Arno Strobel – Happy Weekend
Mit Happy Weekend nimmt Arno Strobel eine eigentlich vollkommen harmlose Situation und lässt sie innerhalb kürzester Zeit zu einem Albtraum eskalieren. Katja und Marcel wollen lediglich ein verlängertes Wochenende miteinander verbringen, ein wenig rauskommen und abschalten. Doch schon die Fahrt dorthin nimmt eine unerwartete Wendung, als ihnen während eines kurzen Halts an einer Raststätte der Koffer aus dem Auto gestohlen wird.
Zum Glück befindet sich darin ein GPS-Tracker. Statt die Sache einfach der Polizei zu überlassen, verfolgen Katja und Marcel das Signal selbst. Was zunächst wie eine spontane Jagd nach ihrem Gepäck beginnt, führt sie schließlich an einen Ort, an dem sehr schnell klar wird, dass der Diebstahl keineswegs zufällig passiert ist. Jemand wollte, dass die beiden genau dort landen.
Schon der Prolog hat mir ausgesprochen gut gefallen. Strobel steigt ohne lange Vorrede in die Geschichte ein und sorgt sofort dafür, dass man ahnt, dass hinter Marcel deutlich mehr steckt, als Katja weiß. Nach und nach wird seine Vergangenheit freigelegt und damit verändert sich auch der Blick auf die Figur immer stärker. Gerade dieses langsame Enthüllen funktioniert für mich hervorragend, weil man Marcel mit jeder neuen Information ein wenig anders bewertet.
Was zunächst wie ein klassischer Entführungs- oder Rachethriller beginnt, entwickelt sich schnell zu einem ausgesprochen perfiden Spiel. Die Beteiligten werden mit Situationen konfrontiert, aus denen es scheinbar keinen vernünftigen Ausweg gibt, und irgendwann stellt sich weniger die Frage, wer unbeschadet aus der Sache herauskommt, sondern ob überhaupt jemand gewinnen kann.
Besonders stark fand ich das Setting. Ein abgelegener, verlassener Ort, dunkle Räume, fehlender Handyempfang und das ständige Gefühl, beobachtet zu werden – Strobel nutzt hier viele bekannte Thriller- und Horrorelemente, setzt sie aber sehr wirkungsvoll ein. Gerade weil man nie genau weiß, was hinter der nächsten Tür wartet, entsteht eine zunehmend beklemmende Atmosphäre.
Dazu kommen die kursiv gesetzten Passagen um den sogenannten Mechaniker. Diese Abschnitte gehören für mich zu den unangenehmsten und gleichzeitig spannendsten Teilen des Romans. Man lernt einen Mann kennen, der mit geradezu erschreckender Ruhe an einer außergewöhnlichen Maschine arbeitet. Was genau er damit vorhat, erschließt sich zunächst nur Stück für Stück. Gerade diese Mischung aus technischer Präzision und vollkommenem Wahnsinn fand ich extrem wirkungsvoll.
Dabei sollte man allerdings wissen, worauf man sich einlässt. Happy Weekend ist stellenweise wirklich brutal. Strobel hält bei bestimmten Szenen kaum etwas zurück und beschreibt Gewalt teilweise so plastisch, dass selbst ich manche Passagen ziemlich heftig fand. Das ist definitiv kein Thriller, den ich uneingeschränkt jedem empfehlen würde. Wer empfindlich auf explizite Folter- und Gewaltdarstellungen reagiert, dürfte hier an seine Grenzen kommen.
Bei mir hat diese Härte allerdings meistens funktioniert, weil sie die Ausweglosigkeit der Situation unterstreicht. Der Roman vermittelt sehr überzeugend das Gefühl, dass die Figuren in einem Spiel gefangen sind, dessen Regeln jemand anderes bestimmt. Dadurch entsteht eine permanente Anspannung, die sich über weite Strecken hält.
