Kai Meyer – Das Alphabet der Masken (Buchkritik)

  • Das Alphabet der Masken (Kai Meyer)

    Mit „Das Alphabet der Masken“ kehrt Kai Meyer ein weiteres Mal in das Graphische Viertel von Leipzig zurück, wobei er den Schwerpunkt diesmal etwas verlagert. Buchhandlungen stehen weniger im Mittelpunkt, dafür spielen Bibliotheken, Büchersammler und geheimnisvolle Druckkunst eine umso größere Rolle. Erzählt wird auf zwei Zeitebenen. 1930 entdeckt Amalia Lux in der Bibliothek ihres verhassten Stiefvaters sieben rätselhafte Exlibris mit Maskenmotiven, gereimten Flüchen und der Signatur „L. Gora“. Ihre Suche nach der verschollenen Künstlerin führt sie immer tiefer in ein Geflecht aus Familiengeheimnissen, Todesfällen und ihrer eigenen Vergangenheit. Vierzig Jahre später erhält der Student Timm von einer alten Baronin den Auftrag, das Leben ebenjener L. Gora zu erforschen. Gemeinsam mit seiner Nachbarin Nada und seinem Schriftstelleronkel Em beginnt er, die Spuren von damals zusammenzusetzen. Schon bald wird deutlich, dass die Geschichte keineswegs 1930 begonnen hat und einige Geheimnisse wesentlich weiter zurückreichen.

    Was mir an dem Roman besonders gefallen hat, ist die Art, wie Kai Meyer seine verschiedenen Rätsel miteinander verknüpft. Dreh- und Angelpunkt sind die sieben Druckstöcke, von denen insbesondere derjenige mit dem sogenannten Krötenfluch eine wichtige Rolle spielt. Die Namen der Masken orientieren sich teilweise an der „Ars Goetia“ und damit an jener dämonologischen Überlieferung, die mit König Salomon verbunden wird. Gleichzeitig findet sich auf den Exlibris immer wieder ein verborgenes, stilisiertes Symbol, das an eine Sanduhr erinnert. Natürlich steckt auch hinter dem Namen L. Gora wesentlich mehr, als man zunächst vermutet. Meyer legt diese Spuren früh aus, erklärt sie aber nicht sofort. Dadurch bleibt ständig das Gefühl, dass man zwar einzelne Teile des Rätsels bereits vor sich liegen hat, ihre eigentliche Bedeutung aber noch nicht erkennt.

    Sehr gut funktioniert dabei die Aufteilung auf die Jahre 1930 und 1970. Beide Handlungsstränge ergänzen sich, ohne dass einer lediglich dazu dient, den anderen zu erklären. Mit Amalia erlebt man die Ereignisse unmittelbar, während Timm vier Jahrzehnte später versucht, genau diese Vergangenheit zu rekonstruieren. Das sorgt für einen schönen Effekt, weil man als Leser immer wieder Informationen besitzt, die den Figuren der jeweils anderen Ebene noch fehlen. Gleichzeitig behält Meyer genügend Geheimnisse zurück, sodass auch die Ereignisse von 1930 längst nicht alles vorwegnehmen. Mit jedem neuen Puzzleteil verändert sich der Blick auf bereits Bekanntes, und gerade dadurch entwickelt der Roman einen starken Sog.

    Amalias Geschichte ist zudem eng mit ihrer eigenen Herkunft verbunden. Sie wurde als Kind gegen ihren Willen von den Salomonen nach Deutschland gebracht, und im Verlauf des Romans wird immer deutlicher, dass ihre Vergangenheit keineswegs nur eine biografische Randnotiz ist. Überhaupt sind es die zahlreichen Familiengeheimnisse, die der Geschichte neben der Mysteryhandlung zusätzliche Spannung verleihen. Gegen den Willen der Betroffenen arrangierte Hochzeiten, verstoßene Kinder, alte Feindschaften und eine ganze Reihe von Todesfällen sorgen dafür, dass irgendwann beinahe jede Figur etwas zu verbergen scheint. Lange weiß man tatsächlich nicht, wem man vertrauen kann und welche Geschichte lediglich erzählt wird, um eine ganz andere Wahrheit zu verdecken.

    Kai Meyer verbindet das alles erneut sehr geschickt mit tatsächlichen historischen Ereignissen. Besonders wichtig wird der systematische Bücherraub während der nationalsozialistischen Herrschaft. Dabei bleibt es nicht bei dem allgemeinen Hinweis, dass Bibliotheken geplündert wurden. Der Roman beschäftigt sich auch mit den unterschiedlichen Interessen innerhalb des NS-Machtapparats. Auf der einen Seite steht die ideologisch motivierte Beschlagnahmung und Plünderung jüdischer Bibliotheken im Umfeld Alfred Rosenbergs, auf der anderen Seite spielen die okkulten Interessen eine Rolle, die mit Heinrich Himmler und Teilen des nationalsozialistischen Sicherheitsapparats verbunden waren. Gerade diese Mischung aus historischen Tatsachen und fantastischer Überhöhung funktioniert für mich ausgesprochen gut, weil beides nicht nebeneinandersteht, sondern unmittelbar ineinandergreift.

