Akte X: Jenseits der Wahrheit - Vrach Frankenshteyn - Mit mehr Blut, weniger Laufzeit und kaum neuen Wahrheiten zurück zu Mulder und Scully
Als der neue Director’s Cut von „Akte X – Jenseits der Wahrheit“ angekündigt wurde, war ich durchaus neugierig. Chris Carter versprach eine düsterere, härtere und stärker vom Frankenstein-Motiv geprägte Fassung des zweiten Kinofilms, und gerade weil ich das Original nie so schlecht fand wie viele andere, klang das für mich interessant. Natürlich habe ich nicht erwartet, plötzlich einen vollkommen neuen Film zu sehen, aber zumindest eine Version, bei der man anschließend versteht, warum Carter nach 18 Jahren noch einmal Hand angelegt hat. Nachdem seine letzten Interviews und die ersten Rezensionen meine Erwartungen bereits deutlich gedämpft hatten, bin ich entsprechend vorsichtig an „Vrach Frankenshteyn“ herangegangen. Trotzdem war ich am Ende ernüchtert.
Dabei habe ich mit „Jenseits der Wahrheit“ grundsätzlich weniger Probleme als viele andere. Natürlich ist der Film kein zweites „Fight the Future“ und als Kinofilm erstaunlich klein gedacht. Statt großer Mythologie, Aliens und Verschwörungen gibt es einen düsteren Einzelfall, der eher wie eine verlängerte Monster-of-the-Week-Episode funktioniert. Das fand ich nie grundsätzlich schlecht. Die verschneiten Landschaften, Mark Snows Musik und vor allem Mulder und Scully sorgen für genügend Akte-X-Atmosphäre, damit ich mit dem Film meinen Spaß haben kann. Genau deshalb war ich neugierig, ob Carter aus diesem ohnehin düsteren Stoff nachträglich tatsächlich noch etwas mehr herausholen kann.
Das Überraschende ist zunächst, dass die neue Fassung nicht länger, sondern deutlich kürzer geworden ist. Die Kinofassung lief rund 104 Minuten, der Extended Cut etwa 108 Minuten und „Vrach Frankenshteyn“ kommt nur noch auf ungefähr 98 Minuten inklusive Abspann. Carter hat also nicht umfangreiches unveröffentlichtes Material hervorgeholt, sondern hauptsächlich geschnitten, umgestellt und gestrafft. Ein Director’s Cut muss natürlich nicht automatisch länger sein. Nur hatte ich hier nie das Gefühl, plötzlich eine grundlegend neue oder entscheidend verbesserte Version zu sehen.
Vor allem der angekündigte Horror ist eine ziemliche Luftnummer. Ja, während der chirurgischen Szenen gibt es etwas mehr Gore und Body Horror, einige Einstellungen dürfen etwas länger stehen und gerade gegen Ende wird das Geschehen geringfügig expliziter. Aber wer den Extended Cut kennt, dürfte sich ebenfalls fragen, wo denn nun die große Horrorvision geblieben ist. Ich habe jedenfalls kaum etwas entdeckt, das den Film plötzlich wesentlich härter oder verstörender machen würde. Einige reguläre Akte-X-Episoden fand ich deutlich unheimlicher als das, was hier geboten wird.
Auch der Frankenstein-Aspekt wird dadurch nicht plötzlich zu einem wesentlich stärkeren Bestandteil des Films. Die Parallelen waren schließlich schon immer vorhanden: medizinische Experimente, menschliche Körperteile, Transplantationen und der Versuch, aus verschiedenen Körpern etwas Neues entstehen zu lassen. Ein paar blutigere Einstellungen machen daraus aber noch keine neue Interpretation. Gerade bei einem derart auffälligen Untertitel hätte ich erwartet, dass dieser Gedanke stärker herausgearbeitet wird.
Einige Kürzungen finde ich durchaus nachvollziehbar. Der inzwischen ziemlich in die Jahre gekommene George-W.-Bush-Gag ist verschwunden, ebenso wurde Dakota Whitneys Schwärmerei für Mulder zurückgefahren. Auch einige Verweise auf Samantha und William wurden entfernt, weil Carter den Film heute stärker als eigenständigen Fall betrachtet. Das kann man machen, gerade wenn die neue Fassung vielleicht auch Zuschauer erreichen soll, die nicht jede Wendung der Serienmythologie im Kopf haben.
Deutlich weniger nachvollziehen kann ich die Veränderungen bei Mulder und Scully. Carter hat bewusst Teile ihrer Beziehung herausgenommen, darunter zwei Küsse, weil die späteren Staffeln 10 und 11 diesen Bereich inzwischen ausführlicher behandelt hätten. Für mich ist das eine merkwürdige Begründung. Der Film stammt nun einmal aus dem Jahr 2008 und sollte auch in diesem Kontext betrachtet werden. Damals war es etwas Besonderes, Mulder und Scully nach dem Ende der ursprünglichen Serie gemeinsam und als Paar zu erleben. Diese Momente nachträglich zu entfernen, weil Jahre später weitere Staffeln entstanden sind, verbessert den Film für mich nicht.
