Perry Rhodan: Sternenozean – 1. Der Sternenbastard

  • Perry Rhodan: Sternenozean – 1. Der Sternenbastard

    Nicht Perry Rhodan steht am Beginn des „Sternenozean“, sondern ein junger Mann, der seinen berühmten Vater noch nicht einmal kennt. Kantiran wächst auf dem abgelegenen Agrarplaneten Creiff im Kristallimperium auf und weiß nur, dass in ihm arkonidisches und terranisches Blut zusammenkommt. Seine dunklen Haare und blauen Augen machen ihn unter den weißhaarigen, rotäugigen Arkoniden sofort zum Außenseiter. Schon als Kind spürt er zudem, dass Tiere anders auf ihn reagieren als auf andere Menschen. Als die hochrangige Ascari da Vivo gemeinsam mit dem unheimlichen Shallowain auf Creiff auftaucht, beginnt sich sein Leben zu verändern. Wenig später wird Kantiran an die Elite-Kadettenschule Paragetha auf Arkon I gebracht, obwohl dort eigentlich nur der arkonidische Hochadel ausgebildet wird. Er muss sich gegen offene Verachtung und die ständige Frage behaupten, warum ausgerechnet ihm alle Türen geöffnet werden. Auf dem Markt von Shulukai begegnet er schließlich Thereme, einer jungen Kolonialarkonidin, bei der er zum ersten Mal das Gefühl hat, wirklich gesehen zu werden. Aus der Begegnung wächst eine Liebesgeschichte, während sich im Hintergrund immer deutlicher zeigt, dass jemand Kantirans Lebensweg schon seit Jahren lenkt. Die Folge endet dort, wo aus seinem Misstrauen endgültig eine persönliche Katastrophe wird: Thereme wird ermordet.

    Für einen Auftakt zu einem der größten Science-Fiction-Universen überhaupt finde ich „Der Sternenbastard“ erstaunlich klug gewählt. Statt den Hörer mit Perry Rhodan, Atlan, galaktischen Machtblöcken und Jahrzehnten Seriengeschichte zu erschlagen, konzentriert sich die Handlung zunächst auf eine Figur, die selbst nur Bruchstücke dieser Welt versteht. Genau dadurch kann man auch ohne tiefere „Perry Rhodan“-Kenntnisse relativ problemlos einsteigen. Begriffe wie Kristallimperium, Arkoniden, Terra, Paragetha oder ARK SUMMIA fallen zwar früh und reichlich, bekommen aber meistens aus Kantirans Perspektive einen unmittelbaren Sinn. Noch wichtiger ist für mich, dass die Folge emotional funktioniert, bevor sie kosmisch werden will. Kantiran ist kein fertiger Held, sondern ein junger Mann, der dazugehören möchte und gleichzeitig jeden Tag daran erinnert wird, dass er anders aussieht als die Menschen um ihn herum. Dass er ausgerechnet an einer Eliteeinrichtung aufgenommen wird, in der viele ihn für minderwertig halten, schafft sofort einen starken Konflikt. Man merkt früh, dass hinter dieser Sonderbehandlung keine Großzügigkeit steckt. Jemand investiert in Kantiran, jemand beobachtet ihn, jemand will etwas aus ihm machen. Dieses Gefühl zieht sich durch die komplette Folge und ist als Ausgangspunkt spannender als eine Einführung über den bereits legendären Perry Rhodan.

