Paris Murder Mystery – Jodie Foster zwischen Kontrolle, Schuld und dem Zweifel an der eigenen Wahrnehmung (Filmkritik)

  • Paris Murder Mystery – Jodie Foster zwischen Kontrolle, Schuld und dem Zweifel an der eigenen Wahrnehmung

    Paris Murder Mystery hat mich im Kino nicht als klassischer Krimi gepackt, sondern eher als stilles, etwas eigenwilliges Porträt einer Frau, die plötzlich die Kontrolle über ihr eigenes inneres System verliert. Wer hier einen raffiniert gebauten Whodunit erwartet, bei dem sich Spur um Spur zu einer großen Enthüllung verdichtet, wird vermutlich nicht ganz auf seine Kosten kommen. Der Film interessiert sich weniger für die Frage, wer am Ende der Täter ist, sondern viel stärker für die innere Erschütterung seiner Hauptfigur.

    Jodie Foster spielt Lilian Steiner, eine amerikanische Psychiaterin, die seit langer Zeit in Paris lebt und arbeitet. Sie ist eine Frau, die beruflich vom Zuhören lebt, aber selbst kaum etwas von sich preisgibt. Ihre Sitzungen wirken kontrolliert, fast altmodisch, sie nimmt Gespräche auf, beobachtet, analysiert, hält Abstand. Man hat anfangs das Gefühl, dass sie sich hinter dieser professionellen Haltung eingerichtet hat. Gefühle anderer Menschen kann sie sortieren, benennen und deuten. Nur die eigenen hält sie offenbar lieber auf Distanz.

    Als ihre langjährige Patientin Paula stirbt, gerät genau dieses System ins Wanken. Offiziell sieht alles nach Selbstmord aus, doch Lilian will das nicht akzeptieren. Der Gedanke, dass Paula ausgerechnet mit Medikamenten gestorben sein könnte, die sie ihr selbst verschrieben hat, trifft sie an einem empfindlichen Punkt. Plötzlich steht nicht nur die Frage im Raum, was mit Paula wirklich geschehen ist, sondern auch, welche Verantwortung Lilian selbst trägt. Hätte sie etwas erkennen müssen? Hat sie etwas übersehen? Oder ist ihr Verdacht auf Mord nur ein Versuch, sich von der eigenen Schuld zu befreien?

    Diese Unsicherheit ist für mich das Spannendste am Film. Lilian beginnt zu ermitteln, aber diese Ermittlungen wirken weniger wie die zielstrebige Suche nach einem Täter als wie eine Fluchtbewegung. Sie sucht nach einer äußeren Erklärung, weil die innere zu unangenehm wäre. Und genau dadurch wird Paris Murder Mystery interessanter, als es seine Krimihandlung zunächst vermuten lässt. Es geht nicht bloß um einen Todesfall, sondern um eine Frau, die plötzlich merkt, dass ihre Gewissheiten brüchig geworden sind.

    Jodie Foster spielt das großartig. Sie ist kühl, präzise, konzentriert, aber unter dieser Oberfläche arbeitet es permanent. Vieles passiert in ihrem Gesicht, in kleinen Blicken, in Momenten des Zögerns, in diesem leisen Erschrecken darüber, dass sie sich selbst nicht mehr ganz trauen kann. Foster braucht keine großen Ausbrüche, um diese Verunsicherung sichtbar zu machen. Sie zeigt Lilian als Frau, die gewohnt ist, andere zu lesen, aber an sich selbst scheitert. Gerade darin liegt die Kraft dieser Darstellung.

    Sehr schön funktioniert auch das Zusammenspiel mit Daniel Auteuil als Gabriel, ihrem Ex-Mann. Die gemeinsamen Szenen haben eine entspannte, manchmal fast beiläufig komische Vertrautheit. Man spürt sofort, dass diese beiden eine Geschichte miteinander haben. Da sind alte Verletzungen, aber auch Nähe, Gewohnheit und ein trockener Humor, der dem Film gut tut. Einige dieser Momente gehören für mich zu den stärksten des Films, weil sie mehr Leben und Wärme besitzen als der eigentliche Kriminalfall. Manchmal hätte ich mir sogar gewünscht, der Film würde diesem Verhältnis noch mehr Raum geben.

    Denn als Krimi bleibt Paris Murder Mystery tatsächlich eher zurückhaltend. Die Ermittlungen plätschern mehr, als dass sie sich zuspitzen. Es gibt Verdächtige, Spuren, verschwundene Aufnahmen und merkwürdige Begegnungen, aber selten entsteht daraus echte Spannung. Der Film scheint selbst nicht besonders interessiert daran zu sein, ein besonders cleveres Rätsel zu erzählen. Wer also einen packenden Thriller erwartet, könnte enttäuscht sein. Dafür fehlt dem Ganzen die Dringlichkeit.

    Stattdessen wechselt Rebecca Zlotowski immer wieder die Tonlage. Mal wirkt der Film wie ein kühles Psychodrama, dann fast wie eine leichtfüßige französische Krimikomödie, dann wieder surreal und traumartig. Gerade die hypnotischen und unterbewussten Momente wirken etwas seltsam, aber auch reizvoll. Nicht alles fügt sich sauber zusammen, manches bleibt bewusst schwebend oder wirkt sogar ein wenig überdreht. Aber genau diese kleinen Brüche geben dem Film auch Eigenart.

    Die psychologische Ebene hätte für meinen Geschmack trotzdem tiefer gehen dürfen. Für einen Film über eine Psychiaterin bleibt erstaunlich vieles an der Oberfläche. Lilians Verhältnis zu ihrem Sohn, ihre Distanz zu anderen Menschen, ihre emotionale Verschlossenheit – all das wird berührt, aber nicht immer wirklich ausgeschöpft. Man erkennt, worauf der Film hinauswill, aber er bohrt nicht so tief, wie er es könnte. Gerade weil die Ausgangslage so interessant ist, hätte ich mir an manchen Stellen mehr Schärfe und mehr Konsequenz gewünscht.

    Trotzdem hat der Film eine besondere Atmosphäre. Dieses herbstliche Paris, die ruhigen Räume, die Gespräche, die kleinen Absurditäten, der feine Humor – all das sorgt dafür, dass man gern in dieser Welt bleibt. Paris Murder Mystery ist kein Film, der einen mitreißt oder überwältigt, sondern einer, der eher langsam wirkt. Er ist elegant, manchmal verschroben, manchmal melancholisch und in seinen besten Momenten sehr charmant.

    Am Ende ist Paris Murder Mystery für mich kein großer Thriller und auch kein tiefschürfendes Psychodrama. Dafür ist der Kriminalfall zu dünn und die psychologische Ausarbeitung stellenweise zu vorsichtig. Aber als Film über Schuld, Kontrollverlust und die Unzuverlässigkeit der eigenen Wahrnehmung hat er durchaus seinen Reiz. Vor allem ist er ein sehr schöner Jodie-Foster-Film. Sie trägt das Ganze mit einer Souveränität, die viele Schwächen auffängt.

    Ich bin also nicht aus dem Kino gegangen und dachte, ich hätte einen besonders raffinierten Krimi gesehen. Aber ich hatte das Gefühl, einer faszinierenden Figur zugesehen zu haben, die langsam aus ihrer eigenen Ordnung fällt. Und manchmal reicht genau das, wenn eine Schauspielerin wie Jodie Foster im Zentrum steht.

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