Apokalypse USA - 1. Der Weg nach Hause

  • Apokalypse USA - 1. Der Weg nach Hause

    Eine gewaltige Sonneneruption legt innerhalb kürzester Zeit weite Teile der technischen Infrastruktur lahm. Stromnetze brechen zusammen, Kommunikation fällt aus und aus einem zunächst kaum begreifbaren Ereignis entwickelt sich eine Katastrophe, die das gesellschaftliche Leben immer schneller aus den Angeln hebt. Während an Land die ersten Städte im Chaos versinken, befindet sich ein Tankschiff mit einer enorm wertvollen Ladung auf See. Dessen Kapitän versucht nicht nur, sein Schiff und die Besatzung sicher nach Hause zu bringen, sondern muss zunehmend auch gegen Begehrlichkeiten von außen und wachsende Spannungen innerhalb der eigenen Mannschaft ankämpfen. Gleichzeitig versuchen an verschiedenen Orten Menschen, in einer Welt zurechtzukommen, deren Regeln sich innerhalb weniger Stunden grundlegend verändert haben.

    „Der Weg nach Hause“ ist der Auftakt der Trilogie „Apokalypse USA“ von R. E. McDermott und setzt auf ein Endzeitszenario, das für mich gerade deshalb so gut funktioniert, weil keine Zombies, Mutanten oder sonstigen fantastischen Bedrohungen benötigt werden. Die Katastrophe entsteht aus einem großflächigen Zusammenbruch der modernen Infrastruktur – und genau das macht die Geschichte stellenweise ziemlich beklemmend. Strom, Kommunikation, Versorgung und öffentliche Ordnung sind für uns so selbstverständlich geworden, dass erst nach und nach deutlich wird, wie schnell sich das Leben verändern könnte, wenn mehrere dieser Systeme gleichzeitig ausfallen.

    Besonders interessant finde ich, dass der Roman nicht nur einer einzigen Figur folgt. Stattdessen werden verschiedene Schauplätze und Personengruppen miteinander verbunden. Auf dem Tankschiff geht es um die Frage, wie lange Disziplin und Hierarchie unter wachsendem Druck funktionieren können. An Land entstehen völlig andere Probleme. Menschen versuchen zu ihren Familien zu gelangen, andere organisieren ihr Überleben abseits der Städte, während wiederum andere die zusammenbrechende Ordnung bewusst für die eigenen Zwecke nutzen. Dadurch wird die Katastrophe aus mehreren Perspektiven erzählt und bekommt eine deutlich größere Dimension.

    Gerade diese vielen Handlungsstränge brauchen allerdings etwas Zeit, bis sie richtig ineinandergreifen. Zu Beginn musste ich mich erst einmal in die Vielzahl der Figuren und Orte einfinden. Nach und nach wird aber immer deutlicher, wie die einzelnen Entwicklungen miteinander verbunden sind beziehungsweise welche Auswirkungen dieselbe Katastrophe auf vollkommen unterschiedliche Lebenssituationen hat. Ab diesem Punkt hat mich die Geschichte zunehmend gepackt. Besonders gut gefällt mir, dass R. E. McDermott nicht ausschließlich auf permanenten Actionbetrieb setzt, sondern immer wieder praktische Fragen des Überlebens behandelt. Wer hat Zugang zu Treibstoff? Wie lange reichen Vorräte? Wem kann man noch vertrauen? Und was passiert mit staatlicher Autorität, wenn normale Strukturen nicht mehr funktionieren?

    Dabei zeichnet der Roman ein ziemlich düsteres Menschenbild, ohne ausschließlich auf totale Anarchie zu setzen. Es gibt Figuren, die anderen helfen und versuchen, irgendeine Form von Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig tauchen sehr schnell Menschen auf, die ihre Chance gekommen sehen, Macht zu übernehmen oder sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen. Gerade diese Gegensätze machen das Szenario für mich wesentlich interessanter als eine reine Abfolge von Katastrophen. Einige Entwicklungen sind sicherlich bewusst zugespitzt, insgesamt bleibt die Geschichte aber nah genug an einem denkbaren Szenario, um unangenehm glaubwürdig zu wirken.