    Besonders gut funktioniert für mich die Verbindung zwischen Kantirans Außenseiterrolle und seiner Beziehung zu Thereme. Die Liebesgeschichte hat durchaus etwas sehr Romantisches, ist aber nicht bloß schmückendes Beiwerk. Thereme ist der erste Mensch, bei dem Kantiran seine arkonidische Umgebung nicht ständig als Prüfung empfinden muss. Gleichzeitig erkennt sie viel früher als er selbst, dass mit seinem Werdegang etwas nicht stimmt. Ein angeblicher „Sternenbastard“, der gesellschaftlich verachtet wird und trotzdem Zugang zu einer der höchsten militärischen Ausbildungsstätten des Imperiums erhält, passt schlicht nicht zusammen. Genau aus diesem Widerspruch zieht die Geschichte ihre Spannung. Ascari da Vivo und Shallowain schweben dabei wie zwei Schatten über Kantirans Leben. Ascari erscheint kultiviert, mächtig und beinahe fürsorglich, ohne je wirklich Wärme auszustrahlen. Shallowain ist das Gegenteil: körperliche Bedrohung, Disziplin und Einschüchterung. Dass die Folge nicht sofort erklärt, was beide mit Kantiran vorhaben, ist richtig. Stattdessen bekommt man kleine Hinweise, seltsame Privilegien und unangenehme Begegnungen. Auch seine besondere Nähe zu Tieren wird zunächst nicht als fertige Superkraft präsentiert, sondern als etwas, das er selbst kaum einordnen kann. Der Tod Theremes ist deshalb mehr als ein Cliffhanger. Er zerstört genau den einzigen sicheren Ort, den Kantiran sich in dieser fremden Gesellschaft geschaffen hat.

    Christian Stark trägt als Kantiran fast die komplette Folge und ist für mich eine sehr gute Wahl. Er gibt der Figur genügend jugendliche Unsicherheit, ohne sie naiv wirken zu lassen, und kann glaubhaft in Trotz, Wut und verletzten Stolz wechseln. Cathlen Gawlich macht Thereme zu einer warmen, lebendigen Figur und verhindert damit, dass sie nur als romantischer Auslöser für seine Entwicklung funktioniert. Daniela Hoffmann besitzt als Ascari da Vivo genau die elegante Kühle, die diese Frau braucht. Manfred Lehmann setzt Shallowain mit seiner markanten Stimme einen deutlich härteren Gegenpol entgegen. Besonders stark ist Joachim Höppner als Erzähler. Seine ruhige, schwere Stimme gibt der Geschichte sofort Größe und lässt selbst komplizierte Begriffe selbstverständlich klingen. Jürgen Kluckert als Mal Detair bekommt zunächst noch weniger Raum, setzt aber schon einen angenehm bodenständigen Kontrast zum aristokratischen Arkon-Milieu. Christian Rode, Norbert Langer, Norman Matt und David Turba ergänzen die starke Besetzung. Volker Lechtenbrink bleibt als Perry Rhodan noch eine Randfigur, doch allein seine Präsenz macht klar, dass Kantirans Geschichte irgendwann mit der großen Serienfigur kollidieren wird.

    Technisch setzt STIL bereits mit der ersten Folge ein Niveau, das auch heute noch beeindruckend klingt. Christian Hagitte und Simon Bertling inszenieren die Geschichte nicht wie eine Heftromanlesung mit ein paar Geräuschen, sondern wie großes Science-Fiction-Kino für die Ohren. Besonders die Musik macht einen gewaltigen Unterschied. Der eigens komponierte Score wurde teilweise mit dem Berliner Filmorchester unter Hagittes Leitung eingespielt und mit elektronischen Klängen und Effekten kombiniert. Dadurch entsteht ein Klang, der gleichzeitig monumental und futuristisch wirkt. Kadettenschule, Märkte, Gleiter und technische Anlagen besitzen eigene akustische Räume, während für die ruhigeren Szenen genügend Luft bleibt. Auch die Tierkontakte werden deutlich hervorgehoben, ohne in einen übertriebenen „Psi-Effekt“ zu kippen. Man hört, dass Lübbe Audio und STIL hier nicht nur eine weitere Lizenzproduktion starten wollten, sondern eine große Serie mit eigenem Klangbild. Einzig die Informationsmenge verlangt Aufmerksamkeit: Namen, Titel und arkonidische Begriffe kommen in hoher Frequenz. Höppners Erzählerführung hält diese dichte Welt zusammen. Als Bonus schließt die CD mit dem rund vierminütigen „Perry Rhodan Mix“ von Camouflages „Passing By“, der das futuristische Gesamtbild überraschend stimmig abrundet.

