Fingerhut-Sommer – Die magischen Fälle des Peter Grant 5

  • Fingerhut-Sommer – Die magischen Fälle des Peter Grant 5

    Nach den dramatischen Ereignissen des letzten Falls führt es Peter Grant diesmal weit weg von seinem gewohnten London. In der Kleinstadt Leominster in Herefordshire sind zwei elfjährige Mädchen verschwunden, und bestimmte Auffälligkeiten lassen eine magische Beteiligung zumindest möglich erscheinen. Peter unterstützt die örtlichen Ermittlungen und arbeitet dabei unter anderem mit dem Polizisten Dominic Croft zusammen. Auch Beverley Brook ist bald an seiner Seite. Was zunächst wie eine Entführung erscheint, entwickelt sich zunehmend zu einem Fall voller merkwürdiger Spuren, lokaler Geschichten und übernatürlicher Zusammenhänge. Gleichzeitig beschäftigen Peter weiterhin der Verrat und das Verschwinden von Lesley May. Dass sie offenbar erstaunlich genau darüber Bescheid weiß, womit er sich auf dem Land beschäftigt, macht die Situation nicht angenehmer. Und auch über Nightingales Vergangenheit kommen Dinge ans Licht, die Peter seinen Mentor noch einmal mit anderen Augen betrachten lassen.

    „Fingerhut-Sommer“ ist für mich gerade deshalb eine interessante Fortsetzung, weil Ben Aaronovitch nach vier stark von London geprägten Geschichten einen deutlichen Ortswechsel wagt. Die Großstadt war bisher weit mehr als eine Kulisse und gehörte praktisch zur Identität der Serie. Plötzlich findet sich Peter zwischen kleinen Ortschaften, Feldern, Wäldern und einer vollkommen anderen Form des Polizeialltags wieder. Das verändert auch die Atmosphäre des fünften Falls spürbar. Gleichzeitig muss die Geschichte die Folgen des ausgesprochen einschneidenden Endes von „Der böse Ort“ verarbeiten. Peter macht weiter, aber Lesleys Verrat lässt sich nicht einfach beiseiteschieben. Gerade diese Mischung aus einem weitgehend eigenständigen neuen Fall und der fortlaufenden Serienhandlung gefällt mir. Mit 10 Stunden und 8 Minuten bleibt die Produktion erneut sehr umfangreich, und auch diesmal sollte man sich darauf einlassen, dass Aaronovitch gerne Umwege nimmt. Nach vier Vorgängern gehört diese ausführliche Erzählweise für mich allerdings längst zum Charakter der Reihe.

    Der Vermisstenfall sorgt zunächst für einen ernsteren Grundton als viele der bisherigen Ermittlungen. Zwei verschwundene Kinder lassen wenig Raum für Peters übliche Gelassenheit, trotzdem verliert die Geschichte ihren Humor nicht. Besonders interessant finde ich, wie Peter seine Erfahrungen mit Magie in eine ländliche Umgebung übertragen muss, deren Eigenheiten er selbst erst kennenlernen muss. UFO-Geschichten, regionale Legenden, merkwürdige Bewohner und zunehmend fantastische Entdeckungen führen die Ermittlungen immer weiter von einem gewöhnlichen Kriminalfall weg. Beverley Brook passt dabei überraschend gut in diese neue Umgebung und bringt zusätzlich Bewegung in Peters Privatleben. Gleichzeitig erfährt man mehr über Nightingales Vergangenheit, wodurch auch die Mythologie der Reihe erweitert wird. Nicht jede Abschweifung ist für den eigentlichen Fall unbedingt notwendig, doch gerade diese vielen kleinen Details lassen Aaronovitchs Welt so eigenständig wirken. Das Finale fällt für meinen Geschmack allerdings etwas plötzlich aus. Nach dem ausführlichen Aufbau werden einige Entwicklungen sehr schnell abgehandelt, während andere Fragen bewusst offenbleiben. Dadurch wirkt der Abschluss weniger rund als der Weg dorthin. Trotzdem gefällt mir der Fall ausgesprochen gut, weil er Peter aus seiner vertrauten Umgebung herausnimmt und zeigt, dass die magische Welt dieser Serie keineswegs an der Londoner Stadtgrenze endet.

