Perry Rhodan: Sternenozean – 4. Planet der Mythen
Kaum hat sich Kantiran auf Terra in Sicherheit gebracht, rückt seine Geschichte erst einmal aus dem Mittelpunkt. Im Sektor Hayok ist nach den gewaltigen Raumbeben ein ganzer Sternhaufen aufgetaucht, und niemand weiß, woher er kommt oder warum er zuvor verborgen war. Perry Rhodan hat deshalb wesentlich größere Probleme als die ungeklärte Beziehung zu seinem Sohn. Dann erscheint Lotho Keraete, der Bote der Superintelligenz ES, und bringt eine Nachricht mit, die zugleich erstaunlich und beunruhigend ist: Auch er hat den Kontakt zu ES verloren. Der neue Sternhaufen trägt den Namen Sternenozean von Jamondi, und Keraete will ihn mit einer Silberkugel erkunden. Kantiran würde am liebsten mitfliegen, doch Rhodan entscheidet sich für den erfahrenen Arkoniden. Beim Eintritt in den Sternenozean endet die Expedition im Desaster. Technik versagt, Keraetes metallischer Körper beginnt zu glühen und die Silberkugel stürzt auf einem eisigen Planeten ab. Perry und Atlan überleben, finden den eingefrorenen Lotho Keraete, können ihm aber zunächst nicht helfen. Ohne funktionierende Ausrüstung bleibt ihnen nur, zu Fuß nach Leben zu suchen. Der Planet heißt Baikhal Cain – und je weiter die beiden vordringen, desto deutlicher wird, dass sie in einer Welt gelandet sind, deren Legenden sehr reale Gefahren verbergen.
Was für ein Bruch nach „Der Hyperschock“. Eben wackelte noch die gesamte galaktische Ordnung, nun reduziert die Serie ihr Personal über weite Strecken auf zwei Männer, Schnee, Hunger und die Frage, wie man die nächste Nacht übersteht. Das gefällt mir, auch wenn „Planet der Mythen“ dadurch langsamer wirkt als die ersten drei Folgen. Zum ersten Mal steht Perry Rhodan wirklich im Zentrum eines kompletten Hörspiels. Gleichzeitig wird mit Atlan eine Figur eingeführt, deren Beziehung zu ihm nicht erst erklärt oder aufgebaut werden muss. Die beiden kennen sich seit einer Ewigkeit, und genau so klingen ihre Gespräche. Sie diskutieren, widersprechen sich und vertrauen einander trotzdem ganz. Das ist etwas anderes als Kantirans emotional aufgeladene Geschichte und tut der Reihe gut. Reizvoll ist vor allem, dass zwei praktisch unsterbliche Legenden auf elementare Bedürfnisse zurückgeworfen werden. Sie können weder politische Macht noch überlegene Technik einsetzen, sondern müssen Wärme und Nahrung finden. Diese Bodenhaftung macht das riesige Perry-Rhodan-Universum für eine knappe Stunde erstaunlich klein – und gerade dadurch bekommt der fremde Planet Kontur.
Der Titel verspricht allerdings mehr Mystik, als die Folge zunächst liefert. Baikhal Cain ist nicht deshalb geheimnisvoll, weil ständig Unerklärliches geschieht, sondern weil Perry und Atlan kaum etwas über diese Welt wissen. Sie begegnen den Vay Shessod, einer einheimischen Spezies mit eigenen Regeln, Ritualen und Geschichten, und erfahren nach und nach von den Kybb-Cranar, von früheren Herrschern des Sternenozeans und von alten Legenden um Schutzherren und Schildwachen. Entscheidend ist weniger, ob jede dieser Erzählungen sofort verständlich wird, sondern dass die Folge damit eine zweite Ebene des Zyklus eröffnet. Bis hierhin kannten wir Arkoniden, Terraner und die politischen Verhältnisse der Milchstraße. Nun betreten Perry und Atlan ein Gebiet, in dem all diese Machtverhältnisse keinerlei Bedeutung haben. Ihre Namen beeindrucken niemanden, ihre Vergangenheit hilft kaum weiter und selbst der Bote von ES liegt handlungsunfähig im Eis. Das ist ein kluger Neustart innerhalb des Zyklus. Etwas zäh wird es, wenn die Reise längere Zeit nur aus Weitergehen, Beobachten und neuen Ortsnamen besteht. Einen klassischen Höhepunkt besitzt die Episode kaum. Dafür entsteht langsam das Gefühl, dass Jamondi nicht bloß ein neuer Schauplatz ist, sondern eine abgeschlossene Welt mit eigener Vergangenheit, eigenen Unterdrückern und einem Konflikt, in den Perry und Atlan unweigerlich hineingezogen werden.
Stimmlich verändert sich die Serie mit dieser Folge spürbar. Volker Lechtenbrink muss Perry Rhodan nun nicht mehr nur als souveräne Autorität in wenigen Schlüsselszenen tragen, sondern über längere Passagen als Abenteurer, der friert, zweifelt, entscheidet und improvisiert. Diese weniger staatsmännischen Momente stehen ihm gut. Volker Brandt setzt als Atlan einen deutlich anderen Ton daneben. Seine Interpretation ist weniger kühl und entrückt, als man es bei einem uralten Arkoniden vielleicht erwarten könnte, dafür besitzt sie Witz, Lebenserfahrung und eine angenehme Selbstverständlichkeit. Das Zusammenspiel funktioniert vor allem deshalb, weil Brandt und Lechtenbrink nicht aus jedem Satz eine historische Begegnung zweier Legenden machen. Sie klingen wie alte Freunde, die schon zu viel gemeinsam erlebt haben, um sich gegenseitig noch beeindrucken zu müssen. Roland Hemmo verleiht Lotho Keraete mit seiner schweren Stimme die notwendige Fremdartigkeit und Würde; selbst seine vergleichsweise kurze Präsenz reicht, um den Boten von ES als etwas Besonderes zu markieren. Christian Stark lässt Kantirans Enttäuschung über das Zurückbleiben noch einmal aufflammen, bevor dieser Handlungsstrang pausiert. Klaus-Peter Grap, Gerald Schaale, Regina Lemnitz und Antje von der Ahe ergänzen die klein gehaltene Besetzung. Joachim Höppner wird diesmal besonders wichtig, weil große Teile der fremden Welt über seine Erzählung vermittelt werden, und er trägt diese Passagen mit genau der Ruhe, die das langsamere Tempo benötigt.
