Perry Rhodan: Sternenozean – 9. Tau Carama

  • Perry Rhodan: Sternenozean – 9. Tau Carama

    Mit Hilfe der Ozeanischen Orakel gelingt Perry Rhodan, Atlan, Zephyda und Rorkhete im letzten Moment die Flucht vor den Kybb-Cranar, doch die Rettung endet alles andere als bequem. Die Teleportation schleudert sie auf den Planeten Ash Irthumo – und zwar mitten in einen tobenden Ozean. Die Gruppe wird auseinandergerissen. Perry und Rorkhete können sich getrennt voneinander auf die Vulkaninsel Ore retten, während Atlan die schwer verletzte Zephyda aus den Wellen zieht. Bei den dort lebenden Motana findet sie schließlich medizinische Hilfe. Erst nach Tagen kommen die vier wieder zusammen. Ore wirkt zunächst wie ein überraschend friedlicher Zufluchtsort, doch auch hier leben die Motana unter dem Schatten der Kybb-Cranar und verzichten auf auffällige Technik, um nicht entdeckt zu werden. Perry möchte so schnell wie möglich weiter, denn der Sternenozean ist längst nicht sein einziges Problem. Deshalb beginnt man mit dem Bau eines Segelschiffs, der TERRA INCOGNITA, die sie zum Kontinent Curhafe bringen soll. Dann kündigt sich die Tau Carama an, eine durch vulkanische Aktivitäten ausgelöste gigantische Flutwelle. Ausgerechnet Zephyda spürt sie noch vor den anderen – und offenbart damit eine Fähigkeit, die eigentlich nur die greise Lokale Majestät Intake besitzen dürfte.

    „Tau Carama“ fühlt sich nach dem Kampf gegen die Kybb zunächst beinahe wie ein Zwischenhalt an, entwickelt daraus aber einen ganz eigenen Reiz. Statt Gefängnis, Folter oder militärischem Zugriff steht diesmal eine Naturgewalt im Zentrum, gegen die selbst Perry Rhodan und Atlan nicht einfach mit überlegener Technik antreten können. Dass die Motana auf Ore bewusst auf viele technische Möglichkeiten verzichten, verstärkt diesen Eindruck noch. Die berühmten Unsterblichen müssen plötzlich Boote bauen, Küsten absuchen, Verwundete versorgen und auf Warnzeichen achten wie alle anderen auch. Das erdet die Figuren und gibt der Folge einen beinahe klassischen Abenteuercharakter. Besonders gelungen finde ich, dass die Tau Carama nicht erst kurz vor Schluss aus dem Nichts auftaucht. Die ganze Kultur der Insel ist von ihr geprägt. Intake besitzt ihren Rang nicht nur aufgrund politischer Tradition, sondern weil ihre besondere Wahrnehmung das Überleben vieler Menschen sichert. Als Zephyda dieselbe Fähigkeit zeigt, bekommt die drohende Flut deshalb sofort eine zweite Bedeutung. Es geht nicht mehr nur darum, ob die Insel die nächste Welle übersteht, sondern auch um die Frage, welche Rolle Zephyda künftig innerhalb ihres Volkes spielen könnte. Dadurch verbindet die Folge Naturkatastrophe, persönliche Entwicklung und die größere Motana-Handlung deutlich geschickter, als es der zunächst sehr geradlinige Plot vermuten lässt.

    Gerade Zephyda gewinnt hier enorm an Profil. Bislang war sie Wegweiserin, Kämpferin und Atlans neue große Liebe, nun wird erstmals sichtbar, dass in ihr Fähigkeiten schlummern, deren Tragweite sie selbst kaum überblickt. Intake erkennt sofort, was das bedeuten könnte, und bietet ihr schließlich sogar an, auf Ore zu bleiben und ihre Nachfolge anzutreten. Für Atlan ist das unangenehm, weil er plötzlich vor einer Entscheidung steht, die sich nicht mit jahrtausendelanger Erfahrung lösen lässt. Er möchte Zephyda bei sich haben, weiß aber zugleich, dass ein Leben an seiner Seite gefährlich ist. Das bringt eine erstaunlich menschliche Unsicherheit in die Figur. Rorkhete wird ebenfalls interessanter. Der Nomade redet noch immer nicht mehr als nötig, erweist sich bei der Flut jedoch als jemand, der ohne Zögern sein Leben für andere riskiert. Gleichzeitig bleibt er rätselhaft, denn Perry beobachtet ihn mit technischer Ausrüstung, die trotz der veränderten hyperphysikalischen Bedingungen offenbar funktioniert. Diese kleinen Widersprüche gefallen mir wesentlich besser als ein großer Enthüllungsmonolog. Die Folge streut Hinweise aus, ohne Rorkhete sofort zu erklären. Etwas merkwürdig bleibt allerdings der Übergang: Einzelne Informationen über die Flucht wirken, als hätte man im vorherigen Hörspiel einen Zwischenschritt ausgespart.

