• Flugangst 7A

    Psychiater Mats Krüger leidet ausgerechnet unter panischer Flugangst. Trotzdem steigt er in Buenos Aires in ein Flugzeug nach Berlin, denn seine hochschwangere Tochter Nele braucht ihn. Kaum befindet er sich an Bord, verwandelt sich der ohnehin schon schwierige Flug für ihn in einen Albtraum. Nele wurde entführt, und ihre Entführer stellen Mats vor eine kaum vorstellbare Aufgabe: Unter den Passagieren befindet sich eine ehemalige Patientin von ihm, deren gefährliche psychische Impulse er einst erfolgreich behandeln konnte. Nun soll er genau das rückgängig machen und die Frau so manipulieren, dass sie das Flugzeug zum Absturz bringt. Nur wenn die Maschine vom Radar verschwindet, soll seine Tochter überleben.

    Sebastian Fitzek konstruiert damit wieder einmal eine Ausgangslage, bei der man sich zunächst fragt, wie das überhaupt funktionieren soll. Und ja, „Flugangst 7A“ ist ziemlich konstruiert. Die Zufälle, Verbindungen und Enthüllungen werden mit zunehmender Laufzeit immer größer, und wer bei einem Thriller vor allem auf größtmögliche Wahrscheinlichkeit Wert legt, dürfte irgendwann die Stirn runzeln. Mich hat das allerdings wesentlich weniger gestört, denn Fitzek nutzt dieses Szenario vor allem als Ausgangspunkt für ein psychologisches Katz-und-Maus-Spiel. Besonders gut funktioniert dabei der Schauplatz. Ein Flugzeug ist ohnehin ein Ort, an dem sämtliche Fluchtmöglichkeiten fehlen. Für einen Mann mit massiver Flugangst wird daraus eine Falle, aus der es weder körperlich noch psychisch ein Entkommen gibt.

    Die Geschichte legt anschließend ein enormes Tempo vor und verschachtelt mehrere Bedrohungen miteinander. Mats muss seine eigene Angst kontrollieren, gleichzeitig seine Tochter retten und herausfinden, wer hinter der Erpressung steckt, während er gezwungen wird, seine Fähigkeiten als Psychiater auf eine Weise einzusetzen, die allem widerspricht, wofür seine Arbeit eigentlich steht. Gerade dieser moralische Konflikt gefällt mir. Natürlich werden die Schrauben dabei typisch Fitzek immer weiter angezogen, bis kaum noch etwas so ist, wie es zunächst erschien. Manche Wendung ist bewusst überzogen, andere funktioniert erstaunlich gut, und insbesondere eine spätere Enthüllung hat mich tatsächlich kalt erwischt. Mit 6 Stunden und 28 Minuten ist das Ganze zudem erfreulich kompakt und verliert sich trotz der vielen Figuren und Handlungsfäden nur selten.

    Simon Jäger ist für mich auch hier wieder eine Bank. Seine Stimme ist inzwischen derart eng mit Fitzeks Geschichten verbunden, dass sie fast schon dazugehört, und er schafft es ausgezeichnet, Mats zwischen Angst, Verzweiflung und zunehmendem Kontrollverlust zu vermitteln. Gleichzeitig lebt diese Fassung gerade davon, dass sie eben kein gewöhnliches Hörbuch ist. Sinje Irslinger und die weiteren Sprecher sorgen dafür, dass aus den Dialogen echte Szenen entstehen und die verschiedenen Figuren deutlich voneinander unterscheidbar bleiben. Bei einem Stoff mit so vielen emotionalen Extremsituationen besteht schnell die Gefahr des Overactings, doch insgesamt funktioniert die Besetzung für mich ausgesprochen gut.

    Technisch ist „Flugangst 7A“ eine ausgesprochen aufwendige Produktion. Die Geräuschkulisse eines Flugzeugs, Stimmen, Durchsagen, Musik und zahlreiche kleinere akustische Details erzeugen eine permanente Grundanspannung. Dazu kommt der orchestrale Soundtrack, der das Geschehen teilweise beinahe in Richtung Kinothriller schiebt. Gelegentlich ist mir die Inszenierung fast schon etwas zu vollgepackt, weil Musik und Effekte sehr präsent sind. Gleichzeitig ist genau diese akustische Wucht ein wesentlicher Teil des Konzepts. Gerade in den dramatischen Szenen entsteht dadurch ein enormes Kopfkino, das eine normale Lesung so kaum erreichen könnte.

    Das Cover setzt dagegen auf eine erfreulich einfache Idee. Zu sehen ist ein angeschnallter Passagier im Flugzeug, wobei die verkrampfte Hand sofort vermittelt, dass hier jemand alles andere als entspannt unterwegs ist. Mehr braucht es eigentlich nicht. Die dunklen Blau- und Schwarztöne und der angedeutete Blitz vor dem Fenster verstärken das Gefühl der Bedrohung. Besonders auffällig ist natürlich der Schriftzug „FLUG7ANGST“, bei dem die rote „7A“ direkt in den Titel integriert wurde. Zusammen mit Sebastian Fitzeks Namen und dem Hinweis auf die ungekürzte Hörspielfassung ist das sicherlich kein besonders geheimnisvolles Cover, bringt das zentrale Thema aber auf Anhieb auf den Punkt.

    „Flugangst 7A“ ist für mich genau die Art von Fitzek-Thriller, bei der man sich auf die Konstruktion einlassen muss, um richtig Spaß daran zu haben. Realistisch ist vieles daran sicherlich nicht, aber spannend ist es allemal. Die klaustrophobische Ausgangslage, der moralische Konflikt, zahlreiche Wendungen und die Frage, wem Mats überhaupt noch vertrauen kann, haben mich über weite Strecken gepackt. Als Hörspiel gewinnt die Geschichte durch Simon Jäger, das starke Ensemble und die ausgesprochen filmische Inszenierung zusätzlich. Manchmal ist mir akustisch und dramaturgisch fast etwas zu viel los, doch Langeweile kommt dafür praktisch keine auf. Und wenn ein Thriller nach mehr als sechs Stunden mit einer Wendung aufwartet, die mich tatsächlich noch überraschen kann, hat er für mich schon einiges richtig gemacht.

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