Perry Rhodan: Sternenozean – 8. Sonderkommando Kantiran
Während Perry Rhodan und Atlan im Sternenozean um das Vertrauen der Motana kämpfen, steckt Kantiran auf Hayok in einer wesentlich unmittelbareren Hölle. Gemeinsam mit Mal Detair ist er Shallowain in die Hände gefallen und wird auf einem Ganberaanischen Folterbett festgehalten. Ascari da Vivo lässt ihren Sohn spüren, dass sie den Angriff des Tarox-Marders Khemi weder körperlich noch seelisch vergessen hat. Ihr Gesicht ist von Narben entstellt, und an Vergebung denkt sie nicht. Kantiran und Mal sollen fortgeschafft und letztlich beseitigt werden. Doch auf terranischer Seite ist ihr Verschwinden längst aufgefallen. Dario da Eshmale setzt den eigenwilligen Positronik-Spezialisten Maykie Molinas, genannt Mole, auf die verschwundenen Datenspuren an. Molinas findet heraus, dass Kantiran und Mal offiziell für tot erklärt und ihre Einträge weitgehend gelöscht wurden. Damit steht fest, dass jemand mit sehr viel Einfluss ihre Existenz aus den Systemen entfernen will. Für die Befreiung wird deshalb kein gewöhnliches Einsatzteam zusammengestellt: Mausbiber Gucky und der Haluter Icho Tolot stoßen hinzu. Als ein schwerer Hypersturm über Hayok aufzieht, beginnt die Rettungsaktion. Ausgerechnet das Chaos des Sturms soll den Terranern die Gelegenheit geben, den Gefangenentransport abzufangen. Der Plan endet jedoch nicht sauber, sondern in einer furiosen Luftschlacht und einem Absturz in eine rätselhafte Raum-Zeit-Verwerfung.
Schon der Titel klingt nach klassischer Einsatzmission, und genau diesen Ton schlägt Folge 8 an. Nach der vergleichsweise ruhigen Wald- und Kulturgeschichte von „Der Gesang der Motana“ zieht „Sonderkommando Kantiran“ das Tempo drastisch an. Die Folge muss kaum neue Welten erklären, sondern kann sich auf ein einfaches Ziel konzentrieren: Kantiran und Mal müssen aus Shallowains Gewalt befreit werden. Gerade diese Klarheit tut der Serie zwischendurch gut. Gleichzeitig ist die Mission komplizierter, als sie auf dem Papier wirkt, weil Hayok durch den herannahenden Hypersturm technisch immer unberechenbarer wird. Ortung, Kommunikation und Flugbewegungen sind nicht mehr zuverlässig, und aus einem geplanten Zugriff wird schnell ein Glücksspiel. Mir gefällt außerdem, dass die Rettung nicht deshalb erfolgt, weil Kantiran plötzlich zum unersetzlichen Helden der Galaxis erklärt wird. Für den Terranischen Liga-Dienst ist entscheidend, dass er Perry Rhodans Sohn ist und offenbar von arkonidischer Seite heimlich verschwinden soll. Das gibt der Operation politische Brisanz, ohne Kantirans persönliche Geschichte zu vergessen. Nach seinem fast zufälligen Hineingeraten in die große Politik der ersten Folgen wird hier endgültig deutlich, dass seine Abstammung ihn zu einem Faktor macht, ob er das will oder nicht.
Die stärkste Entscheidung der Episode ist für mich jedoch die Einführung von Gucky und Icho Tolot in diesen Hörspielzyklus. Beide könnten leicht wie Fremdkörper wirken, vor allem für Hörer, die „Perry Rhodan“ nur über den „Sternenozean“ kennenlernen. Statt sie mit langen Biografien einzuführen, lässt das Hörspiel ihre Fähigkeiten praktisch für sich sprechen. Gucky teleportiert, denkt schnell und lockert die angespannte Situation mit trockenem Humor auf; Icho Tolot ist die körperliche Macht im Team und wirkt schon durch seine Präsenz wie etwas, das selbst Shallowains Leute ernst nehmen müssen. Daneben ist Maykie Molinas fast noch interessanter. Der zurückgezogen lebende Hacker wirkt zunächst wie jemand, der lieber mit seinen Geräten als mit Menschen spricht, wird aber zum entscheidenden Kopf der Operation. Seine Idee, die Auswirkungen des Hypersturms gezielt zu verstärken und daraus eine lokale Raum-Zeit-Verfaltung zu erzeugen, ist herrlich größenwahnsinnige Perry-Rhodan-Technik – kompliziert genug, um futuristisch zu klingen, aber dramaturgisch leicht verständlich: Das Sonderkommando will den Gegner in ein Gebiet zwingen, in dem dessen Übermacht nicht mehr zählt. Dass genau dieser Plan alle Beteiligten selbst in Gefahr bringt, macht den Reiz aus. Die Rettung ist keine saubere Kommandoaktion, sondern ein kontrollierter Kontrollverlust.
Christian Stark bekommt als Kantiran diesmal weniger Raum für Selbstsuche und deutlich mehr für Schmerz, Wut und Widerstand. Das Folterbett könnte schnell in übertriebenes Leiden abrutschen, doch Stark hält die Szenen erstaunlich glaubwürdig. Besonders gut funktioniert sein Zusammenspiel mit Jürgen Kluckert, dessen Mal Detair selbst unter Druck diese bodenständige Ruhe behält, die Kantiran dringend braucht. Manfred Lehmann ist als Shallowain erneut ein Glücksfall. Seine Härte wirkt nicht deshalb bedrohlich, weil er ständig brüllt, sondern weil er Gewalt wie eine völlig normale berufliche Tätigkeit behandelt. Daniela Hoffmann darf Ascari diesmal schärfer und persönlicher anlegen; die Narben nach Khemis Angriff haben ihre Haltung gegenüber Kantiran nicht gerade milder gemacht. Neu im Ensemble fallen vor allem Stefan Krause und Tilo Schmitz auf. Krause gibt Gucky eine hohe, bewegliche Stimme, ohne ihn zur reinen Witzfigur zu machen, während Schmitz mit seinem schweren Bass sofort die enorme Körperlichkeit Icho Tolots vermittelt. Oliver Rohrbeck macht aus Maykie Molinas einen nervösen, eigenwilligen Techniker, der zunächst fast komisch wirkt und im Verlauf immer wichtiger wird. Kaspar Eichel hält Dario da Eshmale als Einsatzleiter angenehm sachlich. Joachim Höppner verbindet die vielen Perspektivwechsel einmal mehr so sicher, dass das Hörspiel trotz mehrerer Schauplätze nie unübersichtlich wird.
Bei der technischen Umsetzung kann STIL diesmal regelrecht aufdrehen. „Sonderkommando Kantiran“ lebt im letzten Drittel von Gleitern, Strahlern, Warnsignalen, Hypersturm, Funkverkehr und auseinanderbrechender Raumwahrnehmung. Trotzdem entsteht kein bloßer Geräuschbrei. Die einzelnen Fahrzeuge bleiben unterscheidbar, Stimmen wandern klar durch die akustischen Räume, und der Sturm bekommt eine eigene Qualität, die sich von gewöhnlichen Explosionen oder Antriebsgeräuschen absetzt. Besonders gelungen ist die Steigerung: Zu Beginn dominieren die kühlen Innenräume der Gefangenschaft und Moles technischer Arbeitsplatz, später wird das Klangbild immer hektischer, bis die Luftschlacht über Vhalaum fast die gesamte Bühne füllt. Das Berliner Filmorchester und der Neue Chor Berlin liefern dafür erneut eine ungewöhnlich große musikalische Basis. Hagitte und Bertling legen unter die Action keine permanent lärmende Bombastspur, sondern arbeiten mit rhythmischem Druck, elektronischen Impulsen und kurzen orchestralen Ausbrüchen. Dadurch bleibt die Szene trotz ihrer Größe nachvollziehbar. Sonja Harths Schnitt ist hier besonders wichtig, weil die Handlung ständig zwischen Kantiran, den TLD-Leuten und dem Sonderkommando springt. Der neue Staffel-Abspann „How Do You Feel?“ von Camouflage folgt erneut und nimmt nach dem abrupten Ende spürbar Tempo heraus.
Das Cover macht keinerlei Versuch, die Folge als Charakterdrama zu verkaufen. Ein gewaltiges futuristisches Fluggerät beherrscht die Mitte, schräg darunter und dahinter liegen weitere technische Formen, während Sterne und Lichtblitze den blauvioletten Hintergrund durchziehen. Alles ist auf Bewegung angelegt: schräge Linien, angeschnittene Maschinen, harte Kontraste. Schon ohne den Titel zu lesen, erwartet man eher eine Verfolgungsjagd als eine ruhige Expedition. Genau deshalb funktioniert das Bild für mich. Folge 8 handelt zwar auch von Kantirans Verhältnis zu Ascari und von der Frage, warum die Terraner ihn retten wollen, ihr eigentlicher Puls entsteht aber aus dem bevorstehenden Zugriff und der Luftschlacht. Das Cover übersetzt diesen Puls unmittelbar. Gleichzeitig bleibt es der bisherigen Gestaltung treu: silbernes „Perry Rhodan“-Logo, weit gesetzter Folgentitel, kühle Farbwelt und die kleine Folgenangabe oben rechts. Anders als beim fast mystischen Motiv von „Der Gesang der Motana“ gibt es hier kaum etwas zu entschlüsseln. Das Bild sagt ziemlich klar: Jetzt wird geflogen, gejagt und gekämpft. Diese Direktheit passt ausnahmsweise besser als ein symbolisches Motiv.
„Sonderkommando Kantiran“ ist für mich eine der unterhaltsamsten Folgen bis hierhin, gerade weil sie nicht versucht, gleichzeitig noch fünf neue mythologische Ebenen des Sternenozeans zu erklären. Sie nimmt den seit „Havarie auf Hayok“ offenen Kantiran-Handlungsstrang wieder auf, führt mit Gucky und Icho Tolot zwei echte Perry-Rhodan-Schwergewichte ein und baut aus einer Rettungsmission eine Stunde mit erstaunlich viel Druck. Dass der Plan am Ende nicht einfach aufgeht, sondern der Gefangenentransport und seine Verfolger in einer Raum-Zeit-Verwerfung abstürzen, verhindert zugleich den bequemen Abschluss. Kantiran und Mal sind noch nicht gerettet, Shallowain ist weiterhin gefährlich, und der Hypersturm hat die Situation eher chaotischer als besser gemacht. Genau dadurch funktioniert der Cliffhanger. Weniger stark ist die Folge dort, wo sie ihre technischen Begriffe sehr schnell hintereinander wirft; wer bei TLD, Katsugos, Hypersturm und Raum-Zeit-Verfaltung kurz den Faden verliert, bekommt kaum Gelegenheit zum Nachsortieren. Aber die Grundhandlung bleibt so klar, dass das nicht zum echten Problem wird. Nach der ruhigeren Folge 7 zeigt die Serie wieder eine völlig andere Seite und beweist, dass „Sternenozean“ sowohl fremde Kulturen als auch große Action tragen kann. Vor allem Gucky, Tolot und Mole bringen frische Energie hinein – und machen aus einer eigentlich simplen Befreiungsaktion eine herrlich turbulente Science-Fiction-Mission.