Gold-Dreck (Pidax Hörspiel-Klassiker)
Im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz floriert ein lukratives Geschäft mit gefährlichem Abfall. Giftmüll wird über Grenzen verschoben, Zuständigkeiten werden geschickt umgangen und aus etwas, das eigentlich teuer und aufwendig entsorgt werden müsste, lässt sich plötzlich viel Geld machen. Unternehmer, Politiker und Behörden geraten auf unterschiedliche Weise in dieses Geflecht, während das System vor allem deshalb funktioniert, weil an entscheidenden Stellen niemand allzu genau hinsieht. Bewegung kommt in die Sache, als ein eigenwilliger Bauer im elsässischen Sundgau misstrauisch wird und beginnt, Fragen zu stellen. Aus diesem zunächst überschaubaren Verdacht entwickelt sich eine Ermittlung, die immer größere Kreise zieht und ein Netzwerk aus Vertuschung, wirtschaftlichen Interessen und gegenseitigen Abhängigkeiten sichtbar macht. Schließlich landet die Angelegenheit vor Gericht, wo sich zeigen muss, wer tatsächlich Verantwortung für die schmutzigen Geschäfte trägt.
Erstaunlich ist für mich zunächst, wie wenig angestaubt „Gold-Dreck“ trotz seines Entstehungsjahres 1994 wirkt. Illegale Müllgeschäfte, wirtschaftliche Interessen und das Abschieben von Verantwortung über Landesgrenzen hinweg ergeben einen Stoff, der problemlos wesentlich jüngeren Datums sein könnte. Hansjörg Schneider und Jürg Weibel machen daraus glücklicherweise keine trockene Abhandlung über Umweltkriminalität, sondern einen handfesten Kriminalfall mit einer kräftigen gesellschaftskritischen Note. Das Dreiländereck ist dafür ausgezeichnet gewählt, weil die Grenzen zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz tatsächlich Teil des Problems werden. Unterschiedliche Zuständigkeiten und Interessen schaffen Lücken, die sich ausnutzen lassen. Gleichzeitig besitzt die Geschichte einen angenehm schwarzen Humor, der verhindert, dass die mehr als drei Stunden zu einer bleischweren Angelegenheit werden. Gerade diese Mischung aus Krimi, politischer Satire und bitterer Beobachtung gesellschaftlicher Mechanismen gibt dem Vierteiler seinen eigenen Charakter.
Die vier Teile „Elsaß-Connection“, „Honeymoon“, „Tatort Heimat“ und „Das Urteil“ bauen dabei konsequent aufeinander auf. Der Fall wird nicht durch eine Folge spektakulärer Wendungen vorangetrieben, sondern dadurch, dass sich das Geflecht immer weiter öffnet. Neue Namen, Verbindungen und Interessen kommen hinzu, vermeintlich eindeutige Verantwortlichkeiten verschieben sich und irgendwann wird klar, dass das eigentliche Problem viel größer ist als ein einzelner krimineller Unternehmer. Genau das gefällt mir: Es gibt nicht den einen großen Drahtzieher, dessen Entlarvung plötzlich sämtliche Probleme beseitigt. Viel interessanter ist die Frage, wie ein solches System entstehen und über längere Zeit funktionieren kann, wenn genügend Menschen davon profitieren, schweigen oder ihre eigene Verantwortung möglichst kleinreden. Das verlangt beim Hören allerdings Konzentration. Bei den zahlreichen Figuren, Ortswechseln und Zusammenhängen kann man schnell eine wichtige Information verpassen, und nicht jede der 202 Minuten ist gleichermaßen packend. Einige Passagen sind bewusst spröde und sehr dialoglastig. Trotzdem trägt die langsame Verdichtung den Vierteiler erstaunlich gut, zumal „Das Urteil“ mit seiner Verlagerung auf die juristische Ebene noch einmal einen anderen Ton anschlägt.
Ein wesentlicher Teil der Wirkung entsteht durch die umfangreiche Besetzung und ihre sprachliche Vielfalt. Monique Seemann als Leonie Ott und Rainer Schmitt als Paul Heid gehören zu den Stimmen, die innerhalb des großen Ensembles schnell Orientierung schaffen. Auguste Vonville als Bauer Wirtz und Luc Schillinger als Bauer Münch bringen eine sehr natürliche regionale Färbung hinein, während Jean-Pierre Schlagg als Verleger Gutzwiler, Ueli Schweizer als Unternehmer Opplinger, Walter Moßmann als Dr. Justus Thommsen, Manfred Burkhard als Dr. Ambrosius Hufnagl und Martin Schley als Karl Ruchstuhl weitere markante Figuren formen. Im späteren Verlauf kommen unter anderem Aernschd Born, Agnes Dünneisen, Wolfgang Hearing und René Besson hinzu. Bernd Tauber als Staatsanwalt, Heinz Meier als Richter und Irene Fischer als Verteidigerin prägen schließlich den Gerichtsabschnitt. Mir gefällt besonders, dass Dialekte und unterschiedliche Sprachfärbungen nicht wie aufgesetzte Folklore eingesetzt werden. Sie gehören ganz selbstverständlich zu einer Geschichte, die von ihrem grenzüberschreitenden Schauplatz lebt, und helfen gleichzeitig dabei, die vielen Beteiligten akustisch voneinander zu unterscheiden.
