• Die Zeitmaschine

    Ein namenloser Wissenschaftler ist überzeugt davon, dass die Zeit nichts anderes als eine weitere Dimension ist – und dass man sich in ihr ebenso bewegen müsste wie im Raum. Was zunächst wie eine theoretische Spielerei klingt, führt schließlich zu einer Erfindung, die ihm tatsächlich eine Reise in eine ferne Zukunft ermöglicht. Dort begegnet er den Eloi, einer friedlich wirkenden Menschheit, die in einer beinahe paradiesischen Welt lebt. Doch unter dieser schönen Oberfläche verbirgt sich etwas völlig anderes. Tief unter der Erde existieren die Morlocks, und je länger der Zeitreisende in dieser fremden Welt bleibt, desto deutlicher wird ihm, dass die Zukunft der Menschheit alles andere als hoffnungsvoll aussieht.

    „Die Zeitmaschine“ gehört zu diesen Geschichten, von denen man glaubt, sie längst zu kennen, selbst wenn man das Original noch nie gelesen oder gehört hat. Der Roman von H. G. Wells hat schließlich unzählige Geschichten über Zeitreisen beeinflusst und wurde mehrfach verfilmt. Gerade deshalb fand ich es spannend, endlich einmal zur eigentlichen Vorlage zu greifen – und dabei merkt man ziemlich schnell, wie stark sich die ursprüngliche Geschichte von manchen späteren Verfilmungen unterscheidet.

    Wells erzählt wesentlich düsterer und auch deutlich philosophischer. Die Zeitreise ist hier nicht nur ein Abenteuer in eine fremde Epoche, sondern vor allem ein Mittel, um über Gesellschaft, Klassenunterschiede und die Entwicklung der Menschheit nachzudenken. Die Eloi und Morlocks sind deshalb viel mehr als nur zwei ungewöhnliche Zukunftsvölker. In ihnen steckt eine ziemlich bitter gedachte Vorstellung davon, wohin sich soziale Gegensätze irgendwann entwickeln könnten. Gerade das macht den Roman auch heute noch erstaunlich interessant.

    Wer vor allem die berühmte Verfilmung kennt, sollte sich allerdings darauf einstellen, dass die Vorlage eine andere Wirkung besitzt. Das Buch erzählt nüchterner, kälter und lässt vieles bewusst offen. Gerade das Ende besitzt nicht die versöhnliche Sicherheit, die man vielleicht aus einer filmischen Adaption erwartet. Stattdessen bleibt einiges im Kopf hängen und fordert einen fast automatisch dazu auf, über die Zukunft dieser Welt weiter nachzudenken.

    Dabei funktioniert die Geschichte trotz ihres Alters erstaunlich gut. Natürlich merkt man an Sprache und Erzählweise, dass dieser Roman aus einer vollkommen anderen Zeit stammt. Trotzdem besitzt die Grundidee bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Besonders die Passagen in der fernen Zukunft entwickeln eine eigentümliche Mischung aus Staunen und Unbehagen. Man bekommt zunächst eine Welt präsentiert, die fast friedlich und sorgenfrei erscheint, bis sich Schritt für Schritt zeigt, wie falsch dieser erste Eindruck ist.

    Alexander Wohnhaas trägt die ungekürzte Lesung mit einer sehr angenehmen und markanten Stimme. Gerade bei einem Klassiker wie diesem gefällt mir, dass er nicht versucht, den Text künstlich modern oder übermäßig dramatisch wirken zu lassen. Seine Interpretation bleibt klar und lässt Wells’ Ideen genügend Raum. Gleichzeitig bringt er in den spannenderen Passagen genau die nötige Energie mit, damit die Reise in die Zukunft nicht zu einer rein philosophischen Erzählung wird. Seine Stimme trägt die knapp vier Stunden mühelos und passt für mich sehr gut zu diesem Stoff.

    Technisch ist diese Ausgabe mehr als eine vollkommen nüchterne Lesung. Die musikalischen Einlagen und zurückhaltend eingesetzten Soundeffekte sorgen an einigen Stellen für zusätzliche Atmosphäre, ohne den Text zu überfrachten. Gerade die Übergänge zwischen den verschiedenen Ebenen der Geschichte profitieren davon. Dadurch bekommt die Produktion stellenweise tatsächlich etwas Hörspielartiges, bleibt aber jederzeit klar als Lesung erkennbar. Mit 3 Stunden und 54 Minuten besitzt das Hörbuch zudem eine sehr angenehme Länge und eignet sich hervorragend, um diesen Klassiker einmal komplett am Stück oder in wenigen Etappen zu erleben.

    Das Cover gefällt mir ausgesprochen gut, weil es Vergangenheit und Zukunft direkt miteinander verbindet. Im Vordergrund steht die Silhouette des Zeitreisenden mit Zylinder, während sich vor ihm eine futuristische Stadt erhebt. Die große Uhr in der Mitte macht das zentrale Thema sofort deutlich und die warmen Gold- und Orangetöne erzeugen gemeinsam mit dem dunklen Himmel eine fast schon märchenhafte, gleichzeitig aber leicht bedrohliche Stimmung. Besonders schön finde ich, dass das Motiv nicht versucht, eine bestimmte Verfilmung nachzuahmen, sondern dem Roman eine eigene visuelle Identität gibt.

    „Die Zeitmaschine“ ist für mich zu Recht einer der großen Science-Fiction-Klassiker. Natürlich hat sich das Genre seit Wells enorm weiterentwickelt, doch erstaunlich viele seiner Gedanken funktionieren bis heute. Gerade die Verbindung aus Abenteuer, Zukunftsvision und Gesellschaftskritik macht den Roman wesentlich interessanter als eine bloße Geschichte über eine fantastische Maschine. Wer nur die filmischen Adaptionen kennt, dürfte hier einige Überraschungen erleben, denn Wells’ Original ist deutlich dunkler, weniger romantisch und wesentlich nachdenklicher. Alexander Wohnhaas liefert dazu eine sehr stimmige Lesung, die durch Musik und dezente Effekte zusätzlich Atmosphäre gewinnt. Für mich eine hervorragende Gelegenheit, diesen Klassiker endlich in seiner ursprünglichen Form kennenzulernen.

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