ES: Welcome to Derry - Die komplette erste Staffel (4K UHD Steelbook)
Als bekannt wurde, dass das Universum von ES um eine eigene Serie erweitert werden sollte, war ich zunächst vorsichtig optimistisch. Die beiden Kinofilme von Andy Muschietti hatten die Geschichte des „Clubs der Verlierer“ für mich überzeugend erzählt, und gerade bei beliebten Marken besteht immer die Gefahr, dass neue Produktionen lediglich vom bekannten Namen profitieren wollen. Nach der ersten Staffel von ES: Welcome to Derry kann ich allerdings sagen, dass diese Sorgen weitgehend unbegründet waren. Die Serie versteht es, auf den Fundamenten der Filme aufzubauen und gleichzeitig ihren ganz eigenen Weg zu gehen. Statt eine bloße Vorgeschichte abzuliefern, erweitert sie die Mythologie rund um Derry und Pennywise auf interessante Weise und erschafft dabei eine Horrorserie, die weit mehr zu bieten hat als bloße Schockeffekte.
Die Handlung führt zurück ins Jahr 1962, Jahrzehnte vor den Ereignissen der Kinofilme. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe Jugendlicher, die dem rätselhaften Verschwinden eines Freundes nachgeht und dabei auf Geheimnisse stößt, die tief in der Geschichte Derrys verwurzelt sind. Gleichzeitig entwickelt sich in der Umgebung ein geheimes Militärprojekt, dessen Nachforschungen mit Kräften in Berührung kommen, die besser verborgen geblieben wären. Schon früh wird deutlich, dass hier nicht nur eine weitere Monstergeschichte erzählt werden soll. Die Serie interessiert sich für die Vergangenheit einer Stadt, deren Wunden nie verheilt sind und deren Bewohner seit Generationen unter einem Fluch leben, den viele zwar spüren, aber kaum jemand wirklich versteht.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Atmosphäre. Derry war schon in Stephen Kings Roman weit mehr als nur ein Schauplatz, und genau dieses Gefühl transportiert die Serie hervorragend. Die Straßen wirken vertraut und gleichzeitig bedrohlich. Hinter jeder Häuserfassade scheint sich ein weiteres Geheimnis zu verbergen. Selbst scheinbar alltägliche Szenen werden von einer latenten Unruhe begleitet. Man hat ständig das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Diese unterschwellige Beklemmung zieht sich durch sämtliche Episoden und sorgt dafür, dass die Serie auch dann fesselt, wenn gerade kein offensichtlicher Horror stattfindet.
Dabei nimmt sich die Handlung erfreulich viel Zeit für ihre Figuren. Die Jugendlichen stehen zwar im Mittelpunkt, doch auch viele Erwachsene erhalten ausreichend Raum, um eigene Geschichten und Konflikte zu entwickeln. Themen wie Verlust, familiäre Spannungen, Ausgrenzung, Vorurteile und persönliche Ängste spielen eine wichtige Rolle und verleihen der Serie eine emotionale Ebene, die weit über klassische Horrorkost hinausgeht. Nicht jede Figur erhält die gleiche Tiefe, und einige Nebenhandlungen wirken gelegentlich etwas überladen, insgesamt gelingt es der Serie aber sehr gut, glaubwürdige Menschen zu zeigen, deren Schicksal den Zuschauer tatsächlich interessiert.
Besonders gelungen finde ich den Umgang mit Pennywise. Bill Skarsgård beweist erneut, warum seine Interpretation der Figur längst Kultstatus erreicht hat. Sein Clown wirkt gleichzeitig verspielt, grotesk, faszinierend und zutiefst verstörend. Die Serie begeht nicht den Fehler, ihn inflationär einzusetzen. Stattdessen bleiben seine Auftritte etwas Besonderes. Jede Begegnung erzeugt Spannung und erinnert daran, dass hinter den Ereignissen in Derry eine Macht lauert, deren wahres Ausmaß kaum zu begreifen ist. Gerade diese Zurückhaltung macht die Figur noch wirkungsvoller.
Spannend ist zudem, wie die Serie das größere Stephen-King-Universum streift. Fans von Kings Werken werden einige Verbindungen entdecken, die sich erstaunlich organisch in die Handlung einfügen. Besonders die Einbindung bekannter Figuren und Konzepte aus anderen Geschichten wirkt nie wie billiger Fanservice, sondern bereichert die Mythologie auf sinnvolle Weise. Dadurch entsteht das Gefühl, dass Derry nur ein Teil eines wesentlich größeren und dunkleren Gesamtbildes ist.
Inszenatorisch bewegt sich Welcome to Derry auf einem bemerkenswert hohen Niveau. Die Serie sieht in vielen Momenten eher wie ein aufwendig produzierter Kinofilm als wie klassische Fernsehunterhaltung aus. Die Rekonstruktion der frühen Sechzigerjahre ist beeindruckend gelungen. Kulissen, Fahrzeuge, Kostüme und Ausstattung erzeugen eine glaubwürdige Zeitreise, ohne jemals künstlich zu wirken. Gleichzeitig bewahren die Regisseure stets die düstere Märchenhaftigkeit, die bereits die beiden Filme geprägt hat. Realität und Albtraum verschmelzen immer wieder miteinander, wodurch zahlreiche Szenen eine beinahe surreale Wirkung entfalten.