Unter der Regie von Thomas Lehner und Viola Blankenburg setzt die Produktion weniger auf spektakuläre Effekte als auf glaubwürdige Räume und eine sehr konkrete Atmosphäre. Höfe, Straßen, Büros und andere Schauplätze erhalten jeweils genügend akustisches Eigenleben, ohne dass die Geräuschkulisse den Dialogen die Aufmerksamkeit nimmt. Das ist bei einer Geschichte, die einen großen Teil ihrer Informationen über Gespräche vermittelt, genau die richtige Entscheidung. Klaus Bruders Musik bleibt ebenfalls zurückhaltend und wird eher zur Gliederung und atmosphärischen Unterstützung eingesetzt, statt Spannung künstlich zu erzwingen. Die technische Realisierung von Friedlinde Beetz, Walter Hartmann und Bernd Fütterer sorgt dafür, dass die umfangreiche Dialogproduktion auch heute noch angenehm zu hören ist. Eine Besonderheit stellt der vierte Teil dar, der als Live-Hörspiel vor Publikum entstand. Die dadurch veränderte räumliche Wirkung ist deutlich wahrnehmbar und verleiht dem Gerichtsfinale eine zusätzliche Unmittelbarkeit, ohne dass es plötzlich wie eine völlig andere Produktion klingt.
Das Cover der Pidax-Veröffentlichung geht einen vollkommen anderen Weg als ein klassisches Krimimotiv. Ein großer schwarzer Schriftzug „GOLD-DRECK“ liegt vor einer schmutzig gelben, stark abgenutzten Fläche, in deren Zentrum unübersehbar das Warnzeichen für Radioaktivität steht. Abblätternde Strukturen, dunkle Flecken und die fast schon industrielle Gestaltung vermitteln sofort etwas Giftiges und Unsauberes. Menschen, Tatorte oder andere konkrete Szenen aus der Handlung braucht es hier überhaupt nicht. Das Motiv bringt die Grundidee des Hörspiels viel unmittelbarer auf den Punkt: gefährlicher Dreck wird zum Geschäft. Auch die schwarze Typografie auf dem aggressiven Gelb funktioniert hervorragend und erinnert beinahe an eine Warnmarkierung auf einem Gefahrgutbehälter. Zusammen mit dem Hinweis auf das vierteilige Kriminalhörspiel und der Auszeichnung als „Hörspiel des Monats Dezember 1994“ besitzt die Gestaltung zudem genau den richtigen Archivcharakter für einen wiederveröffentlichten Radioklassiker, ohne dabei altmodisch auszusehen.
„Gold-Dreck“ ist für mich ein ungewöhnlicher Kriminalmehrteiler, der seinem Publikum einiges abverlangt, dafür aber auch weit mehr bietet als eine gewöhnliche Täterjagd. Besonders gelungen finde ich, dass Hansjörg Schneider und Jürg Weibel Umweltkriminalität nicht auf das Fehlverhalten eines einzelnen Bösewichts reduzieren, sondern zeigen, wie viele kleine und große Interessen zusammenkommen müssen, damit ein solches Geschäft überhaupt funktionieren kann. Dazu passen der grenzüberschreitende Schauplatz, die sprachlich vielfältige Besetzung und der immer wieder aufblitzende schwarze Humor hervorragend. Nicht jede Passage besitzt die gleiche Spannung, und bei den zahlreichen Figuren und Zusammenhängen sollte man wirklich konzentriert zuhören. Gerade diese Ausführlichkeit macht aber auch den Reiz aus, weil sich das Ausmaß der Geschichte erst allmählich erschließt. Mehr als drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung funktioniert „Gold-Dreck“ deshalb nicht nur als Hörspielklassiker aus dem Radioarchiv, sondern immer noch als bissiger Krimi über Gier, Verantwortung und die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, bei schmutzigen Geschäften möglichst saubere Hände behalten zu wollen.