Noch dazu ist die Chemie zwischen David Duchovny und Gillian Anderson weiterhin mit Abstand eine der größten Stärken. Warum sollte ich ausgerechnet davon weniger haben wollen? Die beiden brauchen eigentlich nur miteinander zu reden oder zu diskutieren und sofort ist dieses vertraute Akte-X-Gefühl wieder da. Mulders Bereitschaft, an das Unwahrscheinliche zu glauben, trifft auf Scullys Rationalität und Skepsis – und dieses Zusammenspiel funktioniert nach wie vor hervorragend.
Gillian Anderson bekommt dabei das interessantere Material. Scullys Geschichte mit ihrem schwer kranken jungen Patienten, ihre Auseinandersetzung mit ihrem Glauben und besonders ihr Verhältnis zu Father Joe geben ihr eine emotionale Ebene, die Mulder weitgehend fehlt. Anderson spielt diese innere Zerrissenheit hervorragend. Mulder dagegen bekommt einen neuen Fall und ist praktisch sofort wieder der alte Mulder. Er folgt seinen Instinkten und glaubt wesentlich schneller als alle anderen daran, dass Father Joes Visionen tatsächlich etwas bedeuten. Eine große Entwicklung macht er nicht durch, aber Duchovny funktioniert in der Rolle einfach.
Billy Connolly bleibt für mich das Highlight unter den Nebendarstellern. Father Joe ist eine schwierige Figur, weil seine Vergangenheit dafür sorgt, dass man ihm eigentlich keinerlei Sympathie entgegenbringen möchte. Gleichzeitig scheint er tatsächlich über eine übersinnliche Gabe zu verfügen und wird damit zum wichtigsten Schlüssel des Falls. Connolly schafft es erstaunlich gut, dieser Figur Menschlichkeit zu verleihen, ohne ihre Vergangenheit kleinzureden. Gerade seine Szenen mit Scully gehören weiterhin zu den stärksten des Films.
Bei den übrigen Nebenfiguren sieht es deutlich schwächer aus. Amanda Peet und Alvin „Xzibit“ Joiner erfüllen ihre Aufgaben, bleiben aber kaum im Gedächtnis. Noch problematischer finde ich die eigentlichen Gegenspieler. Wenn ich einen Director’s Cut ausdrücklich nach Frankenstein benenne und stärker als Horrorfilm verkaufen möchte, hätte ich gerade hier angesetzt. Die Täter bleiben aber weiterhin zu blass. Ein paar zusätzliche blutige Bilder ändern daran nichts.
Interessanter fand ich einige Veränderungen bei Musik und Sounddesign. Es wurden neue Songs eingefügt und Szenen teilweise anders musikalisch gestaltet. „I Fall to Pieces“ hat durchaus etwas amüsant Makabres, während „Theme from Harry’s Game“ eine schöne, eindringliche Stimmung erzeugt. Trotzdem bin ich nicht überzeugt, dass diese Änderungen besser sind. Gerade Mark Snows ursprüngliches „The Surgery“ passte für mich hervorragend. Durch die Straffungen gewinnt der Film an manchen Stellen Tempo, verliert an anderen aber Atmosphäre. Unter dem Strich ist das für mich nahezu ein Nullsummenspiel. Schön ist dagegen das erweiterte „In Memoriam“ im Abspann, das unter anderem Mark Snow würdigt.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht, dass „Vrach Frankenshteyn“ plötzlich ein schlechter Film wäre. Der zugrunde liegende Film ist schließlich noch immer derselbe, und ich halte „Jenseits der Wahrheit“ ohnehin für besser als seinen Ruf. Wer ihn allerdings schon immer langweilig, zu klein und für einen Kinofilm zu unspektakulär fand, wird seine Meinung durch diese Fassung kaum ändern. Und wer ihn bisher mochte, bekommt teilweise sogar weniger von den Dingen, die funktioniert haben.
Am Ende bleibt „Jenseits der Wahrheit“ für mich das, was er schon 2008 war: eine atmosphärische, überlange Monster-of-the-Week-Episode mit einem eher durchschnittlichen Fall, blassen Gegenspielern, starken Momenten für Scully, einem hervorragenden Billy Connolly und vor allem der immer noch großartigen Chemie zwischen Duchovny und Anderson. Wenn man ihn mit dieser Erwartung betrachtet und nicht auf ein zweites großes Mythologie-Abenteuer hofft, kann man durchaus seinen Spaß damit haben.
Wenn ich heute zwischen den Fassungen wählen müsste, würde ich trotzdem weiterhin zum Extended Cut greifen. Nicht weil „Vrach Frankenshteyn“ den Film ruiniert, sondern weil ich schlicht keinen überzeugenden Mehrwert sehe. Ein bisschen mehr Gore hier, ein anderer Musikeinsatz dort und einige herausgeschnittene Szenen machen noch keine neue Vision. Vielleicht bringt die Veröffentlichung wenigstens neue Zuschauer zu Akte X oder sorgt dafür, dass alte Fans dem zweiten Kinofilm noch einmal eine Chance geben.
Als Director’s Cut bleibt das Ganze für mich allerdings eine Enttäuschung. Der Film ist noch immer besser als sein Ruf, Mulder und Scully funktionieren noch immer wunderbar und Billy Connolly ist noch immer großartig. Nur die groß angekündigte neue Fassung ist wesentlich weniger aufregend, als ihr sperriger Titel vermuten lässt.
Vrach Frankenshteyn ist für mich deshalb keine definitive Version von „Jenseits der Wahrheit“, sondern hauptsächlich eine andere – und nicht unbedingt bessere.