Sehr gefallen hat mir außerdem, wie sehr Strobel mit meiner Wahrnehmung von Marcel spielt. Anfangs steht man natürlich auf seiner Seite. Er versucht, Katja zu schützen, nach einem Ausweg zu suchen und die Kontrolle über eine vollkommen außer Kontrolle geratene Situation zurückzugewinnen. Gleichzeitig erfährt man immer mehr über seine Vergangenheit, und plötzlich ist die Frage gar nicht mehr so einfach, wie unschuldig er selbst eigentlich an all dem ist.
Genau daraus entwickelt sich für mich einer der interessantesten Aspekte des Romans. Es geht nicht nur darum, einen Täter zu entlarven, sondern auch um Schuld, Verantwortung und Rache. Kann vergangenes Fehlverhalten irgendwann abgeschlossen sein? Und wie weit darf jemand gehen, der glaubt, ein Recht auf Vergeltung zu besitzen? Strobel beantwortet diese Fragen nicht unbedingt subtil, aber innerhalb des sehr direkten Thrillers funktionieren sie gut.
Natürlich gibt es auch Punkte, bei denen man nicht allzu lange über die Logik nachdenken sollte. Dass Katja und Marcel dem Tracker selbst folgen, ohne sofort die Polizei einzuschalten, ist schon eine Entscheidung, die man hinterfragen kann. Auch manche späteren Entwicklungen wirken bewusst konstruiert, damit das Szenario überhaupt funktionieren kann. Mich hat das während des Lesens allerdings weniger gestört, weil der Roman schnell genug erzählt ist, um einen immer weiter mitzuziehen.
Überhaupt ist das Tempo eine große Stärke. Die Kapitel sind überschaubar, die Perspektiven wechseln immer wieder und praktisch ständig geschieht etwas Neues. Dadurch entwickelt sich schnell dieser typische „nur noch ein Kapitel“-Effekt. Gerade ab dem Moment, in dem die Falle endgültig zuschnappt, wollte ich unbedingt wissen, wer hinter allem steckt und wie Marcel aus dieser Situation wieder herauskommen soll.
Und genau bei der Auflösung hat mich Strobel tatsächlich bekommen. Ich hatte zwischendurch mehrere Vermutungen und war mir zeitweise ziemlich sicher, die Richtung erkannt zu haben. Letztlich lag ich aber daneben. Gerade weil die Geschichte vorher immer wieder neue Informationen über Marcels Vergangenheit liefert, verschiebt sich der Verdacht ständig. Das Finale konnte mich deshalb wirklich überraschen.
Ein wenig schwächer fand ich dagegen einige Figuren außerhalb des unmittelbaren Zentrums der Geschichte. Nicht jede Person bekommt besonders viel Tiefe, und manches funktioniert eher über seine Rolle im großen Rachekonstrukt als über eine wirklich ausgearbeitete Persönlichkeit. Bei einem Thriller, der so stark auf Tempo und Eskalation setzt, konnte ich damit aber leben.
Das Cover passt für mich ebenfalls sehr gut. Der Titel Happy Weekend klingt zunächst beinahe freundlich und harmlos, während die Gestaltung genau das Gegenteil verspricht. Dieser Kontrast funktioniert hervorragend, weil er im Grunde auch die gesamte Geschichte beschreibt: Eine vermeintlich schöne Auszeit verwandelt sich in etwas vollkommen Grauenhaftes.
Unterm Strich hat mich Happy Weekend richtig gut unterhalten. Arno Strobel nimmt eine einfache Ausgangssituation und treibt sie immer weiter ins Extreme. Der Roman ist spannend, düster, stellenweise ausgesprochen brutal und schafft es mehrfach, die Richtung zu wechseln, ohne dabei seinen roten Faden zu verlieren.
Besonders die Vergangenheit von Marcel, die Passagen um den Mechaniker und das zunehmend perfide Spiel haben mir gefallen. Einige Entwicklungen sind sicherlich konstruiert, und bei der Glaubwürdigkeit einzelner Entscheidungen darf man nicht zu streng sein. Dafür bekommt man einen Thriller, der kaum Ruhe gibt und gerade im letzten Drittel ordentlich aufdreht.
Für mich ein harter, beklemmender und sehr spannender Psychothriller mit einigen wirklich unangenehmen Szenen und einer Auflösung, die ich so nicht kommen gesehen habe.