Hörgespinste - 19. Last Christmas
Tim Arbogast trägt seit seiner Kindheit ein Trauma mit sich herum: Ausgerechnet am Weihnachtstag wurden seine Eltern ermordet, und jedes Jahr bringt ihn die Wiederkehr dieses Datums erneut aus dem seelischen Gleichgewicht. Als er aus einer psychiatrischen Klinik entkommt, beginnt andernorts für fünf Jugendliche ein Weihnachtsausflug, der eigentlich gemütlich werden soll. Sie haben sich in einer abgelegenen Waldhütte einquartiert, doch aus der besinnlichen Feier wird schnell ein Albtraum. Ein erster Mord geschieht, bei dem eine Lichterkette auf ausgesprochen makabre Weise zweckentfremdet wird. Bald ist klar, dass jemand Weihnachten auf seine ganz eigene, tödliche Art begeht.
Weihnachtshörspiele müssen ja nun wirklich nicht immer heimelig sein, und „Last Christmas“ liefert dafür einen ziemlich schönen Gegenentwurf. Hajo Bremer bedient sich unverkennbar beim klassischen Slasherfilm und verlegt dessen bekannte Zutaten in die Weihnachtszeit. Abgelegene Hütte, eine Gruppe junger Leute, ein entflohener Psychiatriepatient und ein Killer mit einer ausgesprochen ungesunden Beziehung zum Fest der Liebe – besonders subtil ist das alles nicht. Muss es für mich aber auch gar nicht sein. Gerade weil die Geschichte gar nicht erst versucht, aus ihrem Vorbild ein Geheimnis zu machen, entwickelt sie einen herrlich fiesen Charme. Wer Weihnachtskitsch lieber mit einer ordentlichen Portion Blut serviert bekommt, ist hier jedenfalls richtig.
Die Handlung erfindet das Genre zwar nicht neu, funktioniert für mich innerhalb dieses Rahmens aber ausgesprochen gut. Einige Entwicklungen lassen sich durchaus früh erahnen, doch das hat meinen Spaß kaum geschmälert. Im Gegenteil: Dieses Spiel mit vertrauten Horrormotiven gehört für mich ein Stück weit zum Vergnügen. Dazu kommt die Weihnachtskulisse, die einen wunderbaren Kontrast zum Geschehen bildet. Gerade aus Lichterketten, Weihnachtsmusik und vermeintlicher Festtagsidylle entsteht eine zunehmend unangenehme Atmosphäre. Ein paar zusätzliche makabre Weihnachtsideen bei den Morden hätte ich durchaus genommen – bei Zuckerstangen, Christbaumkugeln und Plätzchen wäre schließlich noch einiges möglich gewesen. Dafür zieht die Geschichte zum Ende hin noch einmal ordentlich die Schrauben an und serviert einen Abschluss, der mir besonders wegen seiner Gemeinheit gefallen hat.
Auch bei den Sprechern bin ich insgesamt deutlich auf der positiven Seite. Annika Rotvogel, Ben Engel, Ben Hofmann, Björn Diethelmson, Christiane Werk, Henrike Toennes, Julia Roebke, Robert Braun, Roman Klein, Sabine Lorenz, Sara Wegner und Stefan Müller-Doriat sorgen dafür, dass die Geschichte lebendig bleibt und die Figuren innerhalb der kurzen Spielzeit schnell Konturen bekommen. Sicherlich erreicht nicht jede Nebenrolle dasselbe Niveau, und gerade die Szene in der Klinik wirkt für mich schauspielerisch etwas schwächer als der Rest. Das bleibt allerdings eine Ausnahme. Insgesamt funktioniert das Ensemble gut und trägt sowohl die ruhigeren Momente als auch die späteren Horrorszenen überzeugend.
Akustisch gefällt mir die Produktion von Pandoras Play sogar besonders gut. Geräusche und Musik erzeugen eine schön unbehagliche Weihnachtsstimmung, ohne dass das Hörspiel dafür permanent mit der großen Effektschlacht arbeiten müsste. Einen besonderen Treffer landet die Produktion mit „It Was a Blue Christmas in Maple Hobbs“. Das Lied passt nicht nur hervorragend zur Atmosphäre, sondern greift die Geschichte auf eine originelle Weise auf und bleibt nach dem eigentlichen Hörspiel noch im Kopf. Fast könnte man deshalb meinen, „Blue Christmas“ wäre ebenfalls ein ziemlich passender Titel gewesen. Gerade diese Verbindung aus vertrauten weihnachtlichen Klängen und düsterem Horror gibt der rund einstündigen Produktion einen eigenen Charakter.
Das Cover macht unmissverständlich klar, welche Sorte Weihnachten hier gefeiert wird. Im Zentrum sitzt die Gestalt mit Gasmaske und Weihnachtsmütze in einem überladen geschmückten Weihnachtsbaum, umgeben von Kugeln, Kerzen, Zuckerstangen und Geschenken. Die warmen Weihnachtsfarben treffen auf Totenschädel, Spinnen und den eisig-blauen Rahmen und ergeben damit genau jene Mischung aus Festtagsstimmung und Horror, die auch das Hörspiel bestimmt. Besonders die Gasmaske ist ein starker Blickfang. Das Ganze ist bewusst plakativ und ein wenig trashig, passt dadurch aber hervorragend zur Slasher-Ausrichtung der Geschichte.
„Last Christmas“ ist für mich ein schön schauriges und stellenweise herrlich fieses Weihnachtshörspiel, das gar nicht versucht, den klassischen Slasher neu zu erfinden. Stattdessen nimmt es dessen vertraute Zutaten und macht daraus eine kurzweilige Weihnachtsvariation mit schwarzem Humor, einigen deftigen Momenten und einem besonders gelungenen Schluss. Dass manche Wendung vorhersehbar ist, stört mich dabei wesentlich weniger, als man vielleicht erwarten könnte, denn Atmosphäre und Inszenierung gleichen das locker aus. Die Sprecher gefallen mir bis auf kleinere Ausnahmen ebenfalls, und mit „It Was a Blue Christmas in Maple Hobbs“ bekommt das Ganze noch ein musikalisches Sahnehäubchen der etwas anderen Art. Vielleicht war es trotzdem ganz gut, dass ich dieses Hörspiel nicht gerade am Heiligabend gehört habe.