Perry Rhodan: Sternenozean – 6. Das Blut der Veronis

  • Perry Rhodan: Sternenozean – 6. Das Blut der Veronis

    Perry Rhodan und Atlan sind im Sternenozean gestrandet, aber ihre Lage hat sich seit „Planet der Mythen“ noch einmal deutlich verschlechtert. Nach ihrer Gefangennahme durch die Kybb-Cranar erwachen sie in einem Bergwerk auf Baikhal Cain. Um ihren Hals tragen sie Krin Varidh, Halsbänder, die Fluchtversuche mit Neuroimpulsen bestrafen und zugleich ein tödliches Gift freisetzen können, wenn sie nicht regelmäßig zurückgesetzt werden. Gemeinsam mit versklavten Motana müssen die beiden in den Stollen des Heiligen Berges Schaumopal abbauen, ein psi-aktives Mineral, das von den Kybb in großen Mengen verlangt wird. Das Problem: Während die Motana den Schaumopal geradezu erspüren können, finden Rhodan und Atlan kaum etwas und verfehlen damit ihre Quote. Der Minenleiter Raphid-Kybb-Karter kennt keine Nachsicht. Nur die Hilfe der Mitgefangenen bewahrt die beiden zunächst vor dem Tod. Als die Fördermengen weiter erhöht werden und Atlan bei einem Einsturz verschüttet wird, stößt er tief im Berg auf die Veronis – entstellte, durch den Schaumopal veränderte Motana, die ihren früheren Artgenossen Lebensenergie entziehen. Gemeinsam mit dem jungen Jadyel reift schließlich ein Fluchtplan. Ein vergessener Tunnel könnte ins Freie führen, doch selbst dort wartet noch das Gift der Halsbänder.

    „Das Blut der Veronis“ überrascht mich vor allem deshalb, weil die Folge aus der großen Space Opera plötzlich ein ziemlich klassisches Gefängnis- und Bergwerksdrama macht. Raumschiffe, galaktische Diplomatie und gigantische technische Möglichkeiten helfen Perry und Atlan hier überhaupt nicht. Beide besitzen ihre Erfahrung und ihre Zellaktivatoren, mehr zunächst nicht. Das verändert die Atmosphäre gegenüber „Planet der Mythen“ erheblich. Dort waren sie noch Entdecker in einer fremden Welt; jetzt sind sie Arbeitskräfte, deren Wert ausschließlich danach bemessen wird, wie viel Schaumopal sie aus dem Fels holen. Die Kybb-Cranar werden damit nicht über lange Erklärungen eingeführt, sondern über ihr Herrschaftssystem. Arbeit, Quote, Strafe, Angst – mehr muss man zunächst gar nicht wissen, um zu verstehen, wie diese Gesellschaft funktioniert. Besonders wirkungsvoll finde ich, dass Perry und Atlan ausgerechnet an einer scheinbar simplen Aufgabe scheitern. Die Motana besitzen eine natürliche Affinität zum Schaumopal, während die beiden berühmten Unsterblichen im Stollen praktisch blind sind. Plötzlich hängt ihr Überleben von Menschen ab, die selbst versklavt sind. Diese Umkehrung nimmt den beiden Helden nichts von ihrer Bedeutung, macht sie aber für eine Folge angenehm verletzlich.

    Noch interessanter wird das Ganze durch die unterschiedliche Art, wie Perry und Atlan mit der Gefangenschaft umgehen. Atlan reizt die Grenzen aus, provoziert, widersetzt sich und nimmt Strafen in Kauf, während Perry viel schneller beginnt, die Gruppe als Ganzes zu betrachten. Er organisiert, beobachtet Abläufe und sucht nach einer Möglichkeit, die Bedingungen zumindest etwas zu verbessern. Das ist kein künstlicher Gegensatz zwischen Draufgänger und Vernünftigem, sondern passt sehr schön zu zwei Figuren, die seit Jahrhunderten Erfahrungen mit Herrschaft, Krieg und Gefangenschaft gesammelt haben. Der Schaumopal bringt zusätzlich ein Mystery-Element hinein. Dass das „Blut der Veronis“ psi-aktiv ist und ausgerechnet auf Atlan besonders gefährlich reagiert, macht die Mine selbst zu einem Gegner. Mit den Veronis wird es dann fast unheimlich. Diese Wesen sind keine fremden Monster, die zufällig in den Stollen leben, sondern mutierte Motana, Opfer genau jenes Minerals, für das ihre Artgenossen ausgebeutet werden. Dadurch bekommt der Titel eine wesentlich düsterere Bedeutung. Die Szene mit dem verschütteten Atlan gehört für mich zu den stärksten Momenten der ersten Staffel, weil für einige Minuten nicht klar ist, ob hier Science Fiction, körperliche Erschöpfung oder etwas tatsächlich Übernatürliches die Wahrnehmung bestimmt.

    Volker Lechtenbrink und Volker Brandt bekommen in dieser Folge endlich genug gemeinsame Szenen, damit sich ihr Zusammenspiel richtig entwickeln kann. Lechtenbrinks Perry wirkt konzentriert und kontrolliert, ohne emotionslos zu werden. Gerade wenn er die Lage der Motana erfasst, hört man, dass er nicht nur den eigenen Fluchtweg sucht. Brandt darf Atlan wesentlich kantiger anlegen als zuvor. Seine Widerborstigkeit gegenüber den Kybb-Cranar ist manchmal gefährlich nahe an Selbstüberschätzung, passt aber zu einer Figur, die sich nur schwer damit abfinden kann, von anderen wie Besitz behandelt zu werden. Andreas Fröhlich macht Jadyel sofort sympathisch, ohne ihn zu einem rührseligen Opfer zu reduzieren. Sein Wunsch, vor dem Tod noch einmal den Himmel zu sehen, bekommt durch Fröhlich eine erstaunliche Schlichtheit und gerade dadurch Wirkung. Jürgen Thormann ist als Raphid-Kybb-Karter hervorragend unangenehm; er braucht keine überzogene Monsterstimme, sondern lässt Grausamkeit wie Verwaltungsroutine klingen. Regina Lemnitz gibt Aicha eine raue Präsenz, Peter Groeger als Gorlin und Andreas Bisowski als Fahrdin ergänzen die Welt der Gefangenen. Joachim Höppner hat diesmal weniger kosmische Zusammenhänge zu erklären und kann die Enge, Erschöpfung und Bedrohung der Mine umso stärker mittragen.

