Hörgespinste: Hellweg - 2. Die Straße der Toten – Gegenwart
Am Heiligenbrunner Stausee häufen sich Vorfälle, die sich nicht ohne Weiteres erklären lassen. Menschen geraten beim Baden in Schwierigkeiten, aus dem Wasser sollen seltsame Geräusche kommen und schließlich berichtet sogar jemand davon, von einer Hand in die Tiefe gezogen worden zu sein. Schnell entstehen die unterschiedlichsten Theorien darüber, was sich im See befinden könnte. Auch Niklas Deters von einer Umweltinitiative gerät dabei ins Blickfeld. Die Journalisten Adrian Bartsch und Karen Vobach beginnen, den Ereignissen nachzugehen und versuchen, zwischen Gerüchten und Tatsachen zu unterscheiden. Ihre Recherche führt sie schließlich dorthin, wo vermutlich niemand freiwillig nach Antworten suchen möchte: unter die Wasseroberfläche. Was dort verborgen liegt, verändert die gesamte Bedeutung der bisherigen Ereignisse.
Nach „Vergangenheit“ hatte ich durchaus Erwartungen an den zweiten Teil, und „Gegenwart“ gefällt mir tatsächlich noch etwas besser. Dabei finde ich besonders gelungen, dass Katja Behnke nicht einfach dort weitermacht, wo die erste Geschichte aufgehört hat. Neue Figuren und ein komplett anderer Schauplatz geben diesem Teil zunächst eine erstaunliche Eigenständigkeit. Der Stausee funktioniert dabei hervorragend. Wasser kann schon allein deshalb unheimlich sein, weil man an seiner Oberfläche steht und praktisch nichts von dem sieht, was wenige Meter darunter geschieht. Die Geschichte nutzt genau diese Unsicherheit und lässt zunächst verschiedene Möglichkeiten offen. Gerade am Anfang konnte ich deshalb wunderbar darüber rätseln, ob hinter den Vorfällen überhaupt etwas Übernatürliches steckt.
Mit Adrian und Karen bekommt die Handlung zusätzlich einen interessanten Ermittlungsansatz. Ihre journalistische Arbeit sorgt dafür, dass Informationen nach und nach zusammengetragen werden und sich das anfängliche Bild immer wieder verändert. Das funktioniert für mich besonders deshalb gut, weil die Geschichte ihre erste Erklärung nicht einfach zur endgültigen Wahrheit erklärt. Was zunächst wie eine klassische Geschichte über ein unbekanntes Wesen im Wasser erscheinen könnte, entwickelt sich in eine andere Richtung. Spätestens die Entdeckung auf dem Grund des Stausees gibt dem Ganzen noch einmal eine deutlich düsterere Färbung. Mit rund 70 Minuten besitzt diese Folge außerdem für mich die passendere Länge. Wo der erste Teil zwischendurch etwas an Tempo verlor, bleibt „Gegenwart“ konzentrierter und bringt die Handlung stetiger voran. Lediglich beim eigentlichen Horror hätte ich mir erneut etwas mehr gewünscht.
Auch beim Ensemble empfinde ich die zweite Folge als etwas gleichmäßiger. David Brey, Katja Behnke, Dagmar Bittner, Aiga Kornemann, Horst Kurth, Carolin-Therese Wolff, Kilian Brandhorst, Claus Vester, Marc Itrich, Werner Wilkening und Matthias Ubert bilden eine umfangreiche Besetzung, die den vielen Figuren genügend unterschiedliche Stimmen gibt. Nicht jeder Dialog erreicht für mich dieselbe Natürlichkeit, und gelegentlich höre ich noch etwas stärker den eingesprochenen Text heraus, als mir lieb ist. Insgesamt hat mich das diesmal aber weniger gestört. Gerade in den späteren, gefährlicheren Situationen funktioniert das Zusammenspiel gut und die zunehmende Anspannung wird von den Beteiligten überzeugend vermittelt.
Der Stausee bietet der technischen Umsetzung natürlich ganz andere Möglichkeiten als die Schauplätze von „Vergangenheit“, und genau davon profitiert das Hörspiel. Wassergeräusche können hier sowohl vollkommen alltäglich als auch ausgesprochen unangenehm wirken, weil man nie sofort weiß, wodurch sie verursacht werden. Besonders diese akustische Ungewissheit gefällt mir. Sobald sich das Geschehen unter die Oberfläche verlagert, hätte die Produktion für meinen Geschmack allerdings noch mutiger werden können. Eine Unterwasserszene kann allein durch Atem, eingeschränkte Wahrnehmung und schwer lokalisierbare Geräusche enorm beklemmend werden. Ansätze davon sind vorhanden, aber ich glaube, dass hier noch wesentlich mehr möglich gewesen wäre. Trotzdem wirkt die gesamte Inszenierung diesmal auf mich fokussierter und unterstützt die Geschichte sehr ordentlich.
Das Cover gefällt mir diesmal richtig gut und besitzt eine deutlich unheimliche Wirkung. Wie schon bei „Vergangenheit“ führt ein schmaler Weg durch einen dunklen Wald direkt auf einen riesigen Totenschädel zu, der beinahe mit der Umgebung verschmilzt. Dadurch bleibt das zentrale Motiv der Trilogie erhalten und sorgt sofort für Wiedererkennung. Die grünliche Farbgebung unterscheidet „Gegenwart“ gleichzeitig klar vom bräunlichen ersten Teil. Rechts steht eine bleiche, geisterhafte Gestalt, während Fahrrad und Fahrradhelm im Vordergrund ganz alltägliche Elemente in diese unwirkliche Szenerie bringen. Gerade dieser Gegensatz gefällt mir: Hier treffen normale Gegenwart und Totenwelt unmittelbar aufeinander. Interessant ist allerdings, dass der für die Handlung so wichtige Stausee auf dem Cover überhaupt keine erkennbare Rolle spielt. Als Darstellung des übergeordneten Hellweg-Konzepts funktioniert das Motiv für mich trotzdem hervorragend und wirkt schön düster und bedrohlich.
„Die Straße der Toten – Gegenwart“ ist für mich eine Steigerung gegenüber „Vergangenheit“ und macht das Konzept der Hellweg-Trilogie gleichzeitig noch interessanter. Die kürzere Laufzeit bekommt der Geschichte gut, der Stausee ist ein starker Schauplatz und die journalistischen Nachforschungen geben diesem Teil eine ganz andere Dynamik als seinem Vorgänger. Besonders gefällt mir, dass aus dem zunächst recht einfach wirkenden Geheimnis nach und nach etwas Größeres entsteht. Bei den Sprechern sehe ich ebenfalls eine Verbesserung, auch wenn einzelne Dialoge noch etwas natürlicher klingen dürften. Mein größter Wunsch bleibt erneut mehr Konsequenz beim Grusel, denn gerade dieser Schauplatz hätte noch einige wirklich unangenehme Momente vertragen können. Insgesamt hat mich Teil 2 aber gut unterhalten und vor allem eines geschafft: Das Prinzip hinter „Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“ beginnt für mich immer mehr aufzugehen. Damit bin ich jetzt umso neugieriger, wie der dritte Teil die verschiedenen Fäden schließlich zusammenführt.