Jan-Erik Fjell - Finsterherz (Buchkritik)

  • Jan-Erik Fjell – Finsterherz

    Mit Finsterherz geht die Reihe um Anton Brekke bereits in ihren neunten Fall – und diesmal steht der ehemalige Kommissar an einem Punkt, an dem er eigentlich gar nicht mehr ermitteln dürfte. Nach den traumatischen Ereignissen der vergangenen Monate hat Anton den Polizeidienst hinter sich gelassen und versucht irgendwie herauszufinden, wie sein Leben ohne Marke und Dienststelle aussehen soll. Dass ihm das alles andere als leichtfällt, merkt man sehr schnell.

    Schon der Prolog setzt allerdings ein deutliches Zeichen. In einer kalten Februarnacht wird Sunniva Nylund von einem Geräusch geweckt. Sie sieht im Haus nach, findet zunächst nichts Auffälliges – und bemerkt erst zu spät die dunkle Gestalt hinter sich. Dieser Einstieg erzeugt sofort eine unangenehme Spannung und schafft genau die düstere Grundstimmung, die ich bei skandinavischen Thrillern besonders mag.

    Anton selbst hat währenddessen ganz andere Probleme. Die Begegnungen mit der Arbeitsagentur fand ich herrlich. Gerade weil der eigentliche Fall so düster ist, funktionieren diese beinahe absurden Alltagssituationen als kleine Auflockerung erstaunlich gut. Gleichzeitig zeigen sie sehr deutlich, wie wenig Anton eigentlich mit einem normalen Leben anfangen kann. Ermittler zu sein ist bei ihm eben nicht nur ein Beruf, sondern längst ein Teil seiner Persönlichkeit geworden.

    Deshalb dauert es auch nicht lange, bis ihn die Vergangenheit wieder einholt. Eine Frau bittet ihn darum, den Fall ihres Bruders noch einmal zu untersuchen. Dieser wurde wegen des Mordes an Cassandra Gran verurteilt, hat sich inzwischen im Gefängnis das Leben genommen – doch seine Schwester ist davon überzeugt, dass er unschuldig war. Anton reagiert zunächst eher widerwillig, aber natürlich beginnt es schon bald in ihm zu arbeiten.

    Gerade diese Ausgangslage gefällt mir sehr gut. Statt eines klassischen aktuellen Mordfalls beginnt Anton mit einem vermeintlich abgeschlossenen Verbrechen. Die Frage lautet zunächst weniger: Wer hat Cassandra Gran getötet? Viel interessanter ist, ob die damaligen Ermittlungen überhaupt in die richtige Richtung geführt haben. Sobald Zweifel entstehen, verändert sich der Blick auf praktisch alles, was vorher als gesichert galt.

    Mit dem Mord an Sunniva Nylund bekommt die Geschichte dann eine zweite Ebene. Schon bald steht die Frage im Raum, ob die beiden Fälle tatsächlich unabhängig voneinander sind. Genau dieses langsame Zusammenführen verschiedener Spuren funktioniert für mich hervorragend. Fjell streut genügend Hinweise ein, ohne die Zusammenhänge zu früh offenzulegen, sodass man als Leser ständig versucht, selbst eine Verbindung herzustellen.

    Anton Brekke ist dabei nach wie vor keine glatte Sympathiefigur – und genau das macht ihn interessant. Er hat Ecken, Kanten und genügend persönliche Probleme, um gelegentlich richtig anstrengend zu sein. Gleichzeitig besitzt er einen hervorragenden kriminalistischen Instinkt und kann einen Fall einfach nicht loslassen, sobald er einmal Blut geleckt hat. Gerade nach allem, was er zuvor erlebt hat, wirkt seine Rückkehr in die Ermittlungsarbeit fast zwangsläufig.