Bei der Inszenierung fällt auf, wie konsequent STIL die Größe der vorherigen Folge zurücknimmt, ohne dass die Produktion kleiner klingt. Der Absturz der Silberkugel darf zunächst noch mit voller Wucht aus elektronischen Störungen und orchestraler Dramatik arbeiten. Danach verändert sich das Klangbild radikal. Wind, Schritte im Schnee, Atem, knirschendes Eis und offene Räume bestimmen lange Strecken. Die Kälte wird dadurch fast körperlich. Christian Hagitte und Simon Bertling setzen die Musik sparsamer ein als beim „Hyperschock“ und lassen häufig die Umgebung selbst wirken. Gleichzeitig bekommt der Score durch Instrumente wie Quena und Didgeridoo eine leicht fremdartige Färbung, ohne den Planeten mit einem plakativen „Exotik“-Klang zu versehen. Mit den ersten Hinweisen auf Bewohner und Zivilisation wächst auch die akustische Welt wieder. Mir gefällt diese Zurückhaltung, weil sie Rhodans und Atlans Isolation glaubwürdig macht. Allerdings ist die Folge mit gut 52 Minuten deutlich kürzer als ihre Vorgänger; das eigentliche Hörspiel liegt sogar unter 50 Minuten, bevor erneut Camouflages „Passing By“ folgt. Dadurch wirkt manches auf Baikhal Cain eher angerissen als ausgearbeitet. Technisch bleibt die Produktion sehr sauber: Stimmen stehen klar im Raum, Bewegungen sind nachvollziehbar, und auch längere Wanderpassagen bekommen durch Geräuschdetails Struktur.
Das Cover wirkt auf den ersten Blick fast wie das klassische Bild zu einem Science-Fiction-Abenteuerroman. Zwei Gestalten bewegen sich durch eine verschneite, felsige Landschaft, im Hintergrund steht eine futuristische Stadt, und über allem hängt ein gewaltiger blauer Himmelskörper. Diese Kombination gefällt mir, weil sie beide Seiten der Folge zusammenfasst: vorn die fast primitive Überlebenssituation, hinten die Ahnung einer Zivilisation, die Perry und Atlan noch nicht verstehen. Die beiden Figuren erscheinen klein gegenüber Landschaft und Himmel; nach drei Covern, auf denen Gesichter oder einzelne Charaktere viel Raum beanspruchten, ist das eine wohltuende Veränderung. Die Gestaltung der Hörspielausgabe kombiniert dabei eine Szene aus dem Heftcover zu PR 2204 mit einer Skyline aus PR 2221; Perrypedia führt Alfred Kelsner als Titelbildzeichner. Durch die einheitliche blau-schwarze Bearbeitung fügt sich diese Montage nahtlos in die Optik der bisherigen CDs ein. Stark finde ich den großen Planeten im Hintergrund. Er macht aus der Eislandschaft sofort einen fremden Ort, ohne dafür Raumschiffe, Laser oder technische Details in den Vordergrund zu drängen. „Planet der Mythen“ steht breit über dem Motiv, und diesmal hält der Titel tatsächlich, was das Bild verspricht: eine Welt, die älter, größer und geheimnisvoller wirkt als das, was Perry und Atlan bisher von ihr wissen.
„Planet der Mythen“ ist keine Folge, die mich mit Tempo oder großen Enthüllungen packt, sondern eine, die sich ihre Wirkung langsam erarbeitet. Nach dem enormen Schub des „Hyperschocks“ hätte man problemlos noch größer, lauter und hektischer werden können. Stattdessen setzt die Serie Perry und Atlan buchstäblich in den Schnee und zwingt sie, wieder Entdecker zu sein. Das gefällt mir sehr. Nicht jede Etappe ist gleich spannend, und nach drei stark auf Kantiran ausgerichteten Folgen fühlt sich sein vorläufiges Verschwinden wie ein kleiner Schnitt an. Dafür gewinnt der eigentliche Sternenozean endlich Gestalt. Lotho Keraetes Schweigen, der Absturz, Baikhal Cain, die Vay Shessod und die ersten Hinweise auf die Kybb-Cranar öffnen einen völlig neuen Teil des Universums, ohne ihn sofort zu erklären. Frank Böhmert und Siegfried Antonio Effenberger verdichten dafür die Romane „Die neuen Sonnen“ und „Planet der Mythen“ und nehmen sich dennoch Zeit für das Zusammenspiel der beiden Hauptfiguren. Folge 4 ist deshalb für mich weniger Höhepunkt als wichtiger Übergang: Die Serie verlässt die vertraute Milchstraße, tauscht Kantirans Fluchtgeschichte gegen klassische Expedition aus und legt die ersten Steine für den eigentlichen Jamondi-Handlungsbogen. Dass sie beinahe wie ein Kammerspiel im offenen Eis beginnt, macht sie innerhalb der ersten Staffel angenehm eigenständig.