Der Zauberer von Oz (Graphic Novel)
Es gibt Geschichten, die einfach nie ihren Zauber verlieren. Der Zauberer von Oz gehört für mich ganz klar dazu. L. Frank Baums Roman begeistert seit über hundert Jahren Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt und wurde unzählige Male neu interpretiert. Entsprechend neugierig war ich auf diese Graphic Novel aus dem Toonfish-Programm des Splitter Verlags – und ich muss sagen: Sie hat mich positiv überrascht.
Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass diese Adaption den klassischen Stoff ernst nimmt. Dorothy lebt gemeinsam mit Tante Em, Onkel Henry und ihrem Hund Toto auf einem einsamen Bauernhof in Kansas. Die ruhige, fast idyllische Atmosphäre wird wunderbar eingefangen, bevor der gewaltige Wirbelsturm das vertraute Leben der beiden innerhalb weniger Augenblicke auf den Kopf stellt und sie in das geheimnisvolle Land Oz trägt. Genau so beginnt auch der Roman – und die Graphic Novel bleibt diesem Einstieg erfreulich treu.
Besonders gut gefallen hat mir die Charakterisierung von Dorothy. Sie wirkt jung, neugierig und mutig, ohne dabei zur überzeichneten Heldin zu werden. Man nimmt ihr ihre Unsicherheit ebenso ab wie ihre Entschlossenheit, den Weg nach Hause zu finden. Noch mehr ans Herz gewachsen ist mir allerdings Toto. Der kleine Hund bekommt erstaunlich viel Persönlichkeit und sorgt immer wieder für charmante und humorvolle Momente. Die Beziehung zwischen den beiden wirkt herzlich und glaubwürdig und bildet das emotionale Fundament der Geschichte.
Zeichnerisch ist das Album für mich der größte Pluspunkt. Hélène Canac erschafft eine wunderschöne, farbenfrohe Welt, die märchenhaft wirkt, ohne kitschig zu werden. Kansas erscheint zunächst warm und friedlich, während der Wirbelsturm eindrucksvoll Dynamik und Gefahr vermittelt. Anschließend öffnet sich mit Oz eine Welt voller leuchtender Farben, fantasievoller Figuren und liebevoll gestalteter Landschaften. Jede Seite lädt dazu ein, länger darauf zu verweilen und kleine Details zu entdecken.
Auch das Erzähltempo überzeugt. Die Geschichte wird angenehm flüssig erzählt und verliert sich nicht in unnötigen Abschweifungen. Gleichzeitig nimmt sich die Graphic Novel genügend Zeit, um Dorothy und ihre Welt vorzustellen. Gerade für jüngere Leser dürfte das den Einstieg erleichtern, ohne dass Erwachsene das Gefühl haben, nur eine stark vereinfachte Version des Romans zu lesen.
Natürlich muss eine Graphic Novel gegenüber einem Roman zwangsläufig kürzen. Einige Szenen fallen kompakter aus und manche Figuren erhalten weniger Raum als in der literarischen Vorlage. Das empfinde ich hier allerdings nicht als Nachteil, weil die wichtigsten Stationen der Geschichte erhalten bleiben und der Geist des Originals jederzeit spürbar ist.
Das Hardcover ist hochwertig verarbeitet und das großzügige Albumformat kommt den Zeichnungen hervorragend zugute. Gerade diese Ausgabe wirkt wie ein Buch, das man gerne mehrfach zur Hand nimmt oder auch verschenkt.
Mein einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass manche Leser, die den Roman in- und auswendig kennen, vielleicht noch etwas mehr Tiefe oder zusätzliche Szenen vermissen könnten. Das liegt jedoch weniger an dieser Umsetzung als an den Grenzen des Mediums. Als Graphic Novel funktioniert die Geschichte hervorragend.
Unterm Strich ist Der Zauberer von Oz eine ausgesprochen gelungene Comic-Adaption eines Kinderbuchklassikers. Sie bleibt der Vorlage erstaunlich treu, erzählt die Geschichte mit viel Herz und begeistert vor allem durch ihre wunderschönen Illustrationen. Sowohl langjährige Oz-Fans als auch Neulinge dürften hier viel Freude haben.
Für mich eine liebevolle, stimmungsvolle und visuell beeindruckende Umsetzung eines zeitlosen Klassikers, die Lust macht, anschließend auch wieder den Originalroman zur Hand zu nehmen.