Tina N. Martin - Racheflamme (Buchkritik)

  • Tina N. Martin - Racheflamme

    Mit Racheflamme geht die Reihe um Idun Lind und Calle Brandt in ihren fünften und gleichzeitig letzten Fall – und Tina N. Martin fährt zum Abschluss noch einmal einiges auf. Schon die Ausgangssituation ist derart verstörend, dass man sofort wissen möchte, was dahintersteckt: Auf der Bühne des Stadttheaters in Luleå steht eine Badewanne voller ätzender Flüssigkeit, in der sich Spuren menschlichen Blutes befinden. Mehr braucht es eigentlich gar nicht, um die Fantasie in ziemlich unangenehme Richtungen arbeiten zu lassen.

    Besonders wirkungsvoll finde ich, dass die Geschichte ihre Härte nicht erst langsam ankündigt. Bereits der Beginn macht deutlich, dass dieser Fall nichts für empfindliche Gemüter wird. Die Vorstellung, was mit der Badewanne geschehen sein könnte, ist schon schlimm genug, aber im Laufe des Romans zeigt sich, dass es dem Täter nicht einfach nur ums Töten geht. Die Opfer sollen vorher leiden, psychisch zermürbt und regelrecht in den Wahnsinn getrieben werden. Genau diese Grausamkeit macht den Fall so beklemmend.

    Idun befindet sich dabei zunächst gar nicht in der Position, in der man sie aus den vorherigen Bänden kennt. Wegen interner Probleme ist sie aus dem aktiven Geschehen herausgenommen und soll sich eigentlich nur noch mit alten Fällen beschäftigen. Natürlich hält sie das nicht lange davon ab, sich wieder einzumischen. Als Calle Brandt und Tareq Shaheen mit dem Theaterfall konfrontiert werden, dauert es nicht lange, bis Idun wieder mittendrin steckt. Und ganz ehrlich: Alles andere hätte bei ihr auch nicht gepasst.

    Das Zusammenspiel des Ermittlerteams funktioniert für mich erneut hervorragend. Gerade weil man Idun, Calle und Tareq inzwischen kennt, braucht es keine langen Einführungen mehr. Die Figuren sind etabliert, ihre Eigenheiten bekannt, und dadurch kann sich der Roman sehr schnell auf den eigentlichen Fall konzentrieren. Calle ist weiterhin etwas kantiger und direkter, während Idun mit ihrer Hartnäckigkeit dafür sorgt, dass selbst scheinbar nebensächliche Spuren nicht einfach liegen bleiben.

    Der Schauplatz im Theater ist ebenfalls sehr gelungen. Diese Welt aus Bühne, Kulissen, öffentlichem Glanz und dem, was sich hinter den Vorhängen abspielt, passt hervorragend zu einer Geschichte, in der vieles nicht so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Gerade der Kontrast zwischen der glamourösen Außenwirkung und den Abgründen hinter den Kulissen funktioniert ausgesprochen gut.

    Was mir außerdem gefällt, ist die Art, wie Tina N. Martin die Ermittlungen entwickelt. Es gibt nicht sofort den einen großen Hinweis, der alles erklärt. Stattdessen sammeln sich Informationen, Verdachtsmomente und kleinere Ungereimtheiten. Einige Personen verhalten sich merkwürdig, andere scheinen etwas zu verbergen, und immer wieder stellt sich die Frage, welches Motiv stark genug sein könnte, um jemanden zu derart grausamen Taten zu treiben.

    Die Rückblenden beziehungsweise Passagen, in denen man einer zunächst unbekannten Person folgt, erhöhen die Spannung zusätzlich. Man weiß, dass diese Szenen irgendwann mit den gegenwärtigen Ereignissen zusammenlaufen müssen, aber lange bleibt unklar, wie genau. Dadurch beginnt man automatisch mitzurätseln und versucht, die einzelnen Hinweise miteinander zu verbinden.

