Peter Maffay + Johannes Oerding – Nashville
Als Peter Maffay und Johannes Oerding ihr gemeinsames Album „Nashville“ ankündigten, war ich zunächst vor allem neugierig. Dass die beiden musikalisch grundsätzlich zusammenpassen, war spätestens nach ihren bisherigen gemeinsamen Auftritten keine große Überraschung mehr. Ein komplettes Album ist dann aber doch noch einmal etwas anderes. Vor allem bei zwei Künstlern, die jeweils einen sehr eigenen Stil und eine unverkennbare Stimme mitbringen. Nach dem Hören kann ich allerdings sagen: Genau darin liegt eine der größten Stärken von „Nashville“. Hier versucht keiner, sich dem anderen anzupassen oder ihn in die eigene musikalische Welt zu ziehen. Stattdessen treffen sich Peter Maffay und Johannes Oerding irgendwo in der Mitte – und erstaunlicherweise klingt das von Beginn an ziemlich selbstverständlich.
Schon „Weiter“ macht deutlich, dass hier nicht versucht wird, möglichst schnell den großen Refrain oder den nächsten Radiohit abzuliefern. Der Song nimmt sich Zeit, ist ruhig und folkig gehalten und gibt damit eigentlich schon ziemlich gut die Richtung des Albums vor. „Nashville“ lebt weniger von großen Effekten als von Stimmen, Gitarren und dieser angenehm handgemachten Atmosphäre. Danach zieht „Ein Leben lang ist nicht lang“ das Tempo deutlich an. Den Song kannte man natürlich bereits vorab, im Zusammenhang mit dem gesamten Album gefällt er mir aber sogar noch etwas besser. Er bringt diese Mischung aus Rock, Americana und einem kleinen Schuss Country ziemlich genau auf den Punkt und ist gleichzeitig einer der Titel, die unmittelbar hängenbleiben.
Überhaupt sollte man sich vom Titel „Nashville“ nicht täuschen lassen. Wer hier ein lupenreines Countryalbum erwartet, dürfte sich wundern. Natürlich hört man sehr deutlich, wo diese Platte entstanden ist. Gitarren, Fiddle, Country-Rock, Folk und Americana ziehen sich durch das Album, aber Maffay und Oerding verkleiden sich musikalisch nicht als amerikanische Cowboys. Das war für mich eine der größten Gefahren bei diesem Projekt und genau dieser Falle gehen sie erfreulicherweise aus dem Weg. „Nach Hause“ ist dafür ein schönes Beispiel. Der Song ist akustischer und reduzierter, besitzt diese typische Weite, die man mit amerikanischer Songwritermusik verbindet, bleibt aber trotzdem vollkommen deutsch. Das wirkt nicht aufgesetzt, sondern eher so, als hätten beide einfach Elemente einer Musik aufgenommen, die ohnehin schon lange zu ihren jeweiligen Einflüssen gehört.
Besonders stark finde ich „Sisyphos“. Das ist einer der Momente, in denen das Album deutlich ernster wird. Musikalisch geht es stärker in Richtung Country-Rock, während der Text gesellschaftliche und politische Fragen aufgreift und sich mit Krieg und Frieden beschäftigt. Gerade Peter Maffay hat solche Themen in seiner Karriere immer wieder aufgegriffen, weshalb der Song bei ihm sehr natürlich wirkt. Gleichzeitig verhindert Johannes Oerding mit seiner Art, dass daraus ein klassischer Maffay-Titel wird. Dieses gegenseitige Ergänzen funktioniert auf dem gesamten Album auffallend gut. Maffays raue, tiefe Stimme steht neben Oerdings hellerer und beweglicherer Stimme, ohne dass einer von beiden ständig beweisen müsste, dass er der eigentliche Hauptinterpret ist. Es sind tatsächlich Duette und keine Lieder des einen mit gelegentlicher Unterstützung des anderen.
Mit „Herz wieder bricht“ wird es anschließend persönlicher und verletzlicher. Gerade solche ruhigeren Stücke profitieren davon, dass zwei Männer aus unterschiedlichen Generationen dieselben Gedanken und Gefühle singen. Man hört dieselben Worte dadurch fast aus zwei verschiedenen Lebensperspektiven. „Dir gehört die Welt“ schlägt anschließend wieder eine optimistischere Richtung ein. Der Song gehört eindeutig zu den unmittelbareren Nummern des Albums und besitzt diese typische Oerding-Mischung aus Zuversicht, Selbstzweifel und dem Versuch, sich selbst wieder aufzurappeln. Gleichzeitig verhindert Maffays Stimme, dass das Ganze zu leicht oder zu glatt wird. Auch „Schön dass es dich gibt“ gehört zu den gefühlvolleren Momenten. Der Titel könnte auf dem Papier ziemlich schnell ins Kitschige abrutschen, funktioniert für mich aber gerade deshalb, weil die Produktion nicht versucht, das Gefühl mit aller Gewalt größer zu machen als nötig.
