Der böse Ort – Die magischen Fälle des Peter Grant 4

  • Der böse Ort – Die magischen Fälle des Peter Grant 4

    Ein zunächst unspektakulär wirkender Autounfall führt Peter Grant auf die Spur eines weitaus größeren Zusammenhangs. Im Mittelpunkt steht der Skygarden Tower, ein heruntergekommener Wohnblock im Süden Londons, der schon äußerlich alles andere als einladend wirkt. Gleichzeitig taucht ein gestohlenes Buch aus der magischen „Weißen Bibliothek“ in Weimar auf, und auch der Architekt des Gebäudes scheint mehr mit den Ereignissen zu tun zu haben, als zunächst vermutet. Peter und Lesley ziehen schließlich undercover in eine der Wohnungen des Towers, um den rätselhaften Vorgängen direkt vor Ort nachzugehen. Schnell wird klar, dass in dem Gebäude nicht nur soziale Spannungen und sehr eigenwillige Bewohner aufeinandertreffen. Etwas an diesem Ort zieht Gewalt und dunkle Kräfte geradezu an – und Peter muss herausfinden, warum.

    Nach drei Folgen ist die Welt von Peter Grant längst etabliert, und „Der böse Ort“ kann deshalb stärker als zuvor auf die übergeordnete Geschichte der Reihe setzen. Für mich ist das einer der großen Vorzüge dieses vierten Falls. Die einzelnen Abenteuer stehen zwar weiterhin für sich, gleichzeitig spürt man aber immer deutlicher, dass sich im Hintergrund etwas Größeres entwickelt. Figuren, Ereignisse und offene Fragen aus den vorherigen Teilen bekommen zunehmend Bedeutung. Besonders die Geschichte um den geheimnisvollen Schwarzmagier rückt stärker in den Mittelpunkt. Trotzdem bleibt sich Ben Aaronovitch stilistisch treu: Polizeiarbeit, Magie, Londoner Architektur, trockener Humor und teils sehr skurrile Situationen werden wieder miteinander vermischt. Mit 9 Stunden und 34 Minuten ist auch diese Folge ausgesprochen umfangreich, wirkt auf mich aber erstaunlich geschlossen. Vorwissen sollte man inzwischen allerdings unbedingt mitbringen, denn gerade die Entwicklungen rund um Peter und Lesley entfalten ihre Wirkung nur dann vollständig.

    Der Skygarden Tower ist für mich einer der interessantesten Schauplätze der bisherigen Reihe. Schon die Idee, einen riesigen brutalistischen Wohnblock beinahe wie eine eigene Figur zu behandeln, funktioniert hervorragend. Je länger Peter und Lesley dort ermitteln, desto stärker entsteht das Gefühl, dass mit diesem Gebäude grundsätzlich etwas nicht stimmt. Gleichzeitig bleiben die Bewohner keine bloße Hintergrundkulisse. Künstler, Dealer, Nachbarn und allerlei andere Figuren sorgen dafür, dass sich innerhalb des Towers eine kleine eigene Welt entwickelt. Besonders gut gefällt mir wieder, dass Peter seine Fälle nicht einfach durch Zauberei löst. Es wird beobachtet, befragt, recherchiert und kombiniert, bevor die magischen Zusammenhänge allmählich sichtbar werden. Die Geschichte nimmt sich dafür viel Zeit, verliert für mich aber deutlich seltener den roten Faden als manche der vorherigen Folgen. Gleichzeitig entwickelt sich die Beziehung zwischen Peter und Lesley weiter, was diesem Teil eine zusätzliche persönliche Ebene gibt. Gerade zum Ende hin zieht die Handlung massiv an und führt einige Fäden zusammen, die weit über diesen einzelnen Fall hinausreichen. Ohne etwas vorwegzunehmen: Die letzten Entwicklungen haben es wirklich in sich und verändern die Ausgangslage für die gesamte Reihe deutlich. Für mich gehört „Der böse Ort“ deshalb nicht nur wegen des eigentlichen Falls, sondern vor allem wegen seiner Konsequenzen zu den bislang wichtigsten Folgen.