    Auch die politische Ebene nimmt zunehmend Raum ein. Die Krise wird nicht nur als Naturkatastrophe behandelt, sondern auch als Gelegenheit für Menschen und Institutionen, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Dadurch bekommt der Roman noch einmal eine andere Richtung und macht deutlich, dass der Stromausfall möglicherweise nur der Beginn der eigentlichen Probleme ist. Mit seinen 15 Stunden und 14 Minuten nimmt sich das Hörbuch dafür ordentlich Zeit. Ein wenig Straffung hätte an einzelnen Stellen sicherlich nicht geschadet, insgesamt hatte ich aber selten das Gefühl, dass die Geschichte tatsächlich stillsteht.

    Gerrit Petersen trägt die komplette ungekürzte Lesung und hinterlässt bei mir insgesamt einen guten Eindruck. Seine Stimme besitzt genügend Gewicht für dieses raue Szenario und funktioniert besonders in den erzählerischen Passagen sehr gut. Gleichzeitig versucht er, die zahlreichen Figuren über unterschiedliche Stimmlagen und Sprechweisen voneinander abzugrenzen. Das hilft angesichts des großen Personals grundsätzlich bei der Orientierung, wirkt für meinen Geschmack gelegentlich aber etwas zu stark gespielt. Manche Akzente und Stimmverstellungen hätte ich nicht unbedingt gebraucht. Sobald Petersen etwas zurückhaltender liest, gefällt er mir deutlich besser. Über die lange Laufzeit trägt seine Stimme das Hörbuch aber problemlos.

    Technisch handelt es sich um eine klassische ungekürzte Hörbuchproduktion, bei der die Stimme vollständig im Mittelpunkt steht. Musik, aufwendige Geräuschkulissen oder filmische Effekte gibt es entsprechend nicht. Gerade bei einer Geschichte mit so vielen Schauplätzen funktioniert das erstaunlich gut, weil McDermotts Beschreibungen genügend Bilder entstehen lassen. Die klare Aufnahme sorgt dafür, dass auch längere Passagen angenehm hörbar bleiben. Natürlich hätte gerade das Szenario eines zusammenbrechenden Stromnetzes auch als aufwendig inszeniertes Hörspiel enormes Potenzial, für eine reine Lesung funktioniert die Umsetzung aber absolut ordentlich.

    Das Cover geht dagegen sofort auf maximale Endzeitstimmung. Ein bewaffneter Mann steht vor einer zerstörten Industrie- und Hafenlandschaft, während im Hintergrund der Himmel in bedrohlichen Rot- und Grautönen leuchtet. Seile, Waffe und robuste Kleidung machen klar, dass hier das Überleben im Mittelpunkt steht. Der große weiße Titel wirkt beinahe wie ein Warnschild und ist kaum zu übersehen. Besonders passend finde ich die Verbindung von Hafen, Industrie und apokalyptischer Umgebung, weil dadurch auch der maritime Teil der Geschichte aufgegriffen wird. Dezent ist das Ganze sicherlich nicht, aber bei einem Titel wie „Apokalypse USA“ darf es für mich ruhig etwas größer ausfallen.

    „Der Weg nach Hause“ ist für mich ein sehr gelungener Auftakt in die Trilogie. Vor allem das vergleichsweise realistische Grundszenario hebt die Geschichte von vielen anderen Endzeitromanen ab. Statt Zombies oder übernatürlicher Bedrohungen genügt der Ausfall unserer Infrastruktur, um innerhalb kürzester Zeit zu zeigen, wie abhängig eine moderne Gesellschaft von funktionierenden Systemen ist. Die vielen Handlungsstränge brauchen zunächst etwas Eingewöhnung, entwickeln anschließend aber einen starken Sog und geben dem Zusammenbruch eine beeindruckende Größe. Gerrit Petersen trägt die lange Lesung insgesamt gut, auch wenn mir einige seiner Figurenstimmen etwas zu stark ausgestaltet sind. Nach über 15 Stunden ist die Geschichte zudem längst nicht abgeschlossen – und genau das funktioniert. Ich möchte definitiv wissen, wie diese Welt weiter auseinanderfällt und welchen Weg die verschiedenen Figuren nun einschlagen.

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