Ghostly Tales & Creepy Stories - 11. Der Ghul
Eine familiäre Nachricht führt das Reporterehepaar Cox nach Tunesien. Ein entfernter Verwandter ist dort unter rätselhaften Umständen ums Leben gekommen, und schon bald stoßen die beiden auf eine Erklärung, die zunächst kaum ernst zu nehmen scheint. Hinter dem Tod soll eine Kreatur stecken, die man eigentlich eher in alten Legenden vermuten würde: ein Ghul. Diese Wesen ernähren sich von menschlichen Leichen und können darüber hinaus ihre äußere Erscheinung verändern. Für die beiden Reporter bleibt es allerdings nicht lange bei Geschichten und Vermutungen. Ihre Suche nach Antworten führt sie immer tiefer in eine Welt, in der die alten Überlieferungen plötzlich erschreckend real erscheinen. Spätestens in den Katakomben von Sousse müssen sie feststellen, dass sie es tatsächlich mit einer Gefahr zu tun haben, gegen die journalistische Neugier allein nicht mehr viel ausrichten kann.
Mit Ghulen als zentralen Kreaturen konnte man mich zunächst nicht unbedingt sofort begeistern. Umso interessanter fand ich, dass die Geschichte dieses Wesen nicht einfach als bekannt voraussetzt, sondern zunächst vermittelt, was sich überhaupt dahinter verbirgt. Auch Tunesien ist als Schauplatz eine schöne Abwechslung und gibt der Folge eine ganz eigene Note. Die fremde Umgebung, alte Legenden und die unterirdischen Anlagen von Sousse passen grundsätzlich hervorragend zusammen. Daraus entwickelt sich eine Geschichte, der ich gerne gefolgt bin und die genügend Abwechslung bietet. Mein Problem liegt weniger in dem, was erzählt wird, sondern vielmehr darin, welche Stimmung dabei entsteht.
Denn wirklich unheimlich fand ich „Der Ghul“ nur selten. Für mich bewegt sich die Geschichte überwiegend zwischen Nachforschungen und klassischem Abenteuer, während der Horror eher als zusätzliche Zutat funktioniert. Gerade das Finale unter der Erde hätte wesentlich beklemmender werden können. Noch stärker stört mich allerdings die Art, wie häufig der Erzähler eingreift. Immer wieder werden selbst kleine Vorgänge sprachlich beschrieben, obwohl sie sich innerhalb eines Hörspiels problemlos spielen oder akustisch vermitteln ließen. Manche dieser Passagen sind ausgesprochen kurz, sodass sich ein ständiger Wechsel zwischen gespielter Szene und erklärendem Text ergibt. Das nimmt mir immer wieder den unmittelbaren Zugang zum Geschehen. Ich möchte solche Situationen lieber miterleben, anstatt anschließend oder zwischendurch gesagt zu bekommen, was gerade geschieht.
An Dietmar Wunder selbst liegt das ausdrücklich nicht. Seine markante Stimme funktioniert auch hier ausgezeichnet und er trägt seine Passagen souverän vor. Gerade deshalb wäre für mich ein sparsamerer Einsatz sogar wirkungsvoller gewesen. Auch Frank Schaff, Sven Brieger, Julia Bautz, Beate Gerlach, Marko Bräutigam und die weiteren Beteiligten sorgen für ein überzeugendes Ensemble. Besonders gerne habe ich diesmal Timmo Niesner gehört. Seine Stimme besitzt für mich einen sehr angenehmen Klang und er schafft es schnell, einer Figur Präsenz zu geben. Ich könnte ihn mir problemlos in deutlich mehr Hörspielproduktionen vorstellen. Insgesamt ist die Sprecherseite deshalb einer der stärksten Punkte dieser Folge.
Auch handwerklich macht die Produktion vieles richtig. Die unterschiedlichen Schauplätze lassen sich gut voneinander unterscheiden und die Geräuschkulisse vermittelt ein ordentliches Gefühl für die jeweilige Umgebung. Musik und Effekte werden passend eingesetzt und begleiten das Abenteuer wirkungsvoll. Trotzdem hätte gerade der Aufenthalt in den Katakomben akustisch noch wesentlich intensiver ausfallen dürfen. Dunkle unterirdische Räume und Kreaturen, deren Fähigkeiten man zunächst kaum einschätzen kann, bieten eigentlich ideale Möglichkeiten, den Hörer über den Klang zu verunsichern. Diese Chance wird für meinen Geschmack nur teilweise genutzt. Alles klingt professionell, aber eben nicht so bedrohlich, wie es bei diesem Stoff möglich gewesen wäre.
Das Cover geht einen sehr direkten Weg und stellt den Ghul unübersehbar ins Zentrum. Die riesige blauhäutige Kreatur mit ihren spitzen Zähnen und der martialischen Erscheinung besitzt durchaus Wirkung, gleichzeitig nimmt sie dem Motiv aber auch einen Teil seines Geheimnisses. Mir wäre eine zurückhaltendere Darstellung wahrscheinlich lieber gewesen, bei der man das Wesen zunächst nur teilweise erkennt. Hinzu kommen zahlreiche Details und kräftige Farben, wodurch das Bild insgesamt ziemlich voll wirkt. Inhaltlich passt es zweifellos zur Folge und innerhalb der Reihe besitzt es einen hohen Wiedererkennungswert, optisch gehört es für mich aber nicht unbedingt zu deren stärksten Motiven.
„Der Ghul“ landet für mich am Ende im Mittelfeld von „Ghostly Tales & Creepy Stories“. Die Geschichte ist abwechslungsreich, Tunesien bietet einen unverbrauchten Schauplatz und auch die Idee hinter den Kreaturen wird verständlich eingeführt. Trotzdem fehlt mir genau das, was ich mir von einer solchen Geschichte am meisten wünsche: eine Atmosphäre, bei der man irgendwann tatsächlich ein ungutes Gefühl bekommt. Stattdessen steht das Abenteuer deutlich stärker im Vordergrund. Dazu kommt der für meinen Geschmack übermäßige Einsatz des Erzählers, der den Ablauf immer wieder unnötig unterbricht. Sprecher und Produktion können überzeugen und insbesondere Timmo Niesner ist mir sehr angenehm im Gedächtnis geblieben. Schlecht ist die Folge deshalb keineswegs – nur als Gruselgeschichte hat sie mich nicht wirklich erreicht.