House of the Dragon: Staffel 3 - Der Tanz der Drachen ist endlich entfacht
Nach dem Ende der zweiten Staffel war meine Vorfreude auf die Fortsetzung ehrlich gesagt ein wenig gedämpft. Nicht, weil ich House of the Dragon grundsätzlich schlecht fand – ganz im Gegenteil. Aber Staffel 2 hatte für meinen Geschmack viel zu lange den Eindruck vermittelt, auf etwas Großes hinzuarbeiten, nur um genau dann aufzuhören, als dieses Große eigentlich beginnen sollte. Umso erfreulicher ist es, dass Staffel 3 diesen Fehler nicht wiederholt. Der Tanz der Drachen ist endgültig entfacht – und plötzlich zeigt die Serie wieder, warum dieses Universum einmal zum Besten gehörte, was das Fernsehen zu bieten hatte.
Schon der Auftakt macht deutlich, dass die Zeit der endlosen Vorbereitungen vorbei ist. Der Krieg zwischen den Schwarzen und den Grünen wird nicht länger nur in Ratskammern geführt, sondern erreicht Schlachtfelder, Städte und schließlich immer größere Teile von Westeros. Dabei ist es aber keineswegs so, dass House of the Dragon nun acht Folgen lang ausschließlich Drachen aufeinander loslässt. Die politischen Intrigen bleiben ein wesentlicher Bestandteil der Serie. Der entscheidende Unterschied ist für mich, dass die Gespräche diesmal wesentlich häufiger tatsächlich Konsequenzen haben.
Das macht die dritte Staffel insgesamt deutlich dynamischer. Entscheidungen werden getroffen, Bündnisse zerbrechen, Figuren wechseln die Seiten und Menschen sterben. Und wenn die Drachen schließlich eingesetzt werden, fühlt sich das nicht wie ein kurzer Effekt an, der eine ansonsten ereignisarme Episode aufwerten soll. Man spürt zunehmend, dass diese Wesen Massenvernichtungswaffen sind, deren Einsatz kaum kontrollierbare Folgen hat.
Besonders eindrucksvoll ist natürlich die Schlacht in der Gullet gleich zu Beginn der Staffel. Das ist genau die Art von gewaltigem Fantasy-Spektakel, die ich mir von dieser Serie erhofft hatte. Gleichzeitig funktioniert die Sequenz nicht nur aufgrund ihrer Schauwerte. Hinter all dem Feuer, Blut und Chaos stehen Figuren, deren Schicksal inzwischen eine Bedeutung besitzt. Gerade deshalb können die großen Momente der Staffel ihre Wirkung entfalten.
Überhaupt finde ich es bemerkenswert, wie sehr Staffel 3 davon profitiert, dass die Figuren mittlerweile fest etabliert sind. Nach den Zeitsprüngen und Darstellerwechseln der ersten Staffel und dem teilweise etwas zähen Aufbau der zweiten muss niemand mehr großartig vorgestellt werden. Die Serie kann ihre Figuren nehmen und sie mit den Konsequenzen dessen konfrontieren, was sie in den vergangenen Jahren angerichtet haben.
Im Mittelpunkt steht dabei für mich eindeutig Rhaenyra. Emma D'Arcy liefert erneut eine hervorragende Leistung ab, aber noch interessanter finde ich die Richtung, in die sich die Figur entwickelt. Rhaenyra ist längst nicht mehr nur die Frau, der der Thron genommen wurde und mit der man deshalb automatisch sympathisiert. Je größer ihre Macht wird, desto deutlicher verändert sie sich. Aus Überzeugung wird zunehmend Fanatismus und aus ihrem Glauben an den eigenen Anspruch entwickelt sich etwas, das teilweise erschreckende Züge annimmt.
Gerade das gefällt mir ausgesprochen gut. House of the Dragon beginnt endlich stärker mit der Vorstellung aufzuräumen, dass man sich einfach für Team Schwarz oder Team Grün entscheiden müsste und damit automatisch auf der „richtigen“ Seite steht. Im Grunde beobachten wir zwei Seiten einer Familie dabei, wie sie ein ganzes Land für ihren Machtanspruch zugrunde richten. Selbst Figuren, deren Motive man nachvollziehen kann, treffen Entscheidungen, die kaum noch zu rechtfertigen sind.
Auch Daemon funktioniert für mich in dieser Staffel wieder wesentlich besser. Matt Smith besitzt ohnehin diese unglaubliche Präsenz, bei der manchmal schon ein Blick genügt. Nachdem seine Geschichte in Staffel 2 für meinen Geschmack teilweise etwas auf der Stelle trat, wird er diesmal wieder stärker in das eigentliche Geschehen eingebunden. Das tut sowohl der Figur als auch der gesamten Staffel gut.
Etwas schade finde ich dagegen, dass Aemond zeitweise weniger Raum bekommt, als ich nach Staffel 2 erwartet hätte. Gerade weil Ewan Mitchell aus der Figur eine der interessantesten und unberechenbarsten Personen der Serie gemacht hat, hätte ich gerne noch mehr von ihm gesehen. Ähnliches gilt stellenweise für andere Figuren. Das Ensemble ist mittlerweile einfach so groß, dass zwangsläufig einzelne Handlungsstränge für längere Zeit in den Hintergrund rücken.
