Nele Neuhaus - Alles wird Asche
Es hat eine ganze Weile gedauert, bis Nele Neuhaus Pia Sander und Oliver von Bodenstein wieder ermitteln lässt. Mit Alles wird Asche ist nun der mittlerweile zwölfte Band der Taunus-Krimi-Reihe erschienen und natürlich war ich gespannt, ob mich der neue Fall nach all den Jahren noch genauso packen kann.
Los geht es gleich mit mehreren Todesfällen. In Kronberg kommt eine Frau bei einem Brand ums Leben, in Frankfurt wird ein Bauunternehmer tot auf einer Baustelle entdeckt und wenig später gibt es einen weiteren mysteriösen Todesfall. Dass diese Ereignisse nicht einfach nur eine Verkettung tragischer Zufälle sind, dürfte bei einem Krimi kaum überraschen. Die wesentlich interessantere Frage ist, was die Opfer miteinander verbindet.
Bei ihren Ermittlungen stoßen Pia und Bodenstein schließlich auf Patrick Brinkhoff. Der erfolgreiche Tech-Unternehmer ist bereits tot, hinterlässt aber nicht nur eine Familie mit reichlich komplizierten Beziehungen, sondern auch ein Unternehmen, das sich intensiv mit künstlicher Intelligenz beschäftigt hat. Und damit sind wir bei einem Thema, an dem man momentan wohl kaum vorbeikommt.
Ich gebe zu, dass ich bei KI in einem Krimi zunächst etwas skeptisch war. Bei einem derart aktuellen Thema besteht schließlich immer die Gefahr, dass es hauptsächlich eingebaut wird, weil gerade jeder darüber spricht. Zum Glück macht Neuhaus daraus aber keinen Technikthriller. Im Kern geht es weiterhin um Menschen und darum, was sie einander antun können. Geld, Macht, verletzte Gefühle, alte Rechnungen und Dinge, die besser niemals ans Licht gekommen wären, spielen letztlich eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie die moderne Technik.
Wer Nele Neuhaus kennt, weiß natürlich, dass sie ihre Geschichten gerne etwas größer aufzieht. Auch diesmal taucht eine ganze Reihe von Personen auf und gerade die Familie Brinkhoff ist nicht unbedingt innerhalb von fünf Minuten zu durchschauen. Sehr hilfreich fand ich deshalb die Übersicht der Figuren und die Darstellung der Familienverhältnisse am Anfang des Buches. Gerade zu Beginn kann man dort durchaus das eine oder andere Mal nachschauen.
Erzählt wird nicht ausschließlich aus Sicht der Polizei. Wir erfahren auch einiges darüber, was innerhalb der Familie geschieht, und bekommen zwischendurch kurze Passagen präsentiert, die unmittelbar beim Täter angesiedelt sind. Dadurch besitzt man als Leser gelegentlich Informationen, die Pia und Bodenstein zu diesem Zeitpunkt noch fehlen.
Genau das ist für mich gleichzeitig Stärke und kleine Schwäche des Buches. Einerseits entsteht dadurch natürlich Spannung, weil man Zusammenhänge früher erahnen und selbst miträtseln kann. Andererseits müssen Pia und Bodenstein manche Erkenntnisse erst noch gewinnen, obwohl man selbst längst etwas weiter ist. Dadurch hatte ich an einigen Stellen das Gefühl, dass sich Informationen wiederholen und die Handlung kurz auf der Stelle tritt. Ein bisschen weniger hätte dem Roman hier durchaus gutgetan.
Grundsätzlich funktioniert die Geschichte für mich aber sehr gut. Am Anfang stehen zahlreiche Personen und Ereignisse nebeneinander und man fragt sich, wo Neuhaus mit all dem eigentlich hinwill. Mit zunehmender Handlung wird das Bild klarer. Gerade dieses Zusammensetzen der einzelnen Teile mag ich an ihren Krimis. Man bekommt eben nicht einen Mord, drei Verdächtige und hundert Seiten später die Lösung präsentiert.
Eine wichtige Rolle spielt außerdem Patrick Brinkhoffs Vergangenheit. Insbesondere sein Tod am Mount Everest wirft seinen Schatten auf die aktuellen Ereignisse. Dadurch bekommt die Geschichte noch eine zusätzliche Ebene und die Frage, ob die Ursache für das, was heute geschieht, vielleicht viel weiter zurückliegt, begleitet einen durch den Roman.
Natürlich geht es auch mit Pia persönlich weiter. Ihr Privatleben bekommt diesmal ziemlich viel Platz. Ich weiß, dass solche Passagen bei Krimireihen nicht jeder mag, für mich gehören sie nach zwölf Bänden aber einfach dazu. Ich begleite diese Figuren schließlich nicht erst seit gestern und möchte deshalb auch wissen, was außerhalb ihrer Arbeit mit ihnen passiert. Trotzdem hätte dieser Teil für meinen Geschmack stellenweise ein klein wenig kürzer ausfallen dürfen.
Was Alles wird Asche für mich besonders auszeichnet, ist ohnehin weniger das KI-Thema als die Welt, in der Neuhaus ihren Fall angesiedelt hat. Es geht um eine vermögende Familie, ein erfolgreiches Unternehmen und Menschen, bei denen nach außen vieles perfekt aussieht. Je länger man sich allerdings mit ihnen beschäftigt, desto mehr bekommt diese schöne Oberfläche Risse. Und genau in solchen Konstellationen ist Nele Neuhaus für mich nach wie vor besonders stark.
Ist Alles wird Asche damit einer der besten Fälle von Pia und Bodenstein? Für mich nicht ganz. Dafür ist mir die Geschichte an einigen Stellen etwas zu umfangreich geraten und durch die unterschiedlichen Wissensstände entstehen hier und da kleinere Längen. Langweilig fand ich den Roman deshalb allerdings nicht. Dafür passiert einfach zu viel und Neuhaus hält lange genug offen, wie die einzelnen Ereignisse tatsächlich zusammengehören.
Vor allem habe ich gemerkt, wie gerne ich Pia und Bodenstein noch immer bei ihren Ermittlungen begleite. Nach zwölf Bänden sind die beiden für mich ein wesentlicher Grund, warum ich bei einem neuen Taunus-Krimi wieder zugreife.
Alles wird Asche erfindet die Reihe sicherlich nicht neu. Das muss der Roman für mich aber auch gar nicht. Nele Neuhaus liefert einen umfangreichen, verzweigten Kriminalfall, verbindet ihn mit einem sehr aktuellen Thema und bleibt dabei trotzdem dem treu, was ihre Taunus-Krimis seit vielen Jahren ausmacht.
Nicht mein Lieblingsband der Reihe, aber nach der langen Pause definitiv ein schönes Wiedersehen mit Pia Sander und Oliver von Bodenstein.