    Sehr gut funktioniert für mich auch das Zusammenspiel mit dem Podcaster Kristian Bolstad. Dass Anton diesmal nicht einfach in seine frühere Polizeistruktur zurückkehren kann, verändert die Dynamik deutlich. Er muss sich Informationen auf anderen Wegen beschaffen und kann nicht mehr selbstverständlich auf sämtliche Ressourcen der Polizei zugreifen. Dadurch bekommt der Fall stellenweise einen ganz eigenen Charakter.

    Überhaupt gefällt mir an Finsterherz, dass Jan-Erik Fjell nicht versucht, seinen Protagonisten nach dessen Rückzug einfach wieder in die alte Rolle zu drücken. Anton befindet sich in einer Übergangsphase. Einerseits scheint er das Polizeileben hinter sich lassen zu wollen, andererseits merkt man praktisch auf jeder Seite, dass ihm genau das fehlt. Dieser innere Konflikt gibt dem Roman neben dem eigentlichen Kriminalfall zusätzliche Tiefe.

    Die Handlung entwickelt sich dabei größtenteils sehr spannend. Vor allem in der ersten Hälfte hatte ich ständig das Gefühl, dass hinter den beiden Mordfällen noch viel mehr steckt, als man zunächst erkennt. Immer wieder tauchen neue Informationen auf, die vorherige Vermutungen ins Wanken bringen. Gerade dieses Miträtseln funktioniert ausgesprochen gut.

    Im letzten Drittel verliert der Roman für mich allerdings ein wenig von seinem anfänglichen Druck. Es gibt weiterhin Wendungen und neue Erkenntnisse, doch ganz die Intensität des starken Beginns wird nicht mehr erreicht. Das ist kein wirklicher Einbruch, aber nach dem hervorragenden Auftakt hatte ich mir vom Finale vielleicht noch etwas mehr Wucht erwartet.

    Der Schreibstil gefällt mir dagegen durchgehend. Fjell erzählt sehr flüssig, ohne unnötige Umwege, und schafft es, selbst ruhigere Passagen interessant zu halten. Besonders schön finde ich die Mischung aus düsterem Kriminalfall und den teilweise fast trockenen Momenten rund um Anton. Dadurch wirkt der Roman nicht permanent bleischwer, ohne seine Grundstimmung zu verlieren.

    Auch das norwegische Setting trägt viel zur Atmosphäre bei. Kälte, Dunkelheit und winterliche Landschaften passen hervorragend zu einem Fall, in dem zunehmend deutlich wird, dass hinter scheinbar eindeutigen Wahrheiten einiges verborgen liegt. Diese typische nordische Melancholie liegt fast durchgehend über der Geschichte.

    Das Cover finde ich ebenfalls sehr gelungen. Das einsame Haus direkt am Wasser, das kleine Boot und die kalten Blau- und Grautöne vermitteln sofort Ruhe und Abgeschiedenheit. Gleichzeitig sorgt das kräftige Rot dafür, dass etwas Bedrohliches in dieses scheinbar friedliche Bild hineinbricht. Für einen Titel wie Finsterherz passt das ausgesprochen gut.

    Unterm Strich hat mir Finsterherz richtig gut gefallen. Besonders der starke Einstieg, Anton Brekkes persönliche Situation und die Verbindung zwischen einem vermeintlich abgeschlossenen Mordfall und einem neuen Verbrechen sorgen dafür, dass ich sehr schnell in der Geschichte war. Dass der Spannungsbogen zum Ende hin ein wenig nachlässt, verhindert für mich zwar die absolute Höchstwertung, ändert aber nichts daran, dass der Roman über weite Strecken hervorragend unterhält.

    Vor allem Anton Brekke bleibt für mich eine Figur, der ich gerne folge. Gerade seine Fehler, sein schwieriges Wesen und die Tatsache, dass er offensichtlich nicht weiß, was er ohne Polizeiarbeit mit sich anfangen soll, machen ihn interessanter als viele makellose Thrillerermittler.

    Für mich ein düsterer, atmosphärischer und sehr spannend erzählter skandinavischer Thriller mit einem starken Protagonisten, einem gelungenen Kriminalfall und einigen überraschenden Wendungen.

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