    Bei den Sprechern lebt die Folge stark von den vier Hauptfiguren. Volker Lechtenbrink gibt Perry eine ruhige Entschlossenheit, die gut zu dieser Art von Problem passt. Er kann die Tau Carama nicht wegkommandieren und muss deshalb beobachten, planen und die Motana überzeugen. Volker Brandt darf Atlan persönlicher spielen als in den frühen Folgen. Seine Sorge um Zephyda wirkt nicht wie eine romantische Pflichtübung, sondern tatsächlich wie Angst, sie wieder zu verlieren. Claudia Urbschat-Mingues nutzt diesen größeren Raum hervorragend. Zephyda klingt nach ihrer schweren Verletzung zunächst erschöpft, gewinnt aber zunehmend ihre alte Kraft zurück. Charles Rettinghaus hält Rorkhete angenehm schwer greifbar: hilfsbereit, praktisch veranlagt und doch nie völlig offen. Sehr stark ist Gisela Fritsch als Intake. Ihre Stimme besitzt Alter und Würde, aber auch etwas Verschmitztes und Eigenwilliges, wodurch aus der Lokalen Majestät keine bloße weise Greisin wird. Ulrike Stürzbecher als Halgorate und Mara Kim Bäumlein als Heilerin Phylatoke ergänzen die Motana glaubwürdig. Joachim Höppner kann sich diesmal stärker auf Landschaft, Gefahr und Bewegung konzentrieren, weil weniger politische Zusammenhänge erklärt werden müssen.

    Akustisch ist „Tau Carama“ ein Fest für das Sounddesign. Schon die Notteleportation mitten in den Ozean beginnt mit Wind, Wasser, Brandung und Orientierungslosigkeit, bevor sich das Hörspiel auf Ore langsam beruhigt. Das Meer ist während der gesamten Folge präsent, aber nie monoton: einmal als bedrohlicher Sturm, dann als ruhige Küste, schließlich als heranrollende Masse. Besonders die Tau Carama selbst ist hervorragend umgesetzt. Man hört nicht nur Wasser, sondern das zunehmende Grollen, das Brechen, die Panik und die Veränderung des gesamten akustischen Raums. Noch eindrucksvoller wird es, als ein abstürzendes Kybb-Schiff eine zusätzliche, noch gewaltigere Welle auslöst. Die Folge beweist dabei, dass große Action nicht zwingend aus Strahlern und Raumschlachten bestehen muss. Christian Hagitte und Simon Bertling legen den orchestralen Score geschickt unter die Naturgeräusche und ziehen ihn in den ruhigeren Passagen wieder zurück. Die Musik bekommt stellenweise etwas Weites und Sehnsüchtiges, was gut zu Ore und der bevorstehenden Reise passt. Sonja Harths Schnitt hält die verschiedenen Gruppen auch in den chaotischen Wasserszenen auseinander. Die eigentliche Hörspielhandlung umfasst gut eine Stunde; anschließend folgt erneut Camouflages „How Do You Feel?“ im Perry-Rhodan-Mix.

    Das Cover macht diesmal genau das Richtige und konzentriert sich auf ein einziges Bild: eine riesige, dunkelblaue Welle, die sich kurz vor dem Brechen auftürmt. Kein Raumschiff, kein Gesicht, keine exotische Kreatur lenkt davon ab. Die schäumende Gischt zieht sich fast über die gesamte Breite, während darüber nur Sterne und zwei angeschnittene Himmelskörper zu sehen sind. Dadurch entsteht eine reizvolle Mischung aus etwas völlig Vertrautem und eindeutig Fremdem. Eine Monsterwelle könnte auf der Erde genauso aussehen, doch der Sternenhimmel macht klar, dass wir uns weit außerhalb jeder terranischen Küste befinden. Mir gefällt auch, dass die Welle nicht wie ein abstraktes Symbol wirkt, sondern unmittelbar bedrohlich. Sie steht kurz davor, über den Betrachter hinwegzubrechen. Das silberne „Perry Rhodan“-Logo und der schlichte Titel darüber nehmen sich im Vergleich zu früheren Folgen fast zurück. Nach den technisch geprägten Covern von „Havarie auf Hayok“ und „Sonderkommando Kantiran“ ist das eine wohltuende Abwechslung. Und anders als bei manch anderem Titelbild muss man hier nichts interpretieren: „Tau Carama“ zeigt genau jene Naturgewalt, um die sich die Folge dreht, ohne sie mit zusätzlichen Figuren oder Handlungselementen zu überladen.

    Für den großen Sternenozean-Plot ist Folge 9 tatsächlich eher ein Seitenschritt als ein Sprung nach vorn. Perry kommt seinem Weg zurück in die Milchstraße kaum näher, die Kybb-Cranar bleiben im Hintergrund, und viele der großen Fragen aus den vorherigen Episoden warten weiter auf Antworten. Trotzdem empfinde ich „Tau Carama“ keineswegs als Leerlauf. Gerade weil die Folge einmal nicht versucht, drei neue Völker und fünf kosmische Geheimnisse gleichzeitig einzuführen, kann sie ihre einzelnen Figuren besser atmen lassen. Zephyda wird vom interessanten Nebencharakter zu einer Schlüsselfigur, Atlan bekommt eine glaubhafte emotionale Unsicherheit, Rorkhete sammelt weitere Fragezeichen, und die Motana auf Ore wirken erstmals wie eine Gemeinschaft, die auch jenseits des Kampfes gegen die Kybb ein eigenes Leben besitzt. Die Flutkatastrophe ist dabei mehr als bloße Actionkulisse, weil sie direkt mit Intakes und Zephydas Fähigkeiten verbunden ist. Besonders stark finde ich den Schluss: Zephyda entscheidet sich gegen die sichere Zukunft auf Ore und für die Weiterreise. Intake lässt sie ziehen, obwohl sie in einer Vision bereits einen hohen Preis für diesen Weg gesehen hat. Damit bekommt die Abfahrt der TERRA INCOGNITA etwas Feierliches und zugleich Unheilvolles. „Tau Carama“ ist deshalb vielleicht keine Folge, die den Zyklus mit großen Enthüllungen beschleunigt, aber eine, die Figuren und Welt vertieft – und das mit einer Naturkatastrophe, die akustisch zu den eindrucksvollsten Momenten der bisherigen Serie gehört.

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