das wiederkehrende Grundschema zwar langsam bemerkbar, die sehr unterschiedlichen Spielwelten gleichen das bislang aber problemlos aus. Ritter, Fußball, Meerjungfrauen und nun griechische Mythologie könnten kaum weiter auseinanderliegen. Genau diese Vielfalt erweist sich zunehmend als die eigentliche Stärke der Jubiläumsgeschichte.