Obsession – Verstörende Wunschfantasie, die unter die Haut geht
Obsession hat mich im Kino deutlich mehr getroffen, als ich zuerst erwartet hätte. Auf den ersten Blick klingt die Grundidee fast simpel: Ein schüchterner junger Mann wünscht sich, dass seine große heimliche Liebe ihn endlich zurückliebt. Das ist im Grunde ein alter Wunschtraum, wie ihn unzählige romantische Komödien schon viel zu oft verkauft haben. Nur macht dieser Film daraus keinen süßen Traum, sondern einen richtig unangenehmen Albtraum.
Im Mittelpunkt steht Bear, der seit langer Zeit Gefühle für Nikki hat, sich aber nicht traut, ihr ehrlich zu sagen, was in ihm vorgeht. Als er durch einen seltsamen Wunschgegenstand die Möglichkeit bekommt, sich genau das zu holen, was er sich insgeheim immer erträumt hat, wirkt es zunächst wie eine groteske Erfüllung seiner Fantasie. Nikki liebt ihn plötzlich. Mehr als alles andere. Bedingungslos. Vollkommen. Ohne Abstand. Ohne eigenes Maß.
Und genau daraus zieht Obsession seine ganze Wucht. Denn was zunächst wie die Erfüllung eines romantischen Traums aussieht, kippt sehr schnell in etwas zutiefst Verstörendes. Nikki liebt Bear nicht wirklich aus freien Stücken. Sie wird zu dieser Liebe gezwungen. Ihr eigener Wille wird regelrecht ausgelöscht, und je länger der Film läuft, desto deutlicher wird, dass hier nicht sie die eigentliche Gefahr ist, sondern sein Wunsch.
Das hat mir besonders gefallen, weil der Film den sogenannten netten, unsicheren Jungen nicht einfach entschuldigt. Bear wirkt am Anfang verletzlich, unbeholfen und fast bemitleidenswert. Man versteht seine Unsicherheit. Aber nach und nach wird klar, wie egoistisch sein Wunsch eigentlich ist. Er will nicht, dass Nikki glücklich ist. Er will, dass sie ihn liebt. Das ist ein gewaltiger Unterschied, und genau daraus entsteht der eigentliche Horror des Films.
Inde Navarrette ist für mich ganz klar das Zentrum des Films. Ihre Darstellung von Nikki ist unglaublich intensiv. Sie muss gleichzeitig liebevoll, verzweifelt, unheimlich, leer, panisch und fast schon körperlich gefangen wirken. Besonders stark fand ich die Momente, in denen man spürt, dass irgendwo in dieser veränderten Nikki noch die echte Person steckt, die gar nicht will, was mit ihr passiert. Diese kurzen Blicke, dieses innere Kämpfen, diese verzerrte Mischung aus Hingabe und Qual – das bleibt hängen.
Der Film ist dabei nicht nur wegen seiner blutigen oder schockierenden Momente unangenehm. Viel stärker ist dieses Gefühl, dass hier eine romantische Fantasie komplett entlarvt wird. Dieses alte Kino- und Popkulturmotiv vom Jungen, der nur lange genug lieben muss, bis das Mädchen ihn endlich erkennt, wird hier regelrecht vergiftet. Obsession zeigt, wie erschreckend diese Vorstellung eigentlich ist, wenn man sie konsequent zu Ende denkt.
Auch atmosphärisch hat der Film bei mir funktioniert. Er ist oft düster, eng und unangenehm still. Viele Szenen fühlen sich so an, als würde gleich etwas Schreckliches passieren, auch wenn noch gar nichts passiert. Der Horror liegt nicht nur im Übernatürlichen, sondern in der Situation selbst. In dieser Beziehung, die gar keine Beziehung ist. In dieser Nähe, die nicht freiwillig entsteht. In dieser Liebe, die eigentlich Gewalt ist.
Trotzdem ist Obsession kein perfekter Film. Manchmal wiederholt sich die Struktur etwas. Bear reagiert über längere Strecken ähnlich hilflos und entsetzt, während Nikki immer weiter eskaliert. Da hätte ich mir stellenweise noch etwas mehr Entwicklung oder Variation gewünscht. Auch einige Nebenfiguren bleiben eher funktional und erreichen nie die gleiche Intensität wie Nikki und Bear.
Aber das schmälert die Wirkung für mich nur bedingt. Denn der Kern des Films ist stark genug, um diese Schwächen aufzufangen. Obsession bleibt unangenehm, traurig und gleichzeitig faszinierend. Es ist kein Horrorfilm, bei dem man einfach nur auf den nächsten Schock wartet. Vielmehr sitzt man da und merkt, wie sich die eigentliche Grausamkeit immer weiter unter die Haut schiebt.
Nach dem Kinobesuch hatte ich jedenfalls nicht das Gefühl, einfach nur einen weiteren kleinen Horrorfilm gesehen zu haben. Obsession wirkt nach, weil er eine vertraute Fantasie nimmt und sie in etwas Hässliches verwandelt. Der Film zeigt sehr klar, dass Liebe ohne freien Willen keine Liebe ist, sondern Besitz. Und dass der Wunsch, von jemandem geliebt zu werden, schnell monströs werden kann, wenn einem das eigene Verlangen wichtiger ist als der Mensch dahinter.
Für mich ist Obsession deshalb ein sehr starker, verstörender Horrorfilm. Nicht unbedingt, weil er das Genre neu erfindet, sondern weil er seine einfache Grundidee konsequent, bitter und mit einer starken Hauptdarstellerin umsetzt. Das ist unbequem, manchmal schwer auszuhalten, aber genau deshalb so wirkungsvoll.