Die Holmes-Akten – 1. Der Bund der Rothaarigen

  • Die Holmes-Akten – 1. Der Bund der Rothaarigen

    Jabez Wilson versteht die Welt nicht mehr. Wegen seiner auffällig roten Haare wurde der Londoner Pfandleiher in einen geheimnisvollen Verein aufgenommen, dessen einzige Aufgabe darin bestand, gegen erstaunlich gute Bezahlung täglich mehrere Stunden die Encyclopaedia Britannica abzuschreiben. Doch plötzlich existiert der Bund der Rothaarigen nicht mehr. Wilson wendet sich an Sherlock Holmes und Dr. Watson, und für den Meisterdetektiv steht schnell fest, dass hinter der vermeintlichen Kuriosität erheblich mehr steckt. So weit ist Arthur Conan Doyles Geschichte bestens bekannt. „Die Holmes-Akten“ schlägt jedoch zusätzlich eine Brücke in die Gegenwart: Jessica Watson, eine Nachfahrin von Dr. Watson, hat alte Unterlagen ihres Vorfahren entdeckt und bespricht die Fälle gemeinsam mit ihrer Freundin Lina Miller in einem True-Crime-Podcast. Während der historische Fall abläuft, schalten sich die beiden immer wieder ein, hinterfragen Vorgehensweisen, ordnen Hinweise ein und betrachten Holmes' Ermittlungen aus heutiger Perspektive.

    Gerade dieser Ansatz macht den Auftakt interessant, denn noch eine vollkommen klassische Hörspieladaption von „Der Bund der Rothaarigen“ hätte es angesichts der zahlreichen bereits vorhandenen Holmes-Vertonungen vermutlich schwer gehabt, wirklich aus der Masse herauszustechen. Die Kombination aus Originalgeschichte und modernem Podcast ist dagegen tatsächlich einmal etwas anderes. Anfangs musste ich mich allerdings daran gewöhnen, dass die Handlung immer wieder verlassen wird. Gerade wenn man sich gedanklich im viktorianischen London eingerichtet hat und Holmes beginnt, die Zusammenhänge zu entschlüsseln, führt der Wechsel zu Jessica und Lina zwangsläufig zu einem kleinen Bruch. Nicht jede Unterbrechung hätte ich deshalb unbedingt gebraucht. Gleichzeitig funktioniert die Idee wesentlich besser, als ich zunächst erwartet hatte, weil die Rahmenhandlung nicht einfach irgendeine zusätzliche Geschichte erzählt. Die beiden Frauen beschäftigen sich tatsächlich mit dem Fall, greifen Indizien auf und beschäftigen sich mit Fragen, die einem beim Hören vielleicht selbst durch den Kopf gehen. Dadurch bekommt eine mehr als 130 Jahre alte Erzählung eine zusätzliche Ebene, ohne dass ihr eigentlicher Kern verändert werden muss.

    Auch die Umsetzung der Doyle-Geschichte gefällt mir. „Der Bund der Rothaarigen“ gehört ohnehin zu jenen Fällen, bei denen zunächst alles herrlich absurd erscheint. Ein Verein ausschließlich für rothaarige Männer, eine gut bezahlte Beschäftigung ohne erkennbaren Sinn und dann das plötzliche Verschwinden der gesamten Organisation – gerade diese vermeintliche Albernheit ist der perfekte Ausgangspunkt für Holmes, weil natürlich jedes noch so merkwürdige Detail einen Zweck besitzt. Die Bearbeitung lässt dem Rätsel genügend Raum und versucht nicht, aus der Vorlage künstlich einen hektischen Actionkrimi zu machen. Holmes beobachtet, kombiniert und erkennt Zusammenhänge, während Watson und der Hörer zunächst noch rätseln dürfen. Durch die Wechsel mit der Gegenwart entsteht allerdings eine andere Dramaturgie als bei einer durchgehend klassischen Bearbeitung. Mir gefällt die Idee grundsätzlich, ich würde mir für kommende Folgen aber wünschen, dass die Podcast-Einschübe immer genau dort gesetzt werden, wo sie den Fall ergänzen, und nicht dort, wo sie möglicherweise gerade aufgebaute Spannung wieder abbremsen.

    Bei der Besetzung hat man hörbar Wert darauf gelegt, dass Dialoge nicht nach einzeln aufgenommenen Sprechertexten klingen. Das kommt besonders der Beziehung zwischen Jessica und Lina zugute, denn ihre Gespräche sollen locker und spontan wirken und damit einen deutlichen Gegenpol zur viktorianischen Ebene bilden. Carolin Schmidt gibt Jessica eine neugierige, enthusiastische Art, die gut zur Grundidee einer jungen Frau passt, die plötzlich auf die Aufzeichnungen ihres berühmten Vorfahren stößt und daraus unbedingt etwas machen möchte. Insgesamt ist das Ensemble mit Lars Eichstaedt, Manuel Francescon, Fabian Krüger, Torsten Leiß, Jan Max Gepperth, Ulrike Dijoux, Pierre Enrico Busch, Jennifer Konhäuser, Wladislaw Sadovoy und Marvin Ziegele erfreulich breit aufgestellt. Vor allem gefällt mir, dass zwischen den beiden Zeitebenen auch spielerisch ein Unterschied entsteht: Die historischen Passagen dürfen klassischer wirken, während die Gespräche in der Gegenwart deutlich lockerer angelegt sind. Dass Dialogpartner bei den Aufnahmen teilweise tatsächlich gemeinsam in der Sprecherkabine standen, zahlt sich bei diesem Konzept aus.

