Apokalypse USA - 2. Gegenwehr
Die Welt hat sich nach dem Zusammenbruch der Stromversorgung endgültig verändert. Was im ersten Teil noch wie eine Katastrophe mit vielleicht vorübergehenden Folgen wirkte, ist inzwischen zu einer neuen Realität geworden. In Texas versuchen Seeleute und ehemalige Angehörige der Küstenwache, ihre Familien auf einem Schiff in Sicherheit zu bringen. In North Carolina organisieren frühere Nationalgardisten Schutz und Versorgung für immer mehr Menschen, während sich andernorts kleinere Gemeinschaften bilden, um unabhängig von der zerfallenden Ordnung zu überleben. Gleichzeitig wächst in Camp David eine ganz andere Gefahr heran: Der Präsident nutzt die Krise zunehmend dazu, seine eigene Macht auszubauen und setzt bewaffnete Kräfte ein, um Ressourcen unter staatliche Kontrolle zu bringen. Aus dem Kampf ums tägliche Überleben entwickelt sich damit immer stärker ein Kampf darum, wer in dieser neuen Welt überhaupt noch bestimmen darf.
„Gegenwehr“ setzt die Geschichte aus „Der Weg nach Hause“ unmittelbar fort und macht ziemlich schnell deutlich, dass R. E. McDermott die Dimension seines Szenarios noch einmal vergrößert. Während im ersten Band vor allem der Zusammenbruch selbst und die ersten unmittelbaren Folgen im Mittelpunkt standen, geht es nun viel stärker darum, welche Strukturen sich danach bilden. Manche Menschen schließen sich zusammen, helfen einander und versuchen, Ordnung zurückzubringen. Andere nutzen genau dieselbe Situation, um sich Vorteile zu verschaffen oder Macht an sich zu reißen.
Gerade diese Gegenüberstellung gefällt mir ausgesprochen gut. Das Hörbuch zeigt nicht einfach eine Welt, in der plötzlich jeder gegen jeden kämpft. Stattdessen entstehen an verschiedenen Orten sehr unterschiedliche Formen von Gemeinschaft. Einige funktionieren erstaunlich gut, andere werden von Gewalt und Egoismus bestimmt. Dadurch wirkt die Geschichte wesentlich interessanter als ein gewöhnlicher Endzeitthriller, in dem nur von einer Gefahr zur nächsten gerannt wird.
Die vielen parallelen Handlungsstränge bleiben dabei ein wichtiges Element der Reihe. Es gibt keinen einzelnen klassischen Helden, auf den sich alles konzentriert. Vielmehr begleitet man unterschiedliche Gruppen durch dieselbe Katastrophe. Anfangs verlangt das weiterhin etwas Aufmerksamkeit, weil viele Namen und Schauplätze im Spiel sind. Inzwischen kennt man aber einen Großteil der Figuren aus dem ersten Teil und findet dadurch deutlich schneller wieder hinein. Besonders schön ist, dass viele Entwicklungen aus „Der Weg nach Hause“ weitergeführt werden und man zunehmend erkennt, wie sich die einzelnen Geschichten aufeinander zubewegen.
Auch das Tempo zieht diesmal merklich an. Die Welt ist nicht mehr nur instabil, sondern befindet sich mitten in einem offenen Machtkampf. Das sorgt für wesentlich mehr Action, ohne dass die ruhigeren Abschnitte vollständig verschwinden. Gerade die Szenen auf und rund um die Schiffe fand ich wieder sehr interessant, weil McDermott dort die praktischen Probleme des Überlebens mit größeren Konflikten verbindet. Treibstoff, Nahrung, Schutz und Transport werden plötzlich zu entscheidenden Fragen, aus denen sich ganze Machtverhältnisse entwickeln können.
Ein wenig überspitzt wirkt für mich die politische Ebene um den Präsidenten. Dass er die Krise zur Ausweitung seiner Kontrolle nutzt, passt gut zur Geschichte und verschärft das Szenario deutlich. Teilweise wird die Figur allerdings sehr eindeutig als Gegenspieler gezeichnet. Etwas mehr Zwischentöne hätten diesem Handlungsstrang für meinen Geschmack gutgetan. Spannend bleibt er trotzdem, gerade weil dadurch die eigentliche Bedrohung immer weniger vom ursprünglichen Stromausfall ausgeht, sondern von den Menschen, die auf die neue Situation reagieren.