Auch vor drastischen Momenten schreckt die Serie nicht zurück. Wer Stephen Kings Roman kennt, weiß, dass die Geschichte niemals nur auf klassische Gruselelemente setzt, sondern oft tief in menschliche Abgründe blickt. Genau diesen Mut besitzt auch Welcome to Derry. Einige Entwicklungen sind überraschend hart, manche Szenen ausgesprochen unangenehm und mehrere Wendungen besitzen echtes Schockpotenzial. Dennoch wirkt nichts davon reißerisch oder selbstzweckhaft. Der Horror entsteht aus der Geschichte heraus und unterstützt die Themen der Serie, anstatt lediglich auf schnelle Effekte abzuzielen.
Die technische Umsetzung der 4K-UHD kann ebenfalls überzeugen. Das Bild präsentiert sich durchgehend auf sehr hohem Niveau. Die Schärfe fällt ausgezeichnet aus und bringt zahlreiche Details der Kulissen, Kostüme und Maskeneffekte zur Geltung. Besonders die Gestaltung des historischen Derrys profitiert sichtbar von der hohen Auflösung. Fassaden, Straßenzüge und Innenräume wirken plastisch und lebendig. Gleichzeitig überzeugt die UHD mit kräftigen Schwarzwerten und einer gelungenen HDR-Abstimmung. Vor allem intensive Farbakzente – etwa die ikonischen roten Ballons oder verschiedene Lichtquellen in den nächtlichen Szenen – profitieren sichtbar vom erweiterten Dynamikumfang. Auch in dunklen Passagen bleibt die Durchzeichnung erfreulich stabil, wodurch wichtige Details nicht verloren gehen. Insgesamt hinterlässt die Bildqualität einen hervorragenden Eindruck und gehört für mich zu den Stärken dieser Veröffentlichung.
Noch beeindruckender fällt die englische Dolby-Atmos-Tonspur aus. Die Abmischung nutzt die Möglichkeiten moderner Heimkinos konsequent aus. Geräusche bewegen sich präzise durch den Raum, Stimmen bleiben jederzeit klar verständlich, und die zahlreichen atmosphärischen Effekte sorgen für eine bemerkenswerte Räumlichkeit. Flüstern scheint plötzlich hinter dem Zuschauer aufzutauchen, entfernte Geräusche wandern durch die Lautsprecherlandschaft und die Musik entfaltet eine enorme Präsenz. Gerade in den Horrorpassagen entsteht dadurch eine Intensität, die erheblich zur Wirkung beiträgt. Die deutsche Synchronfassung klingt zwar sauber und bleibt jederzeit verständlich, erreicht jedoch weder die Dynamik noch die Räumlichkeit der englischen Atmos-Spur. Schade ist insbesondere, dass der deutsche Ton lediglich in Dolby Digital 5.1 vorliegt. Hier wäre eine hochwertigere Ausstattung wünschenswert gewesen.
Die Synchronisation selbst gefällt mir überwiegend gut. Die meisten Sprecher passen hervorragend zu ihren Rollen und transportieren die Emotionen der Figuren glaubwürdig. Lediglich bei einigen jüngeren Nebenfiguren wirken die Stimmen stellenweise etwas älter als die dargestellten Charaktere. Das fällt zwar gelegentlich auf, beeinträchtigt das Seherlebnis aber nicht nachhaltig.
Das Bonusmaterial bewegt sich auf einem soliden Niveau. Zahlreiche Featurettes werfen einen Blick hinter die Kulissen der Produktion und beschäftigen sich unter anderem mit der Entstehung Derrys, der Entwicklung von Pennywise und den Hintergründen einzelner Episoden. Besonders Fans der Filme dürften die Einblicke in die Erweiterung des bekannten Universums zu schätzen wissen. Zwar hätte ich mir noch ausführlichere Dokumentationen gewünscht, die vorhandenen Beiträge bieten jedoch genügend interessante Informationen, um einen zusätzlichen Blick wert zu sein.
Das Steelbook selbst macht einen ausgesprochen hochwertigen Eindruck. Die Gestaltung passt hervorragend zur düsteren Atmosphäre der Serie und fügt sich optisch sehr schön neben die bisherigen Veröffentlichungen der beiden Filme ein. Für Sammler dürfte diese Edition daher die attraktivste Variante darstellen.
Nach dem Finale blieb bei mir vor allem ein Gedanke zurück: Ich möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht. ES: Welcome to Derry gelingt etwas, das nur wenigen Prequels gelingt. Die Serie erweitert eine bekannte Geschichte sinnvoll, vertieft ihre Mythologie und erzählt gleichzeitig eine eigenständige Handlung, die auch ohne die Filme funktioniert. Atmosphärisch, visuell und erzählerisch gehört diese erste Staffel für mich zu den stärksten Horrorserien der letzten Jahre. Sie erinnert daran, warum Stephen Kings Welt bis heute eine solche Faszination ausübt und warum Derry einer der unheimlichsten Orte der modernen Horrorliteratur geblieben ist.
Wenn man das nun in eine Sternebewertung übertragen möchte sähe die wohl so aus:
Bildqualität: 5/5
Tonqualität: 4,5/5
Ausstattung: 4/5
Serie: 4,5/5
Gesamt: 4,5/5 Sterne
