Perry Rhodan: Sternenozean – 10. Überfahrt nach Curhafe

  • Perry Rhodan: Sternenozean – 10. Überfahrt nach Curhafe

    Die TERRA INCOGNITA ist fertig, und Perry Rhodan, Atlan, Zephyda und Rorkhete verlassen Ore in Richtung Curhafe. Kaum ist das Segelschiff unterwegs, werden die vier von Sturm, schwerer See und einem riesigen Raubfisch geprüft. Schließlich erreicht die Gruppe den Kontinent und bekommt mit dem Krytomo, der gewaltigen Festung der Kybb-Cranar, erstmals das Zentrum ihrer Unterdrückung vor Augen. Auffällig ist, dass kaum noch Raumschiffe zu sehen sind – auch die Kybb leiden offenbar unter den veränderten hyperphysikalischen Bedingungen. Doch die eigentliche Überraschung wartet auf dem Land. Perry und seine Begleiter beobachten eine junge Motana, die vor Angehörigen des eigenen Volkes flieht. Sie wird eingeholt, gefesselt und zu einer Bahnstrecke gebracht. Der Grund ist zunächst nur ein einziges Wort: Quote. Erst bei der Planetaren Majestät Garombe erfahren die Fremden, was dahintersteckt. Schwangere Motana müssen nach dem dritten Monat ins Krytomo gebracht werden, wo ihnen die Föten entnommen werden. Für Zephyda ist damit jede Zurückhaltung vorbei.

    „Überfahrt nach Curhafe“ beginnt fast wie eine klassische Seefahrergeschichte und endet in einem sehr viel düstereren Science-Fiction-Szenario. Diesen Wandel finde ich besonders gelungen. Die Folge wirkt dadurch zunächst fast entschleunigt, bevor sie ihre eigentliche Härte zeigt. Die erste Hälfte lässt sich bewusst Zeit für die Reise. Das Segelschiff, der offene Ozean, der Sturm und sogar der Angriff des Raubfisches könnten mit wenigen Änderungen aus einem Abenteuerroman stammen. Gerade in einer Serie, die sonst mit Hyperstürmen, Transmittern und galaktischen Machtblöcken arbeitet, wirkt das überraschend frisch. Perry und Atlan sind zwar Männer aus einer technologisch kaum vorstellbaren Zukunft, hier aber von Wind, Wetter und Muskelkraft abhängig. Sie zeigt, wie weit der Zusammenbruch vertrauter Technik reicht und warum selbst die Kybb ihre Macht nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit ausspielen können. Als das Krytomo schließlich am Horizont auftaucht, kippt die Stimmung. Aus Freiheit auf dem Meer wird wieder Kontrolle an Land. Das finde ich dramaturgisch sehr sauber gebaut. Dass die Folge ihren eigentlichen Schock erst relativ spät setzt, macht die Enthüllung der Quote umso unangenehmer. Vorher sieht man lediglich eine Frau auf der Flucht und versteht zunächst genauso wenig wie Perry, warum andere Motana sie jagen.

    Die Quote ist einer dieser Einfälle, bei denen die Kybb-Cranar mit einem Schlag bedrohlicher wirken als durch jede Strahlenkanone. Denn diesmal wird Unterdrückung nicht nur über Gefängnisse, Zwangsarbeit und militärische Gewalt sichtbar, sondern greift direkt in Schwangerschaft, Familie und Fortpflanzung ein. Besonders bitter ist, dass Motana selbst dafür sorgen, dass die Betroffenen den Zug ins Krytomo erreichen. Das zeigt, wie tief sich ein Herrschaftssystem in eine Gesellschaft eingraben kann, wenn offene Gegenwehr scheinbar aussichtslos geworden ist. Zephydas Reaktion darauf passt zu ihrer Entwicklung. Nach Jadyels Tod, der Zerstörung ihrer Heimat und den Erfahrungen auf Ore braucht sie kaum weitere Gründe, die Kybb zu hassen. Garombe setzt dem allerdings eine wichtigere Frage entgegen: Was nützt Rache, wenn sie am Ende zur Vernichtung des gesamten Volkes führt? Sie muss lernen, dass Wut noch keine Strategie ist. Perry geht deutlich nüchterner an die Sache heran und bietet Hilfe für einen Angriff auf das Krytomo an, ohne so zu tun, als habe er bereits einen fertigen Plan. Gleichzeitig rückt Zephydas besondere Begabung stärker in den Mittelpunkt. Die alten Kräfte der Motana, die einst sogar Raumschiffe mit ihrem Geist lenken konnten, bekommen plötzlich eine greifbare Bedeutung für den Widerstand.

    Stimmlich gehört die Folge vor allem Claudia Urbschat-Mingues. Zephyda durchläuft innerhalb von knapp fünfzig Minuten erstaunlich viele Zustände: Entschlossenheit, Nähe zu Atlan, Staunen, Abscheu und schließlich offene Kampfbereitschaft. Urbschat-Mingues macht daraus keine gleichförmige Heldinnenpose, sondern lässt die Figur immer wieder hörbar reagieren, bevor sie entscheidet. Volker Lechtenbrink spielt Perry daneben beinahe bewusst unspektakulär. Sein Rhodan beobachtet viel, fragt nach und bringt Ordnung in Situationen, in denen Zephyda sofort handeln möchte. Volker Brandt findet als Atlan einen guten Mittelweg zwischen erfahrener Gelassenheit und persönlicher Bindung an Zephyda. Charles Rettinghaus macht Rorkhete inzwischen zu einem meiner interessantesten Begleiter. Er weiß auffällig viel über die Vergangenheit der Motana, beteiligt sich an gefährlichen Situationen ohne großes Aufheben und beantwortet trotzdem längst nicht alles, was man über ihn wissen möchte. Carmen-Maja Antoni setzt als Garombe einen markanten neuen Akzent. Ihre Stimme besitzt Autorität, ohne dass sie dafür laut werden müsste, und gerade die Erklärung der Quote gewinnt durch ihre nüchterne Art an Härte. Gisela Fritsch, Ulrike Stürzbecher und Mara Kim Bäumlein sind ebenfalls noch einmal zu hören, während Joachim Höppner die verschiedenen Etappen der Reise präzise zusammenhält.

