Die Brixton Boys - 3. Das Wrack der São Gabriel
Ein Archäologe verschwindet während eines Tauchgangs und hinterlässt zunächst mehr Fragen als Antworten. Sein Ziel war ein Schiffswrack, bei dem es sich möglicherweise um die legendäre São Gabriel handeln könnte, mit der Vasco da Gama einst unterwegs war. Für Josh, Hank und Jeff ist damit natürlich sofort ein neuer Fall gefunden. Die drei Brüder beginnen nachzuforschen und stoßen bald auf Ungereimtheiten rund um das Wrack und das Verschwinden des Archäologen. Als schließlich sogar ein Anschlag auf sie verübt wird, steht fest, dass hinter der Sache wesentlich mehr steckt als ein missglückter Tauchgang. Doch was ist tatsächlich mit dem Archäologen passiert und warum ist dieses jahrhundertealte Schiffswrack plötzlich für bestimmte Personen so wichtig?
Nach dem für mich deutlich stärkeren „Der venezianische Spiegel“ hatte ich gehofft, dass die Serie diesen Weg weitergeht. Ganz erreicht Folge 3 dieses Niveau für mich leider nicht. Dabei gefällt mir das Thema eigentlich sehr gut. Ein verschollener Archäologe, ein möglicherweise historisch bedeutendes Wrack und die Frage, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen beidem gibt, bieten eine schöne Grundlage für einen Jugendkrimi mit Abenteuercharakter. Auch die maritime Umgebung bringt Abwechslung in die Serie. Besonders am Anfang macht die Geschichte durchaus neugierig darauf, was unter Wasser entdeckt wurde und welches Geheimnis sich dahinter verbirgt.
Im weiteren Verlauf habe ich allerdings zunehmend Schwierigkeiten mit der Konstruktion des Falls. Einige Entscheidungen der beteiligten Personen erscheinen mir angesichts dessen, was sie erreichen wollen, unnötig umständlich, während an anderer Stelle erstaunlich sorglos gehandelt wird. Auch das Verschwinden des Archäologen hätte für mein Empfinden wesentlich größere Konsequenzen auslösen müssen. Später kommen weitere Punkte hinzu, bei denen mir die Erklärungen nicht immer ausreichen, um die Ereignisse wirklich glaubwürdig erscheinen zu lassen. Die Auflösung ist zwar nachvollziehbar aufgebaut, benötigt am Ende aber sehr viele Erklärungen. Dadurch bekommt das Finale etwas von einer ausführlichen Rekonstruktion des gesamten Falls, anstatt die Lösung stärker aus den vorherigen Ereignissen heraus entstehen zu lassen. Trotzdem bleibt die Geschichte über ihre 55 Minuten gut hörbar und hat durchaus einzelne spannende Momente. Ein Totalausfall ist die Folge für mich deshalb keineswegs – der Fall hätte nur an einigen Stellen etwas sorgfältiger konstruiert sein dürfen.
Bei Josh, Hank und Jeff zeigt sich allerdings weiterhin das Problem, das mich seit Beginn der Serie begleitet. Ich bekomme die drei Brüder noch immer nicht so deutlich voneinander getrennt, wie ich es bei Hauptfiguren einer solchen Reihe gerne hätte. Das betrifft nicht allein die Stimmen von Henning Nöhren, Benjamin Kiesewetter und Vincent Borko. Mir fehlen vor allem unterschiedliche Persönlichkeiten, Interessen oder Verhaltensweisen, anhand derer jeder Bruder ein eigenes Profil entwickeln könnte. Weil sie meistens gemeinsam unterwegs sind, ergeben sich außerdem kaum Situationen, in denen einer von ihnen einmal allein bestehen und dadurch stärker charakterisiert werden kann. Einer übernimmt zwar deutlich häufiger die Führung, aber die beiden anderen bleiben für mich noch zu sehr im Hintergrund. Sprecherisch kann ich den drei dagegen keinen Vorwurf machen. Auch Dennis Schmidt-Foss, Dietmar Wunder und Natascha Geisler sorgen für eine insgesamt sehr gute Besetzung.
Akustisch gehört „Das Wrack der São Gabriel“ für mich eindeutig zu den stärkeren Seiten der Serie. Gerade die Szenen rund um das Meer und die verschiedenen Schauplätze funktionieren atmosphärisch gut und vermitteln ein ordentliches Gefühl für das Abenteuer. Geräusche und Musik begleiten die Handlung wirkungsvoll, ohne die Dialoge zu überdecken. Auch die gefährlicheren Situationen bekommen genügend Dynamik. Hier zeigt sich erneut, dass die Produktion handwerklich auf einem überzeugenden Niveau liegt. Selbst wenn mich die Geschichte diesmal weniger mitnimmt, klingt das Hörspiel jederzeit professionell und sorgt zumindest akustisch dafür, dass man sich die jeweiligen Orte gut vorstellen kann.
Das Cover ist diesmal deutlich spektakulärer als das der vorherigen Folge. Im Mittelpunkt steht ein großes historisches Segelschiff auf aufgewühlter See, während hinter ihm ein beinahe feurig wirkender Himmel leuchtet. Die kräftigen Blau-, Orange- und Rottöne geben dem Motiv eine enorme Dynamik. Als Abenteuercover gefällt mir das ausgesprochen gut und der Bezug zur Geschichte ist natürlich sofort vorhanden. Interessant ist allerdings, dass das Bild eher die São Gabriel in voller Fahrt zeigt als das titelgebende Wrack. Ein halb versunkenes Schiff oder eine geheimnisvolle Unterwasserszene hätte den eigentlichen Fall vielleicht noch genauer getroffen. Rein optisch ist das Cover aber sehr gelungen und fügt sich durch das bekannte dunkelblaue Grundlayout und den orangefarbenen Schriftzug hervorragend in die Serie ein.
„Das Wrack der São Gabriel“ ist für mich nach der gelungenen zweiten Folge leider wieder ein kleiner Schritt zurück. Die maritime Ausgangslage gefällt mir, das Geheimnis um das verschwundene Wrack besitzt Potential und auch einige Szenen funktionieren richtig gut. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto häufiger muss ich allerdings über die Logik einzelner Entwicklungen hinwegsehen, und die ausführliche Erklärung am Ende kann das für mich nur teilweise auffangen. Noch schwerer wiegt auf Dauer, dass Josh, Hank und Jeff weiterhin zu wenig eigene Konturen besitzen. Nach drei Folgen würde ich die drei inzwischen gerne deutlich besser kennen und unmittelbar unterscheiden können. Sprecher und Inszenierung überzeugen dagegen erneut und verhindern auch, dass die Folge bei mir wirklich durchfällt. Insgesamt durchaus hörbare Jugendkrimi-Unterhaltung, nur hatte ich nach Folge 2 gehofft, dass mich die Brixton Boys diesmal noch ein Stück weiter für sich gewinnen würden. Das ist leider nicht ganz gelungen.