Bessy – Die berühmte Collie-Hündin zwischen Wildwest-Comic, EUROPA-Klassiker und Poly-Abenteuer
Zwischen belgischer Comicgeschichte, deutschem Heftenerfolg und drei Hörspielproduktionen – Serienhintergrund
Bessy gehört zu den erfolgreichsten europäischen Abenteuercomicserien des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht eine kluge und mutige Collie-Hündin, die gemeinsam mit ihrem Besitzer Andy Cayoon im Wilden Westen lebt und immer wieder entscheidend zur Rettung bedrohter Menschen beiträgt. Bessy ist dabei keine sprechende oder vermenschlichte Tierfigur. Sie bleibt ein Hund, handelt jedoch mit außergewöhnlicher Intelligenz, Treue und Instinktsicherheit.
Die Serie wurde 1952 vom belgischen Comiczeichner Willy Vandersteen entwickelt. Karel Verschuere, der in Vandersteens Studio arbeitete, war wesentlich an der zeichnerischen Ausgestaltung beteiligt. Beide veröffentlichten frühe Geschichten unter dem gemeinsamen Pseudonym Wirel, das sich aus ihren Vornamen Willy und Karel zusammensetzte. Die Grundidee war erkennbar vom weltweiten Erfolg der Collie-Geschichten um Lassie beeinflusst. Anders als Lassie lebte Bessy jedoch nicht in einer modernen Familienwelt, sondern im historischen Milieu des amerikanischen Westens.
Bessys menschlicher Gefährte ist Andy Cayoon. Er ist ein junger Farmerssohn und Abenteurer, der sich zwischen Ranches, Minenstädten, Wäldern, Prärien und kleinen Westernorten bewegt. Gemeinsam begegnen Andy und Bessy Banditen, Betrügern, Viehdieben, skrupellosen Geschäftsleuten, Gesetzlosen und Menschen in Not. In vielen Geschichten erkennt Bessy die Gefahr früher als ihr Besitzer oder kann handeln, während Andy gefangen, verletzt oder anderweitig ausgeschaltet ist.
Die Comicserie erschien zunächst in Belgien und wurde später in mehreren europäischen Ländern veröffentlicht. Besonders erfolgreich war sie in Westdeutschland. Nach ersten Veröffentlichungen als Fortsetzungsgeschichte und in Zeitschriften wie Pony und Felix erhielt Bessy 1965 eine eigene Heftreihe beim Bastei-Verlag. Bis 1985 erschienen dort 992 Hefte, ergänzt durch Taschenbücher, Sammelbände, Neuauflagen und Sonderausgaben. Damit wurde Bessy in Deutschland zeitweise zu einer der bekanntesten Comicfiguren des Bastei-Programms.
Dieser Erfolg führte Anfang der 1970er-Jahre auch zu Hörspieladaptionen. Das Label EUROPA produzierte zwei Abenteuer, die in Zusammenarbeit mit dem Bastei-Verlag auf Langspielplatte erschienen. 1980 folgte bei Poly ein drittes Hörspiel mit neuer Besetzung, neuer Produktion und einem eigenen Stil. Die drei Titel werden heute häufig gemeinsam als Bessy-Hörspiele geführt, bilden produktionstechnisch jedoch keine einheitliche dreiteilige Serie.
Die deutschsprachigen Bessy-Hörspiele – Folgenliste
Zur deutschsprachigen Hörspielgeschichte von Bessy gehören:
Die Dynamitfalle
Der Gesetzlose
Der Wundercolt von Abilane
Die Dynamitfalle und Der Gesetzlose bilden die eigentliche EUROPA-Reihe. Sie entstanden 1972 beziehungsweise 1973 im Studio EUROPA und erschienen zunächst auf Langspielplatte innerhalb der Reihe EUROPA exquisit. Beide Hörspiele wurden von Brigitte Weber bearbeitet und von Heikedine Körting inszeniert. Hans Paetsch fungiert als Erzähler, während Bernd Kreibich in beiden Produktionen Andy Cayoon spricht.
Der Wundercolt von Abilane erschien 1980 bei Poly aus dem Hause Deutsche Grammophon. Dieses Hörspiel besitzt weder dieselbe Besetzung noch dasselbe Produktionsteam wie die beiden EUROPA-Folgen. Andy wird nun von Peter Kirchberger gesprochen, Gunter Hartung übernimmt die Erzählerrolle. Jürgen Albrecht schrieb das Hörspiel und führte Regie, produziert wurde es von der Satellit GmbH.
Damit existieren drei deutsche Bessy-Hörspiele, aber nur zwei davon bilden eine unmittelbar zusammengehörige Reihe. Das dritte Abenteuer ist eine eigenständige spätere Adaption der Comicwelt.
Bessy – Eine Heldin ohne eigene Stimme
Bessy ist die eigentliche Hauptfigur, obwohl sie keine Dialogrolle besitzt. Sie wird weder von einer Sprecherin gesprochen noch mit menschlichen Gedanken ausgestattet. Ihre Persönlichkeit entsteht durch das Verhalten, das der Erzähler beschreibt, durch die Reaktionen der übrigen Figuren und durch ihre hörbaren Bewegungen.
Gerade darin liegt eine Besonderheit der Hörspiele. Eine Comicfigur kann durch Zeichnungen, Gesichtsausdruck und Körperhaltung handeln. Im Hörspiel muss dieselbe Wirkung über Erzählertext, Geräusche und Dialoge vermittelt werden. Wenn Bessy eine Spur aufnimmt, davonläuft, jemanden warnt oder einem Täter folgt, muss der Hörer allein anhand der akustischen Inszenierung verstehen, was sie tut.