Dafür hat mich Aegon erneut überrascht. Tom Glynn-Carney hat aus einer Figur, die man problemlos einfach als widerwärtigen Gegenspieler hätte schreiben können, einen erstaunlich vielschichtigen Charakter gemacht. Man muss Aegon nicht mögen, um seine Szenen interessant zu finden. Gerade seine Rückkehr im späteren Verlauf der Staffel gehört für mich zu den stärkeren Entwicklungen und verändert das Machtgefüge noch einmal erheblich.
Was House of the Dragon weiterhin hervorragend beherrscht, ist die technische Seite. Die Ausstattung ist gewaltig, die Schauplätze wirken glaubwürdig und die Kamera schafft immer wieder Bilder, die problemlos aus einem großen Kinofilm stammen könnten. Vor allem die Drachen sind inzwischen nicht mehr bloß spektakuläre CGI-Kreaturen. Sie besitzen unterschiedliche Erscheinungsbilder und beinahe eigene Persönlichkeiten. Gleichzeitig werden ihre Einsätze zunehmend grausamer. Wenn ein Drache über ein Schlachtfeld hinwegfegt, sieht das zwar beeindruckend aus, aber die Serie vergisst nicht, was sich dort unten eigentlich abspielt.
Und genau darin liegt für mich eine der größten Stärken dieser Staffel. Der Krieg wird nicht romantisiert. Die großen Häuser streiten um einen Stuhl, während unzählige Menschen dafür sterben, die mit diesem Konflikt überhaupt nichts zu tun haben. Je länger die Staffel dauert, desto deutlicher wird, dass es hier eigentlich keine Gewinner mehr geben kann.
Natürlich ist auch Staffel 3 nicht perfekt. Einige Handlungsstränge bekommen deutlich mehr Aufmerksamkeit als andere und gelegentlich merkt man der Serie weiterhin an, dass sie ihre Figuren für bestimmte zukünftige Ereignisse positionieren muss. Auch das Tempo schwankt. Nach einigen enorm ereignisreichen Episoden gibt es wieder ruhigere Abschnitte, bei denen man kurz das Gefühl bekommt, die Handlung würde auf die Bremse treten.
Allerdings haben mich diese Momente diesmal wesentlich weniger gestört als noch in Staffel 2, weil ich nie das Gefühl hatte, dass überhaupt nichts passiert. Selbst die ruhigeren Folgen verändern Figuren oder Machtverhältnisse. Man wartet nicht mehr ständig darauf, dass der Krieg irgendwann beginnt. Wir befinden uns mittendrin.
Und dann kommt das Finale.
„The Treasons at Tumbleton“ ist für mich tatsächlich die Folge, mit der Staffel 3 ihre perfekte Punktlandung hinlegt.
Die Schlacht von Tumbleton bietet noch einmal alles, was man sich von House of the Dragon wünschen kann: Verrat, Drachen, Feuer, Chaos und eine ganze Reihe von Entscheidungen, deren Auswirkungen weit über diese eine Schlacht hinausreichen. Gleichzeitig ist die Episode nicht einfach nur ein möglichst großes Actionfinale. Gerade die Entwicklungen rund um Rhaenyra sind mindestens ebenso wichtig wie das Spektakel.
Spätestens hier wird deutlich, wie weit sie sich inzwischen von der Rhaenyra entfernt hat, die wir am Anfang der Serie kennengelernt haben. Ihre zunehmende Überzeugung, nicht nur einen Anspruch auf den Thron zu besitzen, sondern beinahe eine höhere Bestimmung erfüllen zu müssen, macht mir wesentlich mehr Angst als irgendein Drache. Die Parallelen zu Daenerys sind dabei kaum zu übersehen, ohne dass Rhaenyra für mich einfach zu einer Kopie dieser Figur wird.
Dazu kommen Ulfs Verrat, Helaenas Schicksal und die erneute Verschiebung der Machtverhältnisse. Die Staffel endet damit zwar erneut mit zahlreichen offenen Fragen, aber diesmal fühlt es sich für mich völlig anders an als am Ende von Staffel 2. Damals hatte ich das Gefühl, mitten in der Vorbereitung auf das Finale einfach nach Hause geschickt worden zu sein. Diesmal habe ich ein Finale bekommen. Ein richtiges Finale. Und danach werden die Figuren für den letzten Akt dieser Geschichte aufgestellt.
Vielleicht ist genau das der größte Unterschied.
Staffel 2 sagte acht Folgen lang: Gleich passiert etwas.
Staffel 3 sagt: Jetzt passiert es.
Für mich ist die dritte Staffel deshalb bislang die stärkste Staffel von House of the Dragon. Sie verbindet endlich die politischen Machtspiele, die persönlichen Tragödien und das gewaltige Fantasy-Spektakel so miteinander, wie ich es mir von Beginn an gewünscht hatte. Nicht jede Figur bekommt den Raum, den sie verdient hätte, und nicht jede Entwicklung funktioniert gleichermaßen gut. Aber erstmals hatte ich über eine komplette Staffel hinweg wieder dieses Gefühl, das mir die besten Jahre von Game of Thrones vermittelt haben: Ich wollte nach einer Folge eigentlich sofort wissen, wie es weitergeht.
Nach dem eher ernüchternden Ende der zweiten Staffel hätte ich nicht unbedingt erwartet, dass ich das einmal sagen würde, aber Staffel 3 hat meine Begeisterung für House of the Dragon vollständig zurückgebracht.
Jetzt bleibt nur noch Staffel 4.
Und wenn die Serie dieses Niveau halten kann, dann könnte ausgerechnet der Untergang des Hauses Targaryen dafür sorgen, dass House of the Dragon am Ende doch noch als würdiger Nachfolger von Game of Thrones in Erinnerung bleibt.