Dass „Nashville“ nicht ausschließlich aus nachdenklichen Liedern besteht, ist ebenfalls wichtig. „Kneipen-Skiffle“ bringt plötzlich eine ganz andere Energie hinein und gehört für mich gerade deshalb zu den Titeln, die dem Album guttun. Es darf zwischendurch eben auch einfach locker und etwas ausgelassener werden. Diese kleinen Stilwechsel sorgen dafür, dass die Platte trotz ihrer überschaubaren Laufzeit nicht eintönig wird. Auch „Daniela Bar“ fügt sich in diese zweite Hälfte ein, bevor „Ganz schön perfekt“ noch einmal zu einem meiner persönlichen Höhepunkte wird. Hamburg, Elbe, Möwen, vorbeiziehende Schiffe und dieses merkwürdige Nebeneinander von Heimatgefühl und Fernweh – eigentlich könnte das kaum weiter von Tennessee entfernt sein. Und trotzdem passt gerade diese norddeutsche Szenerie überraschend gut zu dem entspannten Country-Rock-Sound des Albums.
Was mich an „Nashville“ vielleicht am meisten überrascht hat, ist die Unangestrengtheit. Man hört dem Album nicht an, dass hier zwei große Namen unbedingt ein gemeinsames Prestigeprojekt auf die Beine stellen wollten. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass zwei Musiker einfach Lust hatten, gemeinsam Songs zu schreiben, mit einer Band ins Studio zu gehen und zu schauen, was dabei herauskommt. Genau das macht die Platte sympathisch. Sie ist nicht überproduziert, nicht mit zwölf Gaststars vollgestopft und versucht auch nicht, die Zusammenarbeit durch möglichst große Gesten permanent bedeutend erscheinen zu lassen. Selbst das nur sehr kurze „An einer Kreuzung“ am Ende wirkt eher wie ein kleiner Schlusspunkt als wie der Versuch, noch einen großen Abschluss zu inszenieren.
Natürlich erfindet „Nashville“ weder Country noch Deutschrock neu. Einige Melodien und Botschaften bewegen sich durchaus in Bereichen, die man von beiden Künstlern kennt, und wer mit Maffays oder Oerdings grundsätzlich positiver und manchmal sehr direkter Art des Songwritings nichts anfangen kann, wird durch dieses Album vermutlich nicht plötzlich bekehrt werden. Mich stört das allerdings kaum, denn innerhalb dieses Rahmens funktioniert das Zusammenspiel erstaunlich gut. Gerade weil Maffay und Oerding 33 Jahre trennen, hätte die Zusammenarbeit leicht konstruiert wirken können. Stattdessen entsteht häufig das Gegenteil: Der eine bringt etwas von seiner Erfahrung und Erdung mit, der andere eine andere Leichtigkeit und einen moderneren Singer-Songwriter-Ton. Irgendwo dazwischen finden sie einen gemeinsamen Klang.
„Nashville“ ist deshalb für mich weit mehr als die nette Idee zweier befreundeter Musiker, einmal gemeinsam ein Album aufzunehmen. Es ist eine überraschend geschlossene Platte geworden, die Rock, Folk, Americana, Country und deutschen Singer-Songwriter-Pop miteinander verbindet, ohne sich einem dieser Genres vollständig unterzuordnen. Vor allem aber hört man den Liedern an, dass zwischen Peter Maffay und Johannes Oerding tatsächlich eine musikalische Verbindung besteht. Mir gefallen die ruhigeren und etwas raueren Stücke letztlich sogar besser als die offensichtlicheren Gute-Laune-Nummern, aber wirkliche Ausfälle habe ich auf dem Album nicht gefunden. Vielleicht ist „Nashville“ gerade deshalb so gelungen, weil es gar nicht versucht, größer zu sein, als es ist: zwei Musiker, zwei unverwechselbare Stimmen, eine gute Band und elf gemeinsame Stücke. Manchmal reicht genau das.