    Überhaupt besitzt „Das Alphabet der Masken“ eine herrlich düstere Atmosphäre. Geheimnisvolle Bibliotheken, alte Druckstöcke, die Masken, die Symbolik des Jugendstils und die okkulten Elemente verleihen der Geschichte immer wieder etwas Unheimliches. Meyer bewegt sich dabei zwischen historischem Thriller, Kriminalgeschichte, Mystery und Schauerroman, ohne dass der Roman dadurch auseinanderfällt. Gerade das Rätsel um die Druckstöcke sorgt dafür, dass über weite Strecken eine gewisse Unsicherheit bleibt. Wie viel davon ist tatsächlich übernatürlich? Was lässt sich erklären? Und was hat sich im Laufe der Jahrzehnte vielleicht längst mit Legenden und bewussten Täuschungen vermischt? Genau dieses Spiel mit verschiedenen Möglichkeiten hat mir sehr gefallen.

    Mindestens ebenso interessant fand ich allerdings die Ebene hinter dem eigentlichen Abenteuer. Im Kern beschäftigt sich der Roman sehr stark mit der Macht von Wissen. Bücher können Erinnerungen bewahren und Menschen Zugang zu Wissen ermöglichen, sie können aber genauso geraubt, vernichtet oder gezielt für politische Zwecke eingesetzt werden. Gerade der nationalsozialistische Bücherraub macht deutlich, dass es bei der Kontrolle von Bibliotheken und Schriften immer auch um die Kontrolle darüber geht, welche Gedanken erhalten bleiben und welche verschwinden sollen. Dadurch geht die Geschichte weit über die Suche nach L. Gora und ihren Exlibris hinaus.

    Dieser Gedanke lässt sich beim Lesen zwangsläufig auch in die Gegenwart übertragen. Heute sind es längst nicht mehr nur Bücher und gedruckte Medien, über die Informationen verbreitet werden. Die Möglichkeiten, Wissen zu steuern, zu manipulieren oder aus dem Zusammenhang zu reißen, haben sich mit sozialen Medien noch einmal gewaltig verändert. Ich mochte, dass der Roman diese Verbindung nicht mit erhobenem Zeigefinger herstellt. Sie ergibt sich vielmehr aus dem historischen Stoff selbst. Wer bestimmt, welche Informationen Menschen erreichen? Wem gehört Wissen? Und was geschieht, wenn jemand bewusst entscheidet, welche Version der Vergangenheit bestehen bleiben soll? Hinter der spannenden Mysterygeschichte steckt dadurch ein Thema, das erstaunlich aktuell wirkt.

    Trotz all dieser historischen und gesellschaftlichen Hintergründe verliert Meyer seine eigentliche Geschichte nicht aus den Augen. Die Suche nach L. Gora, die sieben Masken und die Ereignisse um Amalia bilden immer das Zentrum. Dazu kommen die Familienintrigen und die zahlreichen kleinen Hinweise, deren Bedeutung sich teilweise erst sehr spät erschließt. Gerade im letzten Drittel greifen immer mehr der zuvor ausgelegten Fäden ineinander. Einige Dinge, die zunächst fast wie beiläufige Details erscheinen, bekommen plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Das ist genau die Art von Konstruktion, bei der ich beim Lesen Spaß daran habe, selbst nach Zusammenhängen zu suchen und zu überlegen, ob ich Meyer vielleicht schon einen Schritt voraus bin.

    „Das Alphabet der Masken“ hat für mich deshalb vieles von dem, was ich an Kai Meyers Romanen aus dem Graphischen Viertel mag. Er verbindet die Faszination für Bücher mit historischen Ereignissen, Kriminalhandlung und fantastischen Elementen, ohne einfach noch einmal dasselbe zu erzählen. Dieses Mal sind es Bibliotheken, Exlibris und Druckkunst, die den Ausgangspunkt bilden, daraus entwickelt sich aber eine wesentlich größere Geschichte über Herkunft, Schuld, Propaganda und die Macht des geschriebenen Wortes.

    Am Ende bleibt für mich vor allem ein ausgesprochen atmosphärischer und spannender Roman, dessen zahlreiche Rätsel sich nach und nach zu einem großen Ganzen zusammensetzen. Die beiden Zeitebenen funktionieren hervorragend miteinander, die historischen Hintergründe sind nicht bloß schmückendes Beiwerk und gerade die Verbindung von Bücherraub, Okkultismus, Familiengeheimnissen und den sieben Masken macht die Geschichte besonders reizvoll. Kai Meyer beweist erneut, dass Bücher in seinen Geschichten weit mehr sein können als Gegenstände in einem Regal. Sie bewahren Geheimnisse, erzählen von vergangenen Leben und können Wissen über Generationen transportieren. Manchmal können sie aber eben auch zu Werkzeugen der Macht werden. Und genau aus diesem Gegensatz zieht „Das Alphabet der Masken“ einen großen Teil seiner Faszination.

Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!