    Leonard Hohm ist auch im vierten Teil wieder ein großartiger Peter Grant. Inzwischen sitzt die Figur bei ihm vollkommen, und gerade die Mischung aus trockenem Humor, Neugier und gelegentlicher Selbstüberschätzung wirkt sehr natürlich. Gleichzeitig bekommt Peter diesmal einige deutlich ernstere Momente, die Hohm ebenso überzeugend spielt. Besonders wichtig ist erneut Lesley, deren Rolle innerhalb der Geschichte weiter wächst. Das Zusammenspiel zwischen beiden funktioniert ausgesprochen gut, weil ihre Beziehung längst über eine einfache Kollegenebene hinausgeht und viele unausgesprochene Dinge mitschwingen. Auch die zahlreichen Bewohner des Skygarden Towers bekommen durch die unterschiedlichen Stimmen schnell eigene Persönlichkeiten. Gerade bei einem Hörspiel mit so vielen Figuren ist das entscheidend, denn trotz der großen Besetzung hatte ich kaum Schwierigkeiten, die Charaktere auseinanderzuhalten. Insgesamt bleibt die Sprecherleistung für mich auf dem gewohnt hohen Niveau der Reihe und sorgt erneut dafür, dass selbst längere Dialog- und Ermittlungsszenen lebendig bleiben.

    Technisch ist „Der böse Ort“ erneut sehr aufwendig produziert, wobei die Klangkulisse diesmal auffälliger eingesetzt wird als in den vorherigen Teilen. Der Skygarden Tower lebt akustisch von Stimmen hinter Wänden, Verkehrsgeräuschen, Treppenhäusern, Wohnungen, Außenbereichen und zahlreichen kleinen Hintergrunddetails. Dadurch entsteht schnell das Gefühl eines dicht bewohnten Gebäudes, in dem ständig irgendwo etwas passiert. Gleichzeitig wird die Musik häufiger eingesetzt und rückt teilweise deutlich in den Vordergrund. Mich stört das grundsätzlich nicht, weil sie viel zur leicht unruhigen und bedrohlichen Atmosphäre beiträgt. An einigen Stellen hätte ich mir allerdings etwas mehr Zurückhaltung gewünscht, denn manche musikalischen Flächen und Geräusche liegen recht präsent unter den Dialogen. Insgesamt überwiegt für mich dennoch klar der positive Eindruck. Besonders im Finale zeigt die Produktion wieder, wie gut Geräusche, Musik und Sprecher zusammenspielen können. Die Mischung aus erzählten Passagen und voll ausgespielten Szenen bleibt außerdem eine der großen Stärken dieser Audible-Fassungen.

    Das Cover setzt das bekannte Grundkonzept der Reihe fort, verändert die Farbgebung diesmal aber deutlich. Statt Grün- oder Blautönen dominiert ein kräftiges Orangebraun, wodurch sofort eine wärmere, gleichzeitig aber auch bedrohlichere Stimmung entsteht. Im Hintergrund erkennt man erneut die Londoner Skyline mit Tower Bridge und London Eye, darüber liegt wie gewohnt die stilisierte Stadtkarte. Im Zentrum steht diesmal die dunkle Silhouette eines Mannes, in die der Skygarden Tower selbst integriert ist. Genau das finde ich besonders gelungen, weil das Gebäude dadurch unmittelbar zum eigentlichen Mittelpunkt der Geschichte wird. Der Wohnblock wirkt fast wie etwas, das Peter verschluckt oder in sich hineinzieht. Der große weiße Titel „Der böse Ort“ liegt klar darüber und passt sehr gut zu der düsteren Bildidee. Für mich eines der stärkeren Cover der Reihe, weil es nicht nur London als Schauplatz zeigt, sondern den zentralen Ort der Handlung tatsächlich zum visuellen Hauptmotiv macht.

    „Der böse Ort“ ist für mich bisher einer der stärksten Teile der Peter-Grant-Reihe. Der eigentliche Fall funktioniert hervorragend, weil der Skygarden Tower als Schauplatz eine ganz eigene Atmosphäre entwickelt und sich Kriminalhandlung und Magie besonders sauber miteinander verbinden. Gleichzeitig merkt man deutlich, dass Ben Aaronovitch inzwischen nicht mehr nur einzelne Fälle erzählt, sondern eine größere Geschichte aufbaut. Gerade die Entwicklungen rund um Lesley und den geheimnisvollen Schwarzmagier sorgen dafür, dass dieser vierte Teil weitreichendere Konsequenzen besitzt als seine Vorgänger. Dazu kommen wieder der typische trockene Humor, zahlreiche skurrile Figuren und eine London-Darstellung, die inzwischen beinahe selbst zum Hauptcharakter der Reihe geworden ist. Leonard Hohm und das Ensemble überzeugen erneut, auch wenn die musikalische Untermalung diesmal stellenweise etwas zu präsent ausfällt. Das schmälert den Gesamteindruck für mich aber kaum. Vor allem das Finale hebt die Geschichte noch einmal auf eine andere Ebene und endet an einem Punkt, an dem man eigentlich sofort wissen möchte, wie es weitergeht. Genau so muss für mich eine fortlaufende Serie funktionieren.

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