    Bei der Geräuschkulisse leistet sich STIL erneut den Luxus, einen großen Teil der Folge praktisch auf See spielen zu lassen. Holz arbeitet, Segel schlagen, Wasser läuft am Rumpf entlang, Wind verändert seine Stärke, und beim Sturm wächst all das zu einem dichten Raum zusammen. Der Angriff des Raubfisches ist vielleicht kein besonders origineller Einfall, akustisch funktioniert er aber hervorragend, weil man das Tier zunächst eher über Bewegung und Reaktionen wahrnimmt als über irgendein übertriebenes Monstergeräusch. Nach der Landung verändert sich das Klangbild deutlich. Wald, Bahnstrecke, Zug und schließlich die bedrohliche Nähe des Krytomo lösen die offene Weite des Meeres ab. Christian Hagitte und Simon Bertling lassen die Musik in der ersten Hälfte stellenweise beinahe abenteuerlich aufschwingen und verdunkeln sie später zunehmend. Der orchestrale Anteil und die elektronischen Flächen greifen dabei wieder sehr sauber ineinander. Mit 49:53 Minuten reiner Hörspielhandlung ist die Episode allerdings recht knapp; zusammen mit dem Camouflage-Mix von „How Do You Feel?“ kommt die CD auf gut 54 Minuten.

    Beim Cover überrascht mich vor allem die Ruhe. Ein schwarzes Segelschiff liegt als fast vollständige Silhouette auf einer hellen, spiegelnden Wasserfläche. Dahinter öffnen sich gewaltige dunkle Felsformationen wie ein Tor, durch das das Schiff in eine unbekannte Welt hineinfährt. Sterne leuchten zwischen den Felsen, während Nebel oder Gischt den Horizont fast vollständig auflösen. Das Motiv könnte ebenso gut zu einer Fantasyreise gehören, und genau das passt erstaunlich gut zur Folge. Die TERRA INCOGNITA ist technisch betrachtet geradezu archaisch, bewegt sich aber durch eine Welt, die zu einem gigantischen Science-Fiction-Kosmos gehört. Dieser Widerspruch ist auf dem Cover sofort sichtbar. Besonders gelungen finde ich die Größenverhältnisse. Das Schiff ist klein, die Umgebung riesig, und Curhafe wirkt dadurch nicht wie ein gewöhnliches Reiseziel, sondern wie eine Schwelle. Nach der unmittelbaren Gewalt der Welle auf „Tau Carama“ ist das ein deutlich stilleres Bild. Trotzdem liegt etwas Unheilvolles darin, weil das Schiff geradewegs zwischen die dunklen Felsen fährt. Der lange Titel zieht sich quer über den oberen Bereich, ohne die zentrale Silhouette zu verdecken. Für mich gehört das Motiv deshalb zu den stärkeren Covern der bisherigen Reihe: Es erzählt keine konkrete Szene nach, sondern bringt das Gefühl dieser Reise auf den Punkt – hinaus aus einem geschützten Ort und hinein in etwas, dessen Regeln die Figuren noch nicht kennen.

    Was mir an „Überfahrt nach Curhafe“ besonders gefällt, ist ihre Geduld. Die Folge könnte die Gruppe innerhalb von zwei Minuten nach Curhafe bringen und sofort das nächste große Geheimnis enthüllen. Stattdessen nimmt sie den Weg ernst. Dadurch fühlt sich der Kontinent tatsächlich weit entfernt an, und das Auftauchen des Krytomo bekommt mehr Gewicht. Gleichzeitig ist die Episode eindeutig ein Übergangsstück. Weder erfahren wir, wozu die Kybb die entnommenen Föten benötigen, noch beginnt der Angriff auf ihre Festung bereits richtig. Perry, Atlan und Rorkhete schleichen am Ende in Richtung Krytomo, während Garombe Zephyda noch ein weiteres Geheimnis der Motana zeigen will. Wer einen abgeschlossenen Fall erwartet, bekommt hier also nur die erste Hälfte eines größeren Kapitels. Mich stört das weniger als bei manch anderer Folge, weil die Reise selbst genügend Atmosphäre und Entwicklung bietet. Vor allem die Quote verändert den Konflikt. Die Kybb sind nun nicht mehr nur äußere Besatzer, sondern kontrollieren sogar die Zukunft des Motana-Volkes. Gleichzeitig deutet sich mit den alten mentalen Fähigkeiten eine Möglichkeit an, diese Unterdrückung überhaupt zu durchbrechen. Folge 10 ist deshalb für mich kein großer Höhepunkt, aber ein sehr wirkungsvolles Bindeglied: erst Seefahrtsabenteuer, dann gesellschaftlicher Albtraum, schließlich Vorbereitung auf einen Angriff. Und genau diese Mischung sorgt dafür, dass die knapp fünfzig Minuten Handlung wesentlich gehaltvoller wirken, als die reine Laufzeit vermuten lässt.

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