Der Aufstieg des modernen Horrorkinos - Die 1970er-Jahre
Der Aufbruch des modernen Horrorkinos - Einleitung
Kaum eine Epoche hat das Horrorkino so nachhaltig geprägt wie die 1970er- und 1980er-Jahre. Zahlreiche Figuren, Motive und Erzählformen, die heute untrennbar mit dem Genre verbunden sind, entstanden in diesen beiden Jahrzehnten oder erhielten damals ihre bis heute maßgebliche Form. Besessene Kinder, kannibalische Familien, maskierte Serienmörder, außerirdische Organismen, untote Horden, körperliche Mutationen, mörderische Traumgestalten und Dämonen aus anderen Dimensionen eroberten die Leinwand.
Eine buchstäblich vollständige Erfassung jedes weltweit produzierten Horrorfilms dieser zwanzig Jahre würde mehrere Tausend Titel umfassen. Neben den bekannten Kinoerfolgen entstanden unzählige regionale Produktionen, Exploitationfilme, Fernsehfilme, Amateurarbeiten und Werke, deren Einordnung zwischen Horror, Thriller, Science-Fiction und Fantasy bis heute umstritten ist. Diese Filmdoku konzentriert sich deshalb auf die prägenden, historisch bedeutsamen, erfolgreichen, einflussreichen und für einzelne Länder oder Subgenres wichtigen Produktionen. Auch weniger bekannte Filme werden berücksichtigt, sofern sie eine erkennbare Bedeutung für die Entwicklung des Genres besitzen.
Die 1970er-Jahre verwandelten den Horror grundlegend. Die klassischen Monster verschwanden zwar nicht, doch Dracula, Frankenstein und der Werwolf verloren ihre frühere Vormachtstellung. An ihre Stelle traten zeitgenössische Ängste: der Zerfall der Familie, religiöse Verunsicherung, gesellschaftliche Gewalt, politische Paranoia, Umweltkatastrophen, urbane Vereinsamung und der Verlust des Vertrauens in staatliche oder wissenschaftliche Institutionen.
Das Böse lebte nun nicht mehr ausschließlich in Burgruinen, Gruften und abgelegenen Dörfern. Es drang in amerikanische Vorstädte, moderne Wohnungen, Krankenhäuser, Ferienhäuser, Polizeistationen und scheinbar gewöhnliche Familien ein. Filme wie Der Exorzist, Blutgericht in Texas, Das Omen, Carrie, Halloween, Dawn of the Dead und Alien machten den Horror unmittelbarer, körperlicher und gesellschaftlich anschlussfähiger.
Die 1980er-Jahre griffen diese Entwicklung auf und verwandelten das Genre zunehmend in ein populäres, vermarktbares Unterhaltungskino. Maskierte Täter wie Michael Myers, Jason Voorhees und später Freddy Krueger wurden zu wiedererkennbaren Marken. Gleichzeitig erreichte die handwerkliche Kunst der Maskenbildner und Spezialeffekttechniker einen Höhepunkt. Künstler wie Rick Baker, Rob Bottin, Tom Savini, Stan Winston und Chris Walas ließen Körper vor laufender Kamera zerreißen, mutieren, verwesen und neue Formen annehmen.
Das Heimvideo veränderte zusätzlich die Verbreitung des Horrors. Filme, die im Kino nur ein begrenztes Publikum erreicht hatten, konnten auf VHS ein zweites Leben beginnen. Videotheken, auffällige Kassettenhüllen und internationale Verleiher machten selbst kleine Produktionen weltweit bekannt. Gleichzeitig löste die unregulierte oder nur schwach kontrollierte Verbreitung drastischer Filme heftige Zensurdebatten aus. Besonders in Großbritannien entstand Anfang der 1980er-Jahre die sogenannte „Video-Nasties“-Kontroverse, nachdem zuvor ungekürzte Horrorfilme auf Videokassette leicht zugänglich geworden waren.
Die Ausgangslage zu Beginn der 1970er-Jahre
Am Anfang des Jahrzehnts befand sich das traditionelle Horrorkino in einer Übergangsphase. Die britische Produktionsfirma Hammer Film Productions setzte ihre erfolgreichen Dracula-, Frankenstein- und Mumienreihen fort, suchte jedoch nach Möglichkeiten, sie einem jüngeren Publikum anzupassen. Die Gothicfilme wurden freizügiger, blutiger und erotischer. Gleichzeitig verloren sie gegenüber dem zeitgenössischen Horror zunehmend an Wirkung.
In den USA hatte George A. Romero mit Die Nacht der lebenden Toten bereits 1968 gezeigt, dass ein wirkungsvoller Horrorfilm nicht von bekannten Stars, großen Studios oder aufwendigen Kulissen abhängig sein musste. Romeros Film kombinierte dokumentarisch wirkende Schwarz-Weiß-Bilder mit gesellschaftlicher Unruhe und drastischer Gewalt. Seine lebenden Toten wurden zum Ausgangspunkt des modernen Zombiefilms.
Roman Polanskis Rosemaries Baby von 1968 hatte das Übernatürliche dagegen in eine alltägliche Großstadtwohnung verlegt. Der Film zeigte, wie sich religiöser Horror, psychologische Unsicherheit und moderne Lebenswirklichkeit miteinander verbinden ließen. Diese beiden Werke bereiteten gemeinsam mit Filmen wie Psycho, Peeping Tom, Die Vögel und Tanz der Vampire den Boden für das folgende Jahrzehnt.
Das amerikanische Studiosystem befand sich ebenfalls im Wandel. Jüngere Regisseure erhielten zeitweise größere Freiheiten, während unabhängige Produzenten entdeckten, dass Horrorfilme mit vergleichsweise kleinen Budgets hohe Gewinne erzielen konnten. Der Horror wurde dadurch zu einem Experimentierfeld, in dem Anfänger, Außenseiter und künftige Meisterregisseure ihre ersten großen Arbeiten realisieren konnten.