    Die akustische Gestaltung macht aus dem Bergwerk einen der bisher plastischsten Schauplätze der Reihe. Metall schlägt auf Stein, Werkzeuge hallen durch enge Stollen, Schritte verschwinden in der Tiefe, und über allem liegt immer wieder dieses dumpfe Gefühl von Masse und Fels. Nach den offenen Eisflächen aus Folge 4 ist das beinahe das akustische Gegenbild: Dort konnte der Wind in alle Richtungen ziehen, hier scheint jeder Klang von einer Wand zurückgeworfen zu werden. Christian Hagitte und Simon Bertling nutzen diese Enge sehr konsequent. Die Musik bleibt zunächst zurückgenommen und wird vor allem dann stärker, wenn Schaumopal, Veronis oder der Einsturz die realistische Bergwerksatmosphäre ins Fremdartige kippen lassen. Quena und Didgeridoo sorgen für zusätzliche Klangfarben, ohne dass die Motana dadurch auf ein einzelnes musikalisches Klischee reduziert werden. Besonders gelungen ist die Verschüttung Atlans. Knacken, berstender Stein, Atem und anschließend die veränderte Geräuschwelt im Inneren des Berges erzeugen mehr Spannung als eine große Raumschlacht. Auch der Hochmeisterchor Berlin fügt dem Score eine beinahe rituelle Ebene hinzu. Dass die CD nur rund 56 Minuten umfasst, stört mich hier weniger als bei Folge 5, weil die Geschichte einen vollständigen Bogen von Gefangenschaft über Erkenntnis bis zum Fluchtversuch besitzt.

    Das Cover gehört für mich zu den atmosphärischsten Motiven dieser ersten sechs Folgen. Eine schwarze, messerscharf aufragende Felsformation teilt das Bild fast vollständig, und ganz unten steht eine winzige menschliche Gestalt in einem hellen Eingang. Erst dieser Größenvergleich macht deutlich, wie gewaltig und bedrohlich der Berg wirkt. Dahinter schweben Raumschiffe und Himmelskörper in einem kalten blauweißen Kosmos, doch die eigentliche Aufmerksamkeit bleibt an dieser schwarzen Silhouette hängen. Anders als „Havarie auf Hayok“ zeigt das Bild keine hektische Bewegung. Es wirkt still, beinahe erstarrt, und genau deshalb passt es so gut zur Geschichte. Perry und Atlan stecken nicht in einer schnellen Verfolgungsjagd, sondern buchstäblich in einem Berg fest. Das helle Tor am Fuß der Felsen kann gleichzeitig Eingang, Ausgang oder Hoffnungsschimmer sein. Sehr schön finde ich auch, dass das Motiv den Titel nicht mit Blut oder monströsen Veronis illustriert. „Das Blut der Veronis“ klingt zunächst nach etwas Körperlichem oder Gewalttätigem, während das Bild stattdessen die Umgebung zeigt, in der dieser Begriff seine Bedeutung erhält. Die für die Reihe typische blaue Farbwelt wirkt hier dunkler und schwerer als zuvor und unterstreicht die beklemmende Stimmung.

    Für mich ist „Das Blut der Veronis“ ein besonders gutes Beispiel dafür, wie abwechslungsreich „Sternenozean“ innerhalb weniger Folgen sein kann. Nach Kantirans Fluchtthriller auf Hayok springt die Handlung zurück zu Perry und Atlan und erzählt beinahe das Gegenteil: keine Jagd durch eine belebte Welt, sondern Zwangsarbeit in engen Stollen; keine familiäre Abrechnung, sondern das langsame Kennenlernen eines unterdrückten Volkes. Trotzdem fühlt sich beides wie dieselbe Serie an, weil die größere Krise im Hintergrund alles verbindet. Die erhöhte Hyperimpedanz betrifft selbst die Kybb, der Schaumopal bekommt erkennbar eine Bedeutung, und die Motana entwickeln sich vom exotischen Volk zu Figuren mit eigener Geschichte und eigenem Leid. Jadyels Schicksal gibt der Flucht zusätzlich einen bitteren Abschluss. Perry und Atlan können das Gift ihrer Halsbänder dank ihrer Zellaktivatoren überleben, Jadyel nicht. Gerade dieser Unterschied erinnert daran, dass die Unsterblichkeit der beiden eben nicht für ihre Begleiter gilt. Das macht den Ausbruch weniger triumphal, als er in einer gewöhnlichen Abenteuergeschichte wäre. Folge 6 beendet die erste Veröffentlichungsstaffel deshalb mit einem starken, düsteren Kapitel. Sie löst nicht das Rätsel des Sternenozeans, aber sie gibt ihm erstmals ein gesellschaftliches Gesicht – und mit den Kybb, den Motana, dem Schaumopal und den Veronis genügend neue Fragen, um den nächsten Abschnitt der Reise deutlich größer wirken zu lassen.

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