    Dabei ist Racheflamme stellenweise wirklich hart. Die Autorin spart die Brutalität nicht komplett aus und macht sehr deutlich, welches Leid hinter den Taten steckt. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass die Gewalt nur um ihrer selbst willen eingesetzt wird. Sie gehört zum Wesen des Täters und vor allem zum Motiv hinter den Verbrechen. Gerade dieses Motiv bekommt im Laufe der Geschichte immer mehr Gewicht.

    Was den Roman für mich besonders interessant macht, ist die Frage nach Rache. Wann kippt erlittenes Unrecht in den Wunsch, selbst zum Täter zu werden? Und wie weit kann ein Mensch gehen, wenn er davon überzeugt ist, dass seine Opfer das verdient haben? Der Titel Racheflamme passt deshalb sehr gut, weil hier tatsächlich etwas lange Gegorenes irgendwann vollständig außer Kontrolle gerät.

    Ein wenig schade fand ich, dass Iduns Privatleben diesmal nicht ganz so viel Raum bekommt. Gerade weil es sich um den Abschluss der Reihe handelt, hätte ich mir an manchen Stellen noch etwas mehr persönliche Nähe zu den Figuren gewünscht. Der Kriminalfall steht sehr deutlich im Vordergrund. Das sorgt zwar für Tempo, lässt mich aber gleichzeitig mit dem Gefühl zurück, dass ich von Idun und ihrem Umfeld gerne noch ein kleines bisschen mehr bekommen hätte.

    Dafür zieht die Handlung gerade im letzten Drittel noch einmal deutlich an. Verschiedene Spuren beginnen sich zu verbinden, frühere Annahmen müssen korrigiert werden und aus einem zunächst schwer greifbaren Fall entsteht langsam ein sehr klares Bild. Die Auflösung fand ich schlüssig und überzeugend. Selbst wenn man vorher bereits einen Verdacht entwickelt, bleibt lange offen, warum all das geschieht – und genau dieser Teil hat für mich am Ende noch einmal besonders gut funktioniert.

    Das Cover gefällt mir ebenfalls sehr gut. Die Hütte am Wasser, das Feuer und die fast schon friedliche nordische Landschaft stehen in einem starken Gegensatz zum Titel und zur Brutalität der Geschichte. Gerade dieses Zusammenspiel aus scheinbarer Ruhe und drohender Zerstörung passt hervorragend zu einem skandinavischen Thriller und fügt sich optisch sehr schön in die Reihe ein.

    Dass Racheflamme tatsächlich der letzte Fall für Idun Lind und Calle Brandt sein soll, finde ich schon ein bisschen schade. Gleichzeitig kann ich es durchaus nachvollziehen, eine Reihe zu einem passenden Zeitpunkt zu beenden, anstatt sie irgendwann künstlich weiterzuführen. Nach fünf Bänden haben die Figuren einiges erlebt, und dieser Abschluss fühlt sich zumindest wie ein echter Höhepunkt an.

    Unterm Strich ist Racheflamme für mich ein sehr starker Abschluss der Reihe. Der Fall beginnt mit einem hervorragenden, verstörenden Bild, entwickelt daraus eine düstere Geschichte voller menschlicher Abgründe und bleibt bis zur Auflösung spannend. Das Theatermilieu, die bekannten Ermittler und die zunehmende psychologische Härte sorgen für einen Thriller, der sich sehr flüssig liest und immer wieder unangenehm unter die Haut geht.

    Ein bisschen mehr Raum für Iduns persönliche Geschichte hätte ich mir zum Abschied gewünscht. Davon abgesehen liefert Tina N. Martin aber einen würdigen, packenden und stellenweise richtig brutalen Abschluss.

    Für mich ein atmosphärisch starker, harter Skandi-Thriller mit einem ungewöhnlichen Ausgangspunkt, einem überzeugenden Ermittlerteam und einem Finale, das die Reihe sehr ordentlich zu Ende bringt.

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