    Leonard Hohm bleibt für mich die Idealbesetzung für Peter Grant. Nach inzwischen fünf Produktionen hat er die Figur so verinnerlicht, dass selbst kleine ironische Bemerkungen vollkommen selbstverständlich klingen. Gleichzeitig bekommt Peter nach den Ereignissen mit Lesley eine verletzlichere Seite, ohne dass Hohm daraus plötzlich eine völlig andere Figur macht. Genau diese Balance gefällt mir. Das übrige Ensemble bewegt sich ebenfalls wieder auf sehr hohem Niveau, und gerade die neuen Figuren aus Herefordshire sorgen dafür, dass sich auch akustisch ein deutlicher Abstand zu London ergibt. Maximilian Laprell als Thomas Nightingale ist diesmal zwar weniger präsent, seine Figur gewinnt durch die neuen Informationen über ihre Vergangenheit aber trotzdem an Tiefe. Sehr gut funktioniert außerdem das Zusammenspiel zwischen Peter und Beverley, weil ihre Beziehung inzwischen eine ganz eigene Dynamik entwickelt hat. Insgesamt wirken die Dialoge erneut ausgesprochen natürlich, und selbst die zahlreichen Nebenfiguren lassen sich gut auseinanderhalten. Die Kontinuität der Besetzung ist mittlerweile ein enormer Vorteil dieser Hörspielreihe.

    Auch technisch bleibt „Fingerhut-Sommer“ auf dem hohen Niveau der bisherigen Audible-Produktionen, klingt aufgrund des Ortswechsels aber angenehm anders. Statt Großstadtverkehr, U-Bahn-Schächten und dichtem Londoner Straßenlärm dominieren diesmal ländliche Umgebungen, Natur und kleinere Ortschaften. Dadurch bekommt die Folge ein offeneres Klangbild, ohne dass die für die Reihe typische Detailfülle verloren geht. Geräusche und räumliche Atmosphäre sorgen wieder dafür, dass man sich die Schauplätze sehr leicht vorstellen kann. Auch die magischen Momente werden wirkungsvoll hervorgehoben, ohne akustisch vollkommen aus der übrigen Welt herauszufallen. Die Musik wird erneut recht großzügig eingesetzt, ist für mich diesmal aber besser in die Gesamtmischung integriert als beim Vorgänger. Vereinzelt hätte es trotzdem etwas weniger sein dürfen. Insgesamt funktioniert die Verbindung aus Erzählpassagen, Dialogen, Musik und Geräuschkulisse wieder hervorragend und macht deutlich, warum ich gerade diese ungekürzten Hörspielfassungen so reizvoll finde.

    Schon die violette Farbgebung unterscheidet „Fingerhut-Sommer“ deutlich von seinen Vorgängern und gibt dem fünften Teil eine ganz eigene Identität. Trotzdem bleibt das bekannte Serienkonzept erhalten: London mit Tower Bridge und London Eye bildet den Hintergrund, darüber liegt die stilisierte Karte der Stadt und im Zentrum befindet sich wieder die dunkle Silhouette Peter Grants. Diesmal ist darin jedoch ein ländlich wirkendes Gebäude mit Bäumen zu sehen, wodurch der Ortswechsel der Geschichte aufgegriffen wird. Gerade diesen Kontrast finde ich gelungen: London bleibt als Peters Heimat und als visuelle Identität der Reihe präsent, während das Motiv innerhalb seiner Silhouette bereits signalisiert, dass dieser Fall an einen ganz anderen Ort führt. Der große weiße Schriftzug dominiert erneut die obere Hälfte des Covers und hebt sich hervorragend vom kräftigen Violett ab. Insgesamt ein schlichtes, aber sehr stimmiges Motiv, das sich klar in die Reihe einfügt und gleichzeitig genügend Eigenständigkeit besitzt.

    „Fingerhut-Sommer“ ist für mich eine sehr gelungene Abwechslung innerhalb der Peter-Grant-Reihe. Nach vier Fällen in London tut der Ausflug aufs Land der Serie richtig gut, weil sich dadurch nicht nur die Schauplätze, sondern auch die Atmosphäre und teilweise sogar die Art der Ermittlungen verändern. Besonders gefällt mir, dass die Geschichte trotzdem nicht wie ein eingeschobenes Einzelabenteuer wirkt. Lesleys Verrat ist weiterhin präsent, Nightingales Vergangenheit wird weiter ausgeleuchtet und Peters persönliche Entwicklung geht konsequent weiter. Der eigentliche Vermisstenfall verbindet klassische Polizeiarbeit wieder mit zunehmend fantastischen Ideen und zeigt, wie viel größer die magische Welt außerhalb Londons noch sein könnte. Lediglich das Ende kommt mir nach dem langen Aufbau etwas zu schnell und lässt einige Dinge zurück, über die ich gerne noch mehr erfahren hätte. Leonard Hohm und das gesamte Ensemble sind dagegen erneut hervorragend, und auch technisch gehört die Produktion wieder zum Besten, was diese Reihe zu bieten hat. Nach fünf Teilen hat sich das Konzept für mich keineswegs abgenutzt – im Gegenteil: Gerade der Ortswechsel zeigt, wie viele Möglichkeiten Peter Grants Welt noch bereithält. Umso bedauerlicher ist es, dass „Fingerhut-Sommer“ zugleich der bislang letzte Teil ist, der in dieser aufwendigen Hörspielfassung umgesetzt wurde – gerade weil die Reihe an diesem Punkt noch längst nicht auserzählt ist.

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