    Auch das Cover vermittelt sofort, dass hier kein kleines Hörspielprojekt gemeint ist. Die Gestaltung übernimmt das Motiv von Dirk Schulz aus Perry-Rhodan-Heft 2200 und taucht es in das konsequent blau-schwarze Erscheinungsbild der Hörspielreihe. Im Zentrum steht Kantiran, dunkelhaarig und mit einer Hand an der Stirn, fast wie jemand, der versucht, seine eigene Herkunft zu begreifen. Hinter ihm erhebt sich eine fremdartige Gestalt, während Sterne, eine planetare Landschaft und technische Elemente den Blick in eine wesentlich größere Welt öffnen. Über allem steht das silberne „Perry Rhodan“-Logo, darunter in breiten Versalien „Der Sternenbastard“. Mir gefällt besonders, dass das Bild nicht einfach Perry Rhodan selbst in den Mittelpunkt rückt. Stattdessen zeigt das Cover genau den jungen Mann, um den es geht. Die monochrome Farbgebung wirkt kühl, edel und ein wenig entrückt und passt damit hervorragend zum Kristallimperium. Gleichzeitig schafft der Aufbau sofort Wiedererkennbarkeit: Nummer oben rechts, Logo und Titel im oberen Bereich, darunter ein großflächiges Science-Fiction-Motiv. Dass dieselbe Bildidee bereits den Romanauftakt des Sternenozean-Zyklus prägte, verbindet Hörspiel und Vorlage sehr elegant miteinander. Das Titelbild von PR 2200 stammt ebenfalls von Dirk Schulz und zeigt Kantiran.

    „Der Sternenbastard“ ist für mich ein bemerkenswert sicherer Serienauftakt, gerade weil er Perry Rhodan nicht sofort als allwissenden Überhelden auf die Bühne stellt. Die Geschichte beginnt klein, persönlich und beinahe als Coming-of-Age-Drama innerhalb einer riesigen Space Opera. Kantiran muss mit Ausgrenzung, Ehrgeiz, Liebe, gesellschaftlicher Hierarchie und der Ahnung leben, dass seine Biografie nicht ihm selbst gehört. Dadurch entsteht ein Zugang zu diesem gewaltigen Universum, der auch für Hörer funktioniert, die nicht seit Jahrzehnten wissen, was ein Zellaktivator oder ein Hypersturm ist. Besonders stark finde ich, dass die Folge ihren Helden noch nicht über seine tatsächliche Abstammung definiert. Entscheidend ist zunächst, wie er mit einer Welt umgeht, die ihn gleichzeitig ablehnt und auffällig fördert. Die Antwort auf das Rätsel wird zurückgehalten und emotional vorbereitet. Theremes Tod bildet dafür einen harten Einschnitt und macht aus der Suche nach Identität plötzlich eine persönliche Abrechnung. Produktion, Musik und Besetzung geben dem Ganzen von Anfang an eine Größe, die für eine fortlaufende deutsche Science-Fiction-Hörspielserie 2006 alles andere als selbstverständlich war. Und weil die Geschichte des Heftromans PR 2200 auf die ersten beiden Hörspielfolgen verteilt wurde, endet dieser Auftakt genau im richtigen Moment: mit genügend Antworten für einen Einstieg, aber mit einem offenen Abgrund, der unmittelbar zu „Die Mascantin“ führt.

  • Ach schön, daß du diese Serie jetzt auch besprichst. Schon mehrere Durchläufe gemacht.

    Ich halte diese Serie tatsächlich für eine absolute Referenz in diesem Genre. Das Ganze ist so opulent und aufwendig umgesetzt, dass es einfach eine wahre Freude ist, die Figuren auf ihrem Weg zu begleiten. Ich kann deshalb auch gut verstehen, dass man da mehr als einen Durchlauf macht.

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