Supergirl – Eine Heldin mit Ecken, Kanten und viel Herz
Nach dem gelungenen Neustart des DC-Universums mit Superman war ich sehr gespannt darauf, welchen Weg Supergirl einschlagen würde. Schon die ersten Trailer deuteten an, dass Kara Zor-El deutlich anders angelegt sein würde als ihr berühmter Cousin. Genau das bestätigt der Film auch. Statt einer klassischen Superheldengeschichte erwartet einen ein ungewöhnlicher Mix aus Science-Fiction, Roadmovie und Western, der sich bewusst Zeit für seine Figuren nimmt und deutlich persönlicher erzählt wird als viele andere Comicverfilmungen.
Bereits zu Beginn wird klar, dass Kara eine völlig andere Vergangenheit mit sich herumträgt als Superman. Während Clark Krypton nie bewusst erlebt hat, musste Kara den Untergang ihrer Heimat und den Verlust ihrer Familie miterleben. Diese Erfahrungen haben tiefe Spuren hinterlassen und prägen ihr gesamtes Handeln. Der Film macht daraus keinen Selbstzweck, sondern nutzt dieses Trauma als Grundlage für eine Heldin, die mit sich selbst kämpft und ihren Platz im Universum erst noch finden muss.
Milly Alcock trägt den Film dabei nahezu mühelos. Sie verleiht Kara genau die richtige Mischung aus Schlagfertigkeit, Verletzlichkeit und Trotz. Man nimmt ihr jederzeit ab, dass hinter der lockeren Fassade eine Frau steckt, die noch immer versucht, mit ihrer Vergangenheit fertigzuwerden. Gerade diese Unvollkommenheit macht ihre Version von Supergirl sympathisch und unterscheidet sie angenehm von vielen makellosen Comichelden.
Auch Eve Ridley hinterlässt als Ruthye einen sehr positiven Eindruck. Zwischen ihr und Kara entwickelt sich im Laufe der Handlung eine glaubwürdige Beziehung, die weit mehr ist als eine einfache Zweckgemeinschaft. Beide verbindet der Verlust ihrer Familien, doch während Ruthye von Rache angetrieben wird, beginnt Kara langsam zu erkennen, dass Gewalt nicht jede Wunde heilen kann. Diese Entwicklung gehört für mich zu den stärksten Aspekten des Films.
Optisch schlägt Supergirl ebenfalls einen eigenen Weg ein. Statt ständig auf riesige Metropolen zu setzen, führt die Geschichte quer durch unterschiedlichste Welten. Viele dieser Schauplätze wirken angenehm dreckig, rau und bewohnt, was hervorragend zur Western-Atmosphäre passt. Immer wieder fühlte ich mich an klassische Science-Fiction-Abenteuer erinnert, ohne dass der Film dabei wie eine bloße Kopie anderer Werke wirkt.
Die Action ist abwechslungsreich inszeniert und bietet einige wirklich gelungene Momente. Vor allem wenn Kara ihre Kräfte voll einsetzen kann, entstehen spektakuläre Szenen. Gleichzeitig verliert der Film seine Figuren nie völlig aus den Augen und versucht, die Kämpfe sinnvoll in die Handlung einzubetten.
Ganz ohne Schwächen bleibt Supergirl allerdings nicht. Vor allem das Drehbuch wirkt stellenweise etwas unausgewogen. Der Film besitzt viele interessante Ideen, nimmt sich für einige davon aber zu wenig Zeit. Manche Szenen wechseln recht abrupt, sodass der Eindruck entsteht, als wären einzelne Handlungsabschnitte im Schneideraum gekürzt worden. Dadurch fehlt einigen emotionalen Momenten etwas von ihrer eigentlichen Wirkung.
Auch der Gegenspieler Krem bleibt leider hinter seinen Möglichkeiten zurück. Matthias Schoenaerts spielt die Rolle zwar überzeugend, doch seine Figur erhält nur wenig Profil. Dadurch fehlt dem Film ein Antagonist, der Kara wirklich auf Augenhöhe fordert oder nachhaltig in Erinnerung bleibt.
Ähnlich geht es Jason Momoa als Lobo. Er bringt viel Charisma mit und sorgt immer wieder für unterhaltsame Auftritte. Trotzdem hatte ich mehrfach das Gefühl, dass seine Rolle eher dazu dient, die Figur für zukünftige Filme einzuführen, als der eigentlichen Geschichte einen entscheidenden Mehrwert zu geben.
Bei den visuellen Effekten bewegt sich Supergirl ebenfalls zwischen sehr gelungenen und etwas schwächeren Momenten. Viele Welten und Kreaturen sehen hervorragend aus, an einigen Stellen erkennt man den digitalen Ursprung der Hintergründe jedoch recht deutlich. Das schmälert den Gesamteindruck zwar nicht gravierend, verhindert aber, dass der Film auch technisch durchgehend auf höchstem Niveau spielt.
Musikalisch bleibt ebenfalls etwas Potenzial ungenutzt. Der Score unterstützt die Handlung zuverlässig, entwickelt aber kein Thema, das sich dauerhaft im Gedächtnis festsetzt. Gerade bei einer Figur wie Supergirl hätte ich mir hier etwas mehr Wiedererkennungswert gewünscht.
Was mir insgesamt besonders gefallen hat, ist der Mut, keine typische Weltuntergangsgeschichte erzählen zu wollen. Statt immer größer, lauter und spektakulärer zu werden, konzentriert sich der Film auf seine Figuren und ihre persönliche Entwicklung. Das sorgt zwar dafür, dass sich die Handlung zwischendurch etwas ruhiger anfühlt, verleiht dem Film aber gleichzeitig eine emotionale Ebene, die vielen Genrevertretern fehlt.
Mein Eindruck nach dem Kinobesuch fällt deshalb insgesamt positiv aus. Supergirl ist vielleicht nicht ganz so rund und mitreißend wie Superman, besitzt aber genügend eigene Stärken, um sich im neuen DC-Universum zu behaupten. Milly Alcock überzeugt auf ganzer Linie, die ungewöhnliche Mischung aus Science-Fiction und Western funktioniert erstaunlich gut, und die emotionale Geschichte bleibt auch nach dem Abspann noch eine Weile im Kopf. Einige erzählerische Schwächen und ein etwas blasser Bösewicht verhindern zwar den ganz großen Wurf, dennoch ist Supergirl ein unterhaltsamer und erfreulich eigenständiger Beitrag zum neuen DC-Universum, der Lust auf weitere Abenteuer mit Kara Zor-El macht.