    Akustisch wird dieser Gegensatz ebenfalls deutlich herausgearbeitet. Die viktorianische Welt bekommt mit Schritten, Kutschen, Türen, Kaminfeuer und unterschiedlichen Raumwirkungen genügend Atmosphäre, ohne dass die Geräuschkulisse permanent in den Vordergrund drängt. Gleichzeitig klingt die Podcast-Ebene bewusst anders und moderner. Gerade bei einem Hörspiel, das zwischen zwei Zeiten wechselt, ist diese klare akustische Trennung wichtig, weil man jederzeit wissen muss, auf welcher Ebene man sich gerade befindet. Charly Mondorf war nicht nur für Aufnahme, Schnitt und Nachbearbeitung zuständig, sondern hat auch die Musik komponiert. Das Ergebnis wirkt für eine erste Produktion dieses Studios erstaunlich sorgfältig und keineswegs wie ein kleines Amateurprojekt. Besonders angenehm finde ich, dass die Inszenierung nicht versucht, durch einen überladenen Klangteppich Größe vorzutäuschen. Die Geräusche werden gezielt eingesetzt und unterstützen die jeweilige Situation, während die Stimmen immer im Mittelpunkt bleiben.

    Interessant ist „Die Holmes-Akten“ vor allem deshalb, weil die Reihe nicht versucht, Holmes neu zu erfinden. Jan Max Gepperth hält sich bei den adaptierten Geschichten nach eigener Aussage möglichst eng an Doyle, hat die Texte jedoch neu übersetzt und die teilweise altertümliche Sprache vorsichtig an heutige Hörgewohnheiten angepasst. Drei der zunächst vier geplanten Folgen beruhen auf Originalgeschichten, während ein weiterer Fall neu geschrieben wurde. Das Podcast-Konzept liefert damit den eigentlichen modernen Anstrich, während Holmes selbst Holmes bleiben darf. Genau dieser Mittelweg gefällt mir. Viel zu häufig bedeutet Modernisierung bei klassischen Stoffen, dass Figuren, Handlung und Tonfall so stark verändert werden, dass vom Ursprung kaum etwas übrig bleibt. Hier findet die Modernisierung außerhalb der eigentlichen Geschichte statt. Man kann darüber diskutieren, ob man die zusätzlichen Einordnungen wirklich braucht, aber zumindest respektiert die Produktion ihre Vorlage. Dass die Reihe zunächst auf vier Folgen angelegt ist und monatlich fortgesetzt werden soll, macht zudem neugierig darauf, wie flexibel dieses Konzept bei anderen Holmes-Geschichten funktioniert.

    „Der Bund der Rothaarigen“ ist damit ein sympathischer und vor allem eigenständiger Einstieg in eine weitere Sherlock-Holmes-Reihe. Ausgerechnet in einem Bereich, in dem inzwischen beinahe jede nur denkbare Doyle-Geschichte mehrfach vertont wurde, gelingt es „Die Holmes-Akten“, tatsächlich eine eigene Idee mitzubringen. Die Mischung aus klassischem Kriminalhörspiel und modernem True-Crime-Podcast funktioniert für mich überwiegend gut, auch wenn die Einschübe von Jessica und Lina gelegentlich etwas den Fluss der eigentlichen Geschichte bremsen. Das lässt sich verschmerzen, weil sie nicht wie ein aufgesetztes Gimmick wirken, sondern erkennbar zum Gesamtkonzept gehören. Sprecher, Musik und Geräuschkulisse bilden dabei eine überraschend runde Einheit, und mit 54 Minuten wird der Fall weder unnötig ausgedehnt noch im Eiltempo abgehandelt. Vor allem aber macht diese erste Folge neugierig darauf, wie sich das Verhältnis zwischen historischen Holmes-Fällen und moderner Kommentierung weiterentwickelt. Noch eine Holmes-Serie braucht der Hörspielmarkt eigentlich wirklich nicht – eine, die versucht, mit dem bekannten Stoff etwas Eigenes anzufangen, darf dagegen gerne bleiben.

  • Danke für die Besprechung! Mir hat dieses Konzept, die Handlung durch Podcasts zu unterbrechen, auch gut gefallen. Das hatten wir so genau noch nicht, meine ich. Es gibt zwar andere Herangehensweisen wie die ganzen Stoffe als Podcast zu erzählen (engl. Projekt) oder die Folgen mit einer Einführung zu rahmen, wie bei Holysofts SH Legends Untold*, aber so wie hier, das hatten wir noch nicht.

    Mein Eindruck war insgesamt aber nicht ganz so positiv wie Deiner und das ist, da bin ich ehrlich, sehr subjektiv und eine dünne Gratwanderung: Für mich haben die meisten Sprecher zu sehr gespielt, da hätte ich mir einen kleinen Ticken mehr Natürlichkeit jeweils gewünscht. Das waren zwar hörbar auch Profis, aber so entstand zwischen meinen Ohren nie die Illusion, "echten" Menschen zuzuhören, was Sprecherinnen und Sprecher durchaus evozieren können. Vielleicht stört das aber auch nur mich.


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    * ist das eigentlich irgendwann einfach beerdigt worden bzw. vom Laster gefallen? Die letzten SH Legends Untold-Hörspiele hatten keine solche Einführung mehr, wenn ich richtig aufgepasst habe.

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