Der Kinderflüsterer (engl. The Whisper Man)
Regie: James Ashcroft
Hauptdarsteller: Adam Scott, Robert De Niro, Michelle Monaghan, Michael Keaton, Acston Luca Porto
Musik: Colin Stetson
Genre: Thriller
Produktion: Netflix, 2026
Story: Als der achtjährige Jake Kennedy entführt wird, bittet sein Vater Tom seinen entfremdeten Vater Peter Willis um Hilfe. Der pensionierte Polizist hatte vor Jahrzehnten den berüchtigten Serienmörder Frank Carter, den sogenannten „Kinderflüsterer“, verhaftet. Als sich Hinweise darauf ergeben, dass die aktuelle Entführung mit dem damaligen Fall zusammenhängen könnte, beginnt für Tom, Pete und die ermittelnde Polizistin Amanda Beck ein Wettlauf gegen die Zeit.
Ich muss ehrlich sagen: Ich hatte mich nach der Sichtung des ersteren Trailers sehr auf den Film gefreut, bin aber mit einer ziemlich geringen Erwartung an diesen Film gegangen. Im Vorfeld gab es einige eher durchschnittliche bis negative Kritiken, weshalb ich dann schon damit gerechnet habe, dass Der Kinderflüsterer wieder eine dieser eher seichten Netflix-Verfilmungen wird, die man nach zwei Tagen schon wieder vergessen hat.
Umso mehr hat es mich überrascht, dass ich tatsächlich fast zwei Stunden am Ball geblieben bin.
Natürlich bin ich irgendwann während des Films auf die Lösung gekommen, wer der Täter ist. Das hat für mich aber erstaunlicherweise nicht dazu geführt, dass die Spannung komplett raus war. Denn spätestens ab diesem Zeitpunkt ging es für mich weniger darum, wer hinter allem steckt, sondern vielmehr darum, ob sie seinen Sohn rechtzeitig finden und ob es gelingt, den Täter zu fassen. Und genau das hat für mich funktioniert.
Was den Film für mich aber besonders getragen hat, waren die zwischenmenschlichen Szenen. Gerade die Beziehung zwischen Tom und seinem Vater Pete funktioniert überraschend gut. Adam Scott und Robert De Niro spielen diese Vater-Sohn-Dynamik wirklich gut. Man merkt, dass hier jahrelang Dinge unausgesprochen geblieben sind und dass der eigentliche Konflikt teilweise viel stärker innerhalb der Familie liegt als in der eigentlichen Kriminalgeschichte.
Auch der Junge hat seine Rolle für mich wirklich überzeugend gespielt. Gerade bei einem Film, dessen Basis die zwischenmenschlichen Beziehungen und damit auch die Beziehung zwischen Vater und Sohn ist, hätte das auch schnell künstlich oder unglaubwürdig wirken können. Das war hier für mich aber überhaupt nicht der Fall, das "Zurechtkommen" nach dem Tod der Ehefrau/Mutter wirkt plausibel und emotional.
Generell fand ich den Film überraschend gut besetzt. Michelle Monaghan mag ich sowieso sehr gerne und auch hier hat sie für mich als Ermittlerin sehr gut funktioniert. Michael Keaton als „Kinderflüsterer“ war ebenfalls eine sehr gute Besetzung, seine "normale freundliche" Präsenz ist unangenehm, besonders wenn es umschlägt. Dadurch bleibt seine Figur trotz der vergleichsweise begrenzten Screentime im Kopf. Auch die weiteren Rollen sind für mich durchweg passend besetzt.
Auch die deutsche Synchronisation möchte ich kurz hervorheben. Christian Brückner als Robert DeNiro, Kim Hasper als Adam Scott, Gundi Eberhard als Michelle Monaghan, Joachim Tennstedt als Michael Keaton und Wanja Gisbertz als Jake Kennedy passen hervorragend zu den jeweiligen Rollen. Allen voran ist Christian Brückner als DeNiro aber immer wieder ein Genuss. Seine markante und ruhige Stimme passt für mich einfach perfekt zu DeNiro und verleiht auch dieser Rolle noch einmal eine besondere Präsenz.
Positiv überrascht hat mich die Inszenierung von James Ashcroft. Bisher hatte ich noch keinen Film des neuseeländischen Regisseurs gesehen. Vor allem die Bildsprache hat mir gefallen: düster, spannend und dramatisch, ohne dabei permanent auf billige Schockeffekte zu setzen. Der Film erzeugt dadurch eine Atmosphäre, die sehr gut zur Geschichte passt und die Gefahr spüren lässt.
Ein wesentlicher Bestandteil davon ist für mich auch die Musik. Die Filmmusik stammt von Jazzmusiker und Komponist Colin Stetson, der bereits die Soundtracks zu Hereditary und Rhe Menu komponierte und passt sehr gut zur gesamten Thematik. Sie erzeugt immer wieder eine unterschwellige Spannung und trägt viel dazu bei, dass bestimmte Szenen deutlich unheimlicher und intensiver wirken.
Trotzdem hätte der Film für mich stellenweise noch etwas düsterer sein dürfen. Gerade aus der Grundidee hätte man atmosphärisch meiner Meinung nach noch deutlich mehr herausholen können. Es gibt einige Momente, bei denen ich mir gewünscht hätte, dass der Film noch etwas stärker in diese unangenehme, bedrückende Richtung geht.
Was ich ebenfalls schade finde: Im Roman von Alex North spielt die Geschichte ursprünglich im englischen Featherbank. Für den Film wurde das Setting dagegen nach New Jersey verlegt. Ich hätte es tatsächlich interessanter gefunden, wenn man das englische Setting beibehalten hätte. Gerade die Atmosphäre hätte meiner Meinung nach davon noch mehr profitieren können.
Am Ende ist Der Kinderflüsterer für mich deshalb sicherlich kein überragend guter Film. Dafür hat die Geschichte dann doch einige Schwächen - sowohl auf dramaturgischer als auch erzählerischer Ebene - und auch die Auflösung ist irgendwann relativ vorhersehbar.
Aber: Es ist ein wirklich solider Thriller, bei dem man abends einen guten Filmabend haben kann. Die Geschichte bleibt spannend, die Schauspieler sind stark, die zwischenmenschlichen Momente funktionieren und gerade die Inszenierung und die Musik haben mich deutlich mehr überzeugt, als ich vorher erwartet hätte.
Von daher lande ich bei 4 von 5 Sternen.
Vielleicht ist das auch genau der Grund, warum mich der Film am Ende so positiv überrascht hat. Nach den letzten eher seichten und durchschnittlichen Netflix-Verfilmungen hatte ich eigentlich nicht mehr besonders viel erwartet. Der Kinderflüsterer ist sicher kein Meisterwerk – aber er hat mir gezeigt, dass Netflix durchaus noch Thriller produzieren kann, bei denen man nicht nach 30 Minuten nebenbei aufs Handy schaut.
Habt ihr den Film gesehen oder habt es vor? Haben euch die bisherigen Kritiken abgeschreckt? Ich freue mich auf eure Kommentare.