Mit 16 Stunden und 42 Minuten ist „Gegenwehr“ sogar noch länger als der erste Band. Trotzdem empfand ich die Laufzeit diesmal weniger als Belastung. Die verschiedenen Schauplätze wechseln regelmäßig, die Konflikte werden größer und die Figuren sind inzwischen vertrauter. Dadurch entwickelt sich ein angenehmer Erzählfluss, bei dem ich selten das Gefühl hatte, dass sich die Geschichte unnötig festfährt. Gerade weil immer wieder zu einer anderen Gruppe gewechselt wird, bleibt die Handlung abwechslungsreich.
Gerrit Petersen übernimmt erneut die vollständige Lesung und gefällt mir diesmal insgesamt besser als noch im ersten Teil. Seine ruhige Grundstimme passt hervorragend zu der eher sachlichen, realitätsnahen Erzählweise und trägt auch über die lange Laufzeit problemlos. Bei den unterschiedlichen Figuren arbeitet er weiterhin mit deutlich verschiedenen Stimmlagen und Akzenten. Manche davon wirken auf mich noch immer etwas zu stark ausgestaltet, insgesamt hatte ich mich daran inzwischen aber deutlich gewöhnt. Besonders in den dramatischeren Szenen bringt Petersen viel Energie hinein, ohne die Geschichte künstlich aufzublasen. Bei der Vielzahl an Personen hilft seine differenzierte Sprechweise zudem durchaus bei der Orientierung.
Technisch bleibt auch „Gegenwehr“ eine klassische ungekürzte Lesung ohne Musik oder zusätzliche Soundeffekte. Gerade bei den vielen Ortswechseln und großen Actionszenen könnte ich mir diesen Stoff durchaus als aufwendig produziertes Hörspiel vorstellen, doch auch in der reinen Hörbuchfassung funktioniert er gut. Die Aufnahme ist klar, die Stimme steht sauber im Raum und nichts lenkt von der Handlung ab. Entscheidend ist hier letztlich Petersens Fähigkeit, über fast 17 Stunden hinweg genügend Variation zu erzeugen, damit die verschiedenen Schauplätze und Figuren nicht ineinander verschwimmen.
Das Cover schlägt eine deutlich andere Richtung ein als beim ersten Teil. Statt Hafen, Feuer und urbaner Zerstörung dominieren diesmal dunkle Wälder und zwei bewaffnete Figuren. Dadurch wird sofort sichtbar, dass sich die Geschichte weiter von der eigentlichen Katastrophe entfernt und stärker in Richtung Überlebenskampf und Widerstand entwickelt. Die großen, rissig gestalteten Buchstaben von „Gegenwehr“ passen sehr gut zur Atmosphäre und vermitteln bereits auf den ersten Blick, dass sich die Lage weiter zugespitzt hat. Mir gefällt außerdem, dass die Cover beider Bände trotz unterschiedlicher Motive sofort als zusammengehörig erkennbar bleiben.
„Gegenwehr“ ist für mich eine sehr gelungene Fortsetzung und wirkt insgesamt sogar noch etwas stärker als „Der Weg nach Hause“. Die Figuren sind inzwischen etabliert, die einzelnen Handlungsstränge greifen besser ineinander und die Bedrohung entwickelt sich von einer Naturkatastrophe zu einem wesentlich komplexeren gesellschaftlichen Konflikt. Besonders die verschiedenen Gemeinschaften und ihre vollkommen unterschiedlichen Reaktionen auf den Zusammenbruch machen für mich den Reiz der Geschichte aus. Ein paar politische Entwicklungen werden recht deutlich gezeichnet und einige Figurenstimmen von Gerrit Petersen bleiben Geschmackssache, doch insgesamt hat mich auch dieser zweite Teil über seine enorme Laufzeit hinweg sehr gut unterhalten. Nach diesem Ende möchte ich nun natürlich wissen, wie R. E. McDermott die zahlreichen Wege im dritten und letzten Band zusammenführen wird.