Bessy handelt ausgesprochen selbstständig. Sie wartet nicht ständig auf Andys Befehle, sondern erkennt Gefahren und trifft eigene Entscheidungen. Wird Andy festgesetzt oder kann nicht eingreifen, übernimmt sie die Initiative. Sie sucht Hilfe, folgt Spuren oder greift in entscheidenden Augenblicken an.
Die Hündin verkörpert Treue, Mut und Gerechtigkeitssinn. Sie unterscheidet instinktiv zwischen Freunden und Feinden und lässt sich von Drohungen kaum abschrecken. Gleichzeitig bleibt sie eng an Andy gebunden. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist der emotionale Kern aller drei Hörspiele.
Andy Cayoon – Farmerssohn und Westernheld
Andy Cayoon ist Bessys Besitzer und engster Gefährte. In den Comics und Hörspielen wird er als junger, mutiger und hilfsbereiter Mann dargestellt, der auf der Pineapple-Ranch beziehungsweise im Umfeld seiner Familie lebt. Er bewegt sich selbstverständlich durch die Welt des Wilden Westens, kann reiten und scheut sich nicht davor, gegen Kriminelle oder ungerechte Machthaber einzutreten.
Andy besitzt keine offizielle Ermittlerfunktion. Er ist weder Sheriff noch Detektiv, gerät aber durch Zufall oder seine Hilfsbereitschaft regelmäßig in Verbrechen hinein. Sobald er erkennt, dass jemand bedroht oder betrogen wird, mischt er sich ein.
Seine Entschlossenheit führt gelegentlich dazu, dass er selbst in Schwierigkeiten gerät. In Die Dynamitfalle wird er nach einer Auseinandersetzung festgesetzt und kann die drohende Katastrophe nicht selbst verhindern. Bessy muss deshalb allein handeln. Dieses Muster zeigt sehr deutlich, wie die Rollen verteilt sind: Andy erkennt das Unrecht und versucht einzugreifen, doch Bessy wird häufig zur entscheidenden Retterin.
In den beiden EUROPA-Hörspielen wird Andy von Bernd Kreibich gesprochen. Seine junge, energische Stimme passt zum abenteuerlustigen Farmerssohn. Im Poly-Hörspiel übernimmt Peter Kirchberger die Rolle und zeichnet Andy etwas erwachsener und stärker als klassischen Westernhelden.
Die Dynamitfalle – Ein ganzer Ort in Lebensgefahr
Die Dynamitfalle erschien 1972 als erste Hörspieladaption bei EUROPA. Andy Cayoon befindet sich mit Bessy auf dem Weg zum Gamble-See und macht in Buffalo Station Halt. Dort gerät er in einen Plan, der nicht nur die junge Jennifer Adams um ihr Erbe bringen, sondern die gesamte Stadt zerstören soll.
Hinter dem Verbrechen stehen Männer, die vor nichts zurückschrecken. Dynamit wird zur zentralen Bedrohung, und die Gefahr ist deutlich größer als bei einem gewöhnlichen Überfall oder Diebstahl. Eine Explosion könnte zahlreiche Menschen töten und Buffalo vernichten.
Andy erkennt die Zusammenhänge, kann aber nach einer Auseinandersetzung mit einem Cowboy nicht mehr frei handeln. Er wird eingesperrt und ist dadurch ausgerechnet in dem Moment ausgeschaltet, in dem seine Hilfe am dringendsten gebraucht wird. Bessy bleibt als Einzige frei.
Die Hündin muss nun selbstständig handeln, Verbündete finden und verhindern, dass der Plan der Verbrecher gelingt. Dadurch wird bereits in der ersten Folge sehr deutlich, dass Bessy nicht bloß Andys tierische Begleitung ist. Ohne ihre Wachsamkeit und ihren Mut wären die menschlichen Figuren verloren.
Die Geschichte verbindet klassische Westernelemente mit einer für ein Jugendhörspiel ungewöhnlich großen Bedrohung. Es gibt einen Saloon, einen Sheriff, zwielichtige Cowboys, Erbschaftsbetrug und eine Stadt, die durch Sprengstoff gefährdet wird. Das Hörspiel besitzt dadurch ein höheres Tempo und mehr Dramatik als eine reine Tiergeschichte.
Hans Paetsch, Bernd Kreibich und das Ensemble von Die Dynamitfalle
Hans Paetsch führt als Erzähler durch die Handlung. Seine Stimme gibt der Geschichte jene klassische Abenteueratmosphäre, die viele frühe EUROPA-Produktionen prägt. Er beschreibt Bessys Handlungen, verbindet die Schauplätze und sorgt dafür, dass die stumme Tierfigur jederzeit im Mittelpunkt bleibt.
Bernd Kreibich spricht Andy Cayoon. Harald Graf ist als Ben Warden zu hören, Helmut Kolar als Jim Murphy und Horst Stark als Sheriff Travis. Doris Steinmüller übernimmt Jennifer Adams, Horst Beck spricht Steve Conrads und Reiner Brönneke ist als Jerry Gibbins beteiligt.
Andreas von der Meden spricht Chuck. Auf der ursprünglichen Veröffentlichung wurde dafür das Pseudonym Hans Meinhardt verwendet. Andreas Beurmann ist als Kutscher und zusätzlich als Gast im Saloon zu hören; bei einer Rollenangabe wurde das Pseudonym Charles Ponti benutzt.
Die Besetzung besteht damit aus mehreren Stimmen, die den EUROPA-Klang der frühen 1970er-Jahre stark mitprägten. Hans Paetsch sorgt für erzählerische Größe, während Horst Stark, Horst Beck, Reiner Brönneke und Andreas von der Meden den Westernfiguren klare akustische Konturen geben.