Hörgespinste: Hellweg - 3. Die Straße der Toten – Zukunft
Technik ist zu einem selbstverständlichen Bestandteil des menschlichen Lebens geworden. Fast jeder trägt sogenannte ERGs, Brillen, die Kommunikation ermöglichen und gleichzeitig die Wahrnehmung der Umgebung digital erweitern. Auch Stevie kennt ihren Alltag praktisch nicht anders. Das ändert sich schlagartig, als ihre ERGs zu Boden fallen und nicht mehr funktionieren. Plötzlich betrachtet sie ihre Umgebung ohne den gewohnten technischen Filter – und entdeckt eine Frau, die sie vorher niemals gesehen hat. Niemand sonst scheint die Fremde wahrzunehmen. Noch beunruhigender ist allerdings, dass diese Frau sehr wohl Stevie bemerkt. Von diesem Moment an taucht sie immer wieder auf und Stevie muss herausfinden, was sie dort eigentlich sieht und warum ausgerechnet sie plötzlich dazu in der Lage ist.
Von den drei Ausgangssituationen der Hellweg-Trilogie gefällt mir diese tatsächlich am besten. Katja Behnke verbindet das Übernatürliche diesmal mit einer Zukunft, die gar nicht vollkommen fremdartig erscheint. Gerade das macht die Idee für mich so wirkungsvoll. Die ERGs sind kein spektakuläres Science-Fiction-Gerät, sondern längst ein alltäglicher Bestandteil des Lebens geworden. Interessant wird es durch die Umkehrung unserer üblichen Vorstellung von Technik: Sie erweitert hier nicht einfach die menschliche Wahrnehmung. Ihr Ausfall eröffnet Stevie vielmehr einen Blick auf etwas, das die anderen Menschen offenbar überhaupt nicht mehr erkennen können. Damit bekommt die Geschichte einen Gedanken, der über das eigentliche Geistermotiv hinausgeht und mir ausgesprochen gut gefällt.
Besonders stark ist die Folge für mich immer dann, wenn Stevie selbst noch nicht begreift, was gerade mit ihr geschieht. Die unbekannte Frau braucht dafür zunächst gar nicht viel zu tun. Allein ihre Anwesenheit reicht aus, weil Stevie mit dieser Wahrnehmung vollkommen allein ist. Daraus entsteht eine schöne Unsicherheit, die hervorragend zum Mysterycharakter der Trilogie passt. Mit ungefähr anderthalb Stunden nimmt sich allerdings auch dieser Teil wieder reichlich Zeit. Nicht jede Passage benötigt für mich diese Ausführlichkeit und etwas mehr Konzentration hätte die Bedrohung stellenweise noch verstärken können. Trotzdem funktioniert die Dramaturgie besser, als wenn man die futuristische Welt lediglich kurz erklären und anschließend eine Gruselszene an die nächste hängen würde. Gerade weil diese Zukunft zunächst alltäglich wirken darf, bekommt das Ungewöhnliche später wesentlich mehr Gewicht.
Lara Schmidt steht als Stevie im Zentrum und muss entsprechend einen großen Teil der Geschichte tragen. Das gelingt ihr für mich gut. Besonders wichtig ist dabei, dass Stevie auf ihre Erlebnisse glaubwürdig reagiert, ohne permanent in Angst und Panik zu verfallen. Stefan H. A. Meichsner, Constanze Buttmann, Dagmar Bittner, Daniela Gotta, Matthias Kupfer, Claudia Schmidt, Katja Behnke, Klaus Brandhorst und die weiteren Beteiligten ergeben insgesamt ein Ensemble, das auf mich ausgeglichener wirkt als noch beim Beginn der Trilogie. Einzelne Gespräche könnten weiterhin etwas spontaner und natürlicher klingen, doch insgesamt werde ich davon diesmal wesentlich weniger abgelenkt. Vor allem Stevies zunehmende Isolation funktioniert dadurch gut: Sie erlebt etwas unmittelbar vor ihren Augen, während ihre Umgebung überhaupt nicht versteht, wovon sie spricht.
Akustisch besitzt gerade diese Geschichte enormes Potential. Schließlich geht es um zwei unterschiedliche Arten, dieselbe Wirklichkeit wahrzunehmen. Die Produktion widersteht dabei erfreulicherweise der Versuchung, ihre Zukunft mit einem permanenten Gewitter aus elektronischen Geräuschen auszustatten. Dadurch bleibt die Welt vertraut genug, um als mögliche Weiterentwicklung unserer Gegenwart durchzugehen. Musik und Sounddesign konzentrieren sich stärker darauf, die geheimnisvolle Seite der Handlung zu unterstützen. Gerade die Auftritte der unbekannten Frau profitieren von dieser Zurückhaltung. Gleichzeitig hätte ich mir aber gewünscht, dass der Unterschied zwischen dem Blick durch die ERGs und der unverfälschten Wahrnehmung akustisch noch deutlicher hörbar wird. Hier hätte man mit Klang und räumlicher Wirkung noch stärker spielen können. Atmosphärisch funktioniert das Hörspiel trotzdem gut.
Das Cover ist für mich das auffälligste der drei Motive und bleibt gleichzeitig sofort als Teil der Trilogie erkennbar. Wieder führt der Waldweg auf den gewaltigen Totenschädel zu, diesmal allerdings in einer kalten blau-schwarzen Farbgebung. Links steht eine geisterhafte Frau, deren weit geöffneter Mund und verzerrte Erscheinung dem Motiv eine wesentlich aggressivere Horrorwirkung verleihen. Den entscheidenden Bezug zur Zukunft stellen die ERGs rechts unten her. Gerade dieser Gegensatz gefällt mir: Auf der einen Seite steht hochentwickelte Technik, auf der anderen etwas Totenhaftes, das offenbar außerhalb ihrer Wahrnehmung existiert. Damit bringt das Cover den zentralen Konflikt der Geschichte ziemlich genau auf den Punkt. Zusammen mit den unterschiedlich eingefärbten Motiven von „Vergangenheit“ und „Gegenwart“ ergibt sich außerdem eine schöne optische Einheit der gesamten Trilogie.
„Die Straße der Toten – Zukunft“ ist für mich der stärkste und zugleich interessanteste Teil der Hellweg-Trilogie. Vor allem die Verbindung von technischer Entwicklung und übernatürlicher Wahrnehmung hebt diese Geschichte für mich von den beiden Vorgängern ab. Die Vorstellung, dass eine Gesellschaft ihre Umwelt nur noch durch eine digitale Ebene betrachtet und dadurch möglicherweise gerade das übersieht, was tatsächlich vorhanden ist, funktioniert hervorragend. Ganz ohne Schwächen kommt auch der Abschluss nicht aus: Etwas weniger Laufzeit hätte der Spannung gutgetan und akustisch hätte man die beiden Wahrnehmungsebenen noch deutlicher voneinander trennen können. Dafür gefallen mir Stevie, die unheimliche Grundidee und die insgesamt ausgeglichenere Sprecherleistung sehr gut. Rückblickend finde ich außerdem das Konzept der gesamten Trilogie gelungen, weil „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“ nicht einfach dreimal dieselbe Geschichte erzählen. Jede Folge entwickelt einen eigenen Zugang zum Hellweg und zur Welt der Toten. Und ausgerechnet der Blick in die Zukunft hinterlässt bei mir am Ende den unangenehmsten Gedanken: Vielleicht müssen wir uns irgendwann gar nicht fragen, was wir mithilfe unserer Technik zusätzlich sehen können – sondern was sie längst vor unseren Augen verborgen hält.