Die Morde des Herrn ABC

  • Die Morde des Herrn ABC

    Ein geheimnisvoller Brief bringt Hercule Poirot auf die Spur eines Mörders, der seine Verbrechen offenbar nach einem ebenso einfachen wie perfiden System begeht: Orte und Opfer folgen dem Alphabet. Zunächst wird Alice Ascher in Andover ermordet, anschließend trifft es Betty Barnard und schließlich den wohlhabenden Carmichael Clarke. Vor jeder Tat kündigt sich der Täter bei Poirot an und macht aus der Mordserie damit beinahe ein persönliches Duell. Gemeinsam mit Captain Hastings versucht Poirot herauszufinden, was die Opfer miteinander verbindet und warum ausgerechnet er zum Adressaten der Briefe gemacht wurde. Während Polizei und Öffentlichkeit zunehmend unter Druck geraten, wächst die Zahl möglicher Verdächtiger. Und dann ist da noch der merkwürdige Mr. Cust, dessen Reise durch England auffallend viele Berührungspunkte mit den Tatorten besitzt.

    Agatha Christie hat mit diesem Roman einen ihrer ungewöhnlicheren Poirot-Fälle geschrieben, denn zunächst sieht alles eher nach der Jagd auf einen Serienmörder als nach ihrem klassischen Krimimuster aus. Genau das gefällt mir auch an dieser Geschichte ausgesprochen gut. Das Alphabet scheint dem Täter einen festen Fahrplan vorzugeben und vermittelt gleichzeitig das unangenehme Gefühl, dass weitere Morde praktisch schon feststehen. Trotzdem bleibt Christie natürlich Christie: Entscheidend ist weniger die Frage, wie der Täter zuschlägt, sondern was tatsächlich hinter der scheinbar so offensichtlichen Konstruktion steckt. Wer die Geschichte noch nicht kennt, bekommt deshalb reichlich Gelegenheit zum Miträtseln – und ebenso reichlich Gelegenheit, sich auf eine falsche Fährte locken zu lassen.

    Mit knapp fünf Stunden nimmt sich die Hörspielfassung erfreulich viel Zeit für den Fall. Die einzelnen Opfer bleiben nicht bloß Stationen einer Mordserie, sondern bekommen ihr eigenes Umfeld mit Angehörigen, Verdächtigen und möglichen Motiven. Dadurch wächst das Puzzle Stück für Stück, ohne dass man von einer Actionszene zur nächsten hetzt. Besonders gelungen finde ich das Spiel mit Mr. Cust, weil man als Hörer immer wieder glaubt, bereits genügend zu wissen, während Poirot längst an ganz anderen Details interessiert ist. Lediglich an einigen Stellen hätte ich mir etwas mehr Ruhe für seine Schlussfolgerungen gewünscht. Durch die konsequente Dramatisierung werden manche Informationen schneller abgehandelt, als es einer reinen Lesung möglich wäre. Dem eigentlichen Rätsel schadet das für mich aber kaum – und gerade die Auflösung zeigt wieder wunderbar, warum Christie ihre Leser und Hörer so zuverlässig an der Nase herumführen konnte.

    Rufus Beck ist als Hercule Poirot natürlich die zentrale Stimme und für mich eine hervorragende Besetzung. Er macht aus Poirots Eigenheiten keine bloße Karikatur, sondern gibt ihm Selbstbewusstsein, Eitelkeit, Humor und vor allem diese enorme geistige Wachsamkeit. Auch der französisch gefärbte Akzent funktioniert für mich sehr gut und gehört nach kurzer Zeit vollkommen zur Figur. Malick Bauer bildet als Captain Hastings einen schönen Gegenpol und sorgt dafür, dass die Gespräche zwischen den beiden tatsächlich wie die Unterhaltungen zweier sehr unterschiedlicher, aber miteinander vertrauter Menschen wirken. Auch die zahlreichen Nebenrollen sind überzeugend besetzt. Gerade bei einer Geschichte mit derart vielen Verdächtigen ist das wichtig, denn die Figuren müssen allein über ihre Stimmen schnell unterscheidbar werden – und das gelingt hier weitgehend sehr gut.

    Technisch fährt Audible einiges auf. Es handelt sich eindeutig um ein vollwertiges Hörspiel und nicht um ein Hörbuch, dem lediglich ein paar Geräusche hinzugefügt wurden. Bahnhöfe, Straßen, Innenräume und die verschiedenen Schauplätze bekommen eine akustische Tiefe, die das England der Geschichte sehr lebendig werden lässt. Dazu kommen Musik und eine räumliche Dolby-Atmos-Abmischung, die besonders über Kopfhörer ihre Wirkung entfaltet. An manchen Stellen ist mir die Inszenierung allerdings beinahe etwas zu ehrgeizig. Vor allem bestimmte hohe Töne und das wiederkehrende Pfeifen können unangenehm auffallen, und gelegentlich drängen sich Musik und Effekte stärker in den Vordergrund, als es der Szene eigentlich guttut. Ich kann deshalb durchaus verstehen, warum gerade dieser Punkt die Hörermeinungen spaltet. Mich hat es insgesamt jedoch nicht so stark gestört, dass es den positiven Eindruck der Produktion entscheidend schmälert.

    Das Cover gefällt mir ebenfalls, weil es nicht versucht, den Krimi mit einer konkreten Szene zu bebildern. Die Gestaltung setzt vielmehr auf die Verbindung aus klassischer Krimiästhetik und dem zentralen ABC-Motiv. Dadurch erkennt man sofort, worum sich dieser Fall dreht, ohne bereits etwas über Täter oder Auflösung preiszugeben. Gleichzeitig wirkt die Gestaltung passend zu Agatha Christie und Poirot, ohne einfach nur nostalgisch auszusehen. Für eine moderne Audible-Produktion eines beinahe neunzig Jahre alten Stoffes ist das für mich genau der richtige Mittelweg.

    Für mich ist „Die Morde des Herrn ABC“ eine ausgesprochen gelungene Hörspieladaption eines der bekanntesten Poirot-Fälle. Die Geschichte funktioniert auch heute noch hervorragend, weil Christie hinter der vermeintlich simplen Alphabetidee ein wesentlich raffinierteres Rätsel versteckt. Rufus Beck und Malick Bauer tragen die Produktion souverän, der große Cast sorgt für Leben und die aufwendige akustische Umsetzung macht daraus echtes Kopfkino. Beim Sounddesign hätte etwas weniger an einigen Stellen sogar mehr sein können, doch das bleibt für mich der einzige nennenswerte Schwachpunkt. Nach den knapp fünf Stunden hätte ich jedenfalls sofort Lust auf den nächsten Poirot-Fall in genau dieser Besetzung – und von diesen aufwendig produzierten Christie-Hörspielen darf Audible für meinen Geschmack sehr gerne noch einige nachlegen.

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