Perry Rhodan: Sternenozean – 7. Der Gesang der Motana
Perry Rhodan und Atlan haben die Minen der Kybb-Cranar zwar hinter sich gelassen, frei sind sie deshalb noch lange nicht. Die Krin Varidh sitzen weiterhin an ihren Hälsen, das Gift darin wirkt nach, und jeder weitere Tag kostet die beiden Unsterblichen mehr Kraft. Auf der Flucht durch die Wälder von Pardahn stoßen sie auf einen Jagdtrupp der Motana unter Führung von Zephyda. Die rothaarige Wegweiserin begegnet den Fremden zunächst mit offenem Misstrauen. Erst als Perry vom Tod Jadyels erzählt und das Säckchen übergibt, das dieser ihnen vor seiner Opferung anvertraut hatte, ändert sich die Lage. Jadyel war Zephydas Bruder und Enkel der Planetaren Majestät. Die Motana nehmen Perry und Atlan mit, doch bevor an Sicherheit zu denken ist, müssen die tödlichen Halsringe entfernt werden. Dafür braucht es Technik der Kybb-Cranar, was zu einem riskanten Angriff auf einen ihrer Wachtürme führt. Schließlich erreichen die beiden die verborgene Residenz der Motana und lernen die Planetare Majestät kennen. Dort taucht auch der wortkarge Nomade Rorkhete auf, der Perry und Atlan einer schmerzhaften Prüfung unterzieht. Sie sind nicht jene sagenhaften Schutzherren, auf die die Motana gehofft haben. Zeit für Enttäuschung bleibt kaum: Kybb-Cranar greifen die Residenz an, Feuer bricht aus, und Perry, Atlan und Zephyda müssen erneut fliehen.
Nach der Enge und Härte von „Das Blut der Veronis“ verändert die Serie ihre Atmosphäre erstaunlich deutlich. Plötzlich gibt es Wälder, offene Landschaften, Reittiere, ein verborgen lebendes Volk und beinahe märchenhafte Vorstellungen von Schutzherren, Wegweiserinnen und einer Planetaren Majestät. Gerade dieser Wechsel gefällt mir, auch wenn „Der Gesang der Motana“ erzählerisch deutlich ruhiger ausfällt als die vorherige Folge. Im Grunde geht es lange Zeit darum, dass Perry und Atlan von einer Station zur nächsten gelangen und dabei immer tiefer in die Kultur der Motana eintauchen. Das ist weniger spektakulär, aber wichtig, weil das Volk dadurch endlich mehr wird als eine Gruppe unterdrückter Minenarbeiter. Die Folge zeigt ihre eigene Ordnung, ihre Ängste und ihre Hoffnung darauf, dass irgendwann jemand von außen kommen und sie von den Kybb befreien könnte. Perry reagiert darauf angenehm nüchtern. Er lässt sich nicht zum Erlöser erklären, nur weil seine Ankunft gut in eine Legende passt. Gleichzeitig kann er natürlich auch nicht einfach weiterziehen, nachdem er gesehen hat, wie systematisch die Motana ausgebeutet werden. Aus einem Überlebenskampf wird damit langsam eine politische und moralische Entscheidung: Bleiben Perry und Atlan Beobachter oder mischen sie sich ein?
Interessant ist auch, dass Atlan erstmals eine deutlich persönlichere Bindung innerhalb des Sternenozeans entwickelt. Zwischen ihm und Zephyda entsteht schnell eine Nähe, die zwar nicht besonders lange vorbereitet wird, aber im Hörspiel erstaunlich gut funktioniert. Zephyda ist dabei weit mehr als eine romantische Ergänzung. Sie trägt Verantwortung, entscheidet über Leben und Tod und steht zwischen der Tradition ihres Volkes und der Notwendigkeit, auf zwei vollkommen Fremde zu vertrauen. Genau deshalb mag ich ihre anfängliche Skepsis. Zu oft werden Perry Rhodan und Atlan allein wegen ihrer Namen oder ihrer Erfahrung sofort als außergewöhnliche Retter behandelt. Hier müssen sie sich erst beweisen. Rorkhete verschärft diesen Gedanken noch einmal. Seine Wahrheitsprüfung ist unangenehm, fast aggressiv, und das Ergebnis ist gerade deshalb spannend, weil es den naheliegenden Weg verweigert: Perry und Atlan sind eben nicht die prophezeiten Schutzherren. Damit lässt die Folge eine einfache Auserwählten-Geschichte bewusst liegen. Dass kurz darauf der Angriff der Kybb beginnt, gibt dem letzten Drittel endlich die Dringlichkeit, die vorher stellenweise fehlt. Der Übergang von vorsichtiger Annäherung zu offener Vernichtung funktioniert hart und abrupt – und macht deutlich, wie wenig Spielraum die Motana tatsächlich besitzen.
Bei den Stimmen rückt diesmal Claudia Urbschat-Mingues als Zephyda besonders nach vorn. Sie gibt der Figur Kraft, Stolz und eine gewisse Schärfe, ohne sie zu einer dauernd kämpferischen Amazone zu machen. Gerade in den Szenen um Jadyel hört man, dass hinter der kontrollierten Wegweiserin eine persönliche Trauer steckt. Volker Brandt kann als Atlan darauf mit einer weicheren, manchmal fast charmanten Seite reagieren, die man in den bisherigen Folgen kaum gehört hat. Volker Lechtenbrink hält Perry dagegen bewusst sachlicher und konzentrierter; dadurch unterscheiden sich die beiden Freunde auch emotional stärker. Charles Rettinghaus ist als Rorkhete eine sehr gute Wahl, weil er den Nomaden nicht mit künstlicher Mystik überlädt. Seine Stimme bleibt kontrolliert, etwas spröde und dadurch schwer einzuschätzen. Kerstin Sanders-Dornseif verleiht der Planetaren Majestät die nötige Würde, ohne dass die Figur wie eine entrückte Märchenkönigin klingt. Markus Krane und Thomas Schmuckert sorgen als Kybb-Cranar erneut für die härtere Gegenseite. Und Joachim Höppner ist gerade in einer Folge, die viel Welt und Kultur erklären muss, unverzichtbar. Er hält die Informationen zusammen, ohne dass aus der Geschichte eine Lexikonstunde wird.
Akustisch ist „Der Gesang der Motana“ eine der naturverbundensten Folgen der bisherigen Reihe. Nach Bergwerk, Technik und Eisflächen bestimmen nun Waldgeräusche, Schritte, Tiere, Wind und offene Räume das Klangbild. Das tut der Serie gut, weil sich der Sternenozean dadurch nicht wie eine Aneinanderreihung futuristischer Anlagen anhört. Die Motana-Welt hat tatsächlich einen eigenen akustischen Charakter. Beim Angriff auf den Wachturm und später auf die Residenz schaltet die Inszenierung dann wieder in den bekannten Science-Fiction-Modus: Gleiter, Waffen, Explosionen und elektronische Effekte prallen auf die eher organische Umgebung. Dieser Gegensatz macht die Gewalt der Kybb besonders deutlich. Christian Hagitte und Simon Bertling setzen das Berliner Filmorchester und den Neuen Chor Berlin erneut sehr wirkungsvoll ein; Trompete, Horn, Oboe und Percussion geben der Folge zusätzlich Farbe. Mir gefällt, dass die Musik diesmal häufiger etwas Weites und beinahe Feierliches bekommt, ohne die Motana romantisch zu verklären. Gelegentlich wiederholen sich einzelne Geräusche der Kybb-Gleiter etwas zu auffällig, insgesamt bleibt die Produktion aber enorm plastisch. Mit „How Do You Feel?“ von Camouflage beginnt außerdem ein neuer Abspannsong für diese zweite Staffel, der sich deutlich ruhiger anfühlt als „Passing By“.
Das Cover gehört für mich zu den ungewöhnlicheren Motiven der Reihe. Im Zentrum steht kein Charakter und auch keine klassische Raumschlacht, sondern eine fremdartige Landschaft mit hohen, dunklen Bäumen, felsigem Boden und einem massiven schwarzen Gebilde, das wie ein kubischer Baukörper über der Szenerie hängt. Weitere kantige Elemente scheinen in der Luft zu schweben, während Sterne und ein heller Himmelskörper im Hintergrund die außerirdische Umgebung markieren. Gerade diese geometrischen Formen zwischen Wald und Felsen wirken irritierend, weil Natur und künstliche Struktur nicht recht zusammenpassen wollen. Das Motiv erzählt damit nicht direkt eine bestimmte Szene, sondern vermittelt Fremdheit – und das passt zu einer Folge, in der Perry und Atlan beginnen, eine ihnen völlig unbekannte Kultur zu verstehen. Die blauviolette Farbgebung hält das Bild in der etablierten Sternenozean-Optik, wirkt aber durch die dunklen Silhouetten weniger technisch als bei „Havarie auf Hayok“. Mir gefällt auch, dass Zephyda, Rorkhete oder die Kybb nicht plakativ auf das Cover gestellt werden. Stattdessen bleibt das Bild rätselhaft und gibt eher ein Gefühl für Jamondi, als dass es den Inhalt nacherzählt.
„Der Gesang der Motana“ gehört nicht zu den Folgen, die mit einer Enthüllung nach der anderen um sich werfen. Im Mittelteil passiert über längere Strecken tatsächlich vergleichsweise wenig, und wer nach dem düsteren Bergwerksdrama sofort den nächsten großen Höhepunkt erwartet, könnte das als zäh empfinden. Für mich erfüllt die Episode trotzdem eine wichtige Aufgabe. Sie macht aus den Motana ein Volk mit eigener Identität, führt mit Zephyda und Rorkhete zwei Figuren ein, die sofort Gewicht bekommen, und verschiebt Perrys und Atlans Rolle vom gestrandeten Fremden hin zu möglichen Verbündeten eines Widerstands. Besonders gut gefällt mir, dass die Geschichte die Erwartung an die Schutzherren nicht bequem erfüllt. Perry und Atlan sind bedeutend, aber sie sind nicht automatisch die Lösung aller Probleme. Erst der Angriff auf die Residenz zwingt sie wieder in Bewegung und beendet die ruhigere Phase mit einem harten Einschnitt. Dadurch wirkt Folge 7 weniger wie ein abgeschlossenes Abenteuer als wie ein notwendiges Einatmen vor dem nächsten Abschnitt. Gerade im Zusammenhang mit „Das Blut der Veronis“ funktioniert sie für mich deshalb besser als isoliert: Dort lernten wir das Leid der Motana kennen, hier lernen wir endlich die Menschen dahinter kennen. Und genau daraus entsteht erst der Konflikt, der den Sternenozean in den kommenden Folgen tragen kann. Als Auftakt der zweiten Veröffentlichungsstaffel ist das vielleicht weniger spektakulär als erwartet, aber erzählerisch sinnvoll: Die Serie erweitert ihren Kosmos nicht durch noch größere Technik, sondern durch eine Kultur, für deren Schicksal man nun überhaupt